Wie ein muslimischer Flüchtling zum katholischen Priester wurde

Als er mit Anfang 20 zum ersten Mal in seinem Leben eine Kirche betrat, fühlte er sich zunächst unsicher: "Es war schon eine Überwindung für mich, da hineinzugehen", erzählt Senad Mrkaljevic. "Ich habe mich gefragt: 'Ist das in Ordnung, was Du da tust'?"
Seit ein paar Wochen ist der 41-Jährige katholischer Priester. Er wurde in der Berliner Hedwigskathedrale von Erzbischof Heiner Koch geweiht. Damit ist er in Deutschland eine absolute Ausnahmeerscheinung: Bundesweit gibt es demnach keine weiteren katholischen Geistlichen mit einer solchen Vorgeschichte.
Was allerdings nicht heißt, dass so etwas weltweit niemals vorkommt: Antuan Ilgit, der als Kind türkischer Eltern in Bayern geboren wurde und später in der Türkei aufwuchs, wurde 2023 von Papst Franziskus zum Weihbischof in Anatolien ernannt. Der Wirtschaftswissenschaftler konvertierte als Erwachsener vom Islam zum Christentum; er ist der erste Jesuit mit türkischer Staatsbürgerschaft.
Gutes Zusammenleben der Religionen in Bosnien und Herzegowina
Und auch in umgekehrter Richtung gibt es ähnliche Lebensläufe: Rabeya Müller (1957–2024) etwa, Katholikin aus Mayen, konvertierte als Erwachsene zum Islam. Später war sie liberale Imamin in Deutschland.
Senad Mrkaljevic erzählt an diesem Berliner Sommertag von seinem Leben, das nicht immer geradlinig verlief. Geboren wurde er in Brcko im heutigen Bosnien und Herzegowina. "Ich erinnere mich daran, dass das Zusammenleben der Religionen damals in meiner Nachbarschaft gut klappte. Ich sah zum Beispiel als Kind bei unseren serbischen Nachbarn eine christlich-orthodoxe Liturgie im Fernsehen und erklärte danach: "Ich will Iman werden." Da habe der Nachbar entgegnet: "'Werde doch Pape' - also Gemeindepriester. Damals lachten wir zusammen darüber; ein paar Jahre später, als der Krieg ausbrach, wäre das nicht mehr möglich gewesen."
Auch er nahm den Weg vom Islam zum Katholizismus: der in Deutschland geborene Jesuit Antuan Ilgit. Heute ist er Weihbischof im Apostolischen Vikariat Anatolien in der Türkei. Der in Deutschland geborene Jesuit Antuan Ilgit wurde von Papst Franziskus zum Weihbischof im Apostolischen Vikariat Anatolien in der Türkei ernannt. Er wurde als Muslim in Bayern geboren und konvertierte später zur katholischen Kirche.
Senad floh mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg aus seiner umkämpften Heimatstadt zunächst nach Wien. Später kam er nach Berlin. "Es war keine einfache Zeit", erzählt er rückblickend. "Es fiel mir schwer, in der Schule Fuß zu fassen." Neben den kulturellen Unterschieden und der fremden Sprache kam hinzu, dass er von Geburt an eine Sehbehinderung hat. Das alles führte dazu, dass Senad zunächst auf die Sonderschule kam.
Er sei immer so ein bisschen das Sorgenkind seiner Familie gewesen, erzählt der groß gewachsene Mann, der zu seiner Jeans ein schwarzes Hemd mit weißem Priesterkragen trägt. "Meine beiden älteren Brüder kamen gut zurecht in Deutschland. Um mich machte sich meine Mutter Sorgen: 'Was wird aus Dir werden?'"
Der muslimische Glaube habe in seiner Familie keine große Bedeutung gehabt. "Interessanterweise war ich als Jugendlicher der einzige, der zu Ramadan fastete", sagt er lachend. Er sei vielleicht schon immer "ein religiös Suchender" gewesen.
"Ich wollte kein Doppelleben führen"
Mit 23 Jahren begann er, in der Bibel zu lesen. Und er fing an, sonntags um 8 Uhr in den Gottesdienst zu gehen. "Das habe ich erst einmal heimlich gemacht. Ich wohnte damals bei meinem älteren Bruder. Wenn ich aus der Kirche kam, schlief er immer noch."
Auf die Dauer sei es aber belastend gewesen. "Ich wollte kein Doppelleben führen." Als er überlegte, sich katholisch taufen zu lassen, beschloss er auch, seine Familie über diesen neuen Weg in seinem Leben zu informieren. "Besonders für meine Mutter war das ein Problem. Sie hat mir ins Gewissen geredet", erzählt Senad.
Dennoch blieb er bei seinem Vorhaben – und ließ sich taufen. Ihre Zweifel aber habe er gut verstehen können: Obwohl seine muslimische Familie nie besonders religiös gewesen war, sei der Islam durch das Leben in einem fremden Land natürlich auch identitätsstiftend gewesen. "Als Jugoslawien zusammenbrach, gab der muslimische Glaube Identität. Alles andere war Verrat."
Ein Gott, zwei Religionen – Christentum und Islam
Christen und Muslime leben seit Jahrhunderten mit-, neben- und gegeneinander. Doch wie nah oder fern sind sich beide Religionen? Katholisch.de zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf.
Auf der Abendschule schaffte Senad schließlich den Realschulabschluss, dann das Fachabitur. Er machte eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich eines Pflegedienstes. Die ganze Zeit über arbeitete es weiter in ihm – er wollte katholischer Priester werden.
"Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, ob das ein Weg für mich sein könnte", sagt er. Klar sei für ihn gewesen, dass er aber auch gleichzeitig weiter den Kontakt zu seiner Mutter suchen müsse, die mit seinem Vorhaben immer noch nicht einverstanden war. "Ich wusste, für meine Seele wäre ein Kontaktabbruch nicht gesund gewesen. Und mein Weg wäre dann auch nicht positiv verlaufen."
Er fing an, im Studienhaus Sankt Lambert im rheinland-pfälzischen Lantershofen Theologie zu studieren - eine Ausbildungsstätte für Spätberufene. 2023 schloss er sein Studium ab. Er habe sich – "mit Gottes Hilfe" – gegen alle Widerstände durchgekämpft: Aufgeben sei nicht infrage gekommen. "Das ist etwas, was ich in meinem Beruf als Priester auch anderen Menschen mitgeben will", sagt er.
Brückenbauer zwischen den Religionen
Weiter ist für ihn wichtig: "Es gibt – genau wie bei den Christen – viele Muslime, die säkular sind und eher aus der familiären Tradition heraus dem Islam angehören." Er verstehe sich deshalb auch als Brückenbauer zwischen den beiden Religionen. "Interessant war, dass meine Konversion und mein Entschluss, Priester zu werden, bei meiner muslimischen Familie in Bosnien und auch bei meinen Brüdern durchaus Anerkennung hervorrief", sagt Senad.
Zu seiner Biographie passt, dass er als Kaplan in der Pfarrei Heilige Edith Stein in Berlin-Neukölln eingesetzt ist – ein Berliner Stadtteil mit einem hohen Anteil von Muslimen. "Mir geht es um Toleranz – zwischen Christen, Juden, Muslimen und Nichtgläubigen", sagt Senad, der mit den Gemeindemitgliedern etwa gern zu einem Fußballspiel von Hertha geht – und Currywurst aus Schweinefleisch mag.
Dass er jetzt Priester ist – damit hat sich inzwischen auch seine Mutter ausgesöhnt: Neben seinen Brüdern kam auch sie zu seiner Priesterweihe vor ein paar Wochen.