Aus Sicht des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Heiner Wilmer, sind zentrale Reformthemen des Synodalen Wegs nicht abgeräumt. Angesprochen auf Themen wie Teilhabe, Frauen, Sexualmoral oder Zölibat sagte Wilmer in einem Interview mit dem Portal "kirche-und-leben.de" (Freitag): "Die Themen sind nicht abgeräumt, sie werden weiter bearbeitet. Sie sind Teil der Weltsynode!" Im Herbst nehme er an Treffen europäischer Theologinnen und Theologen sowie Bischöfen zu diesen Themen in Linz teil. Die Fragen nach menschlichen Beziehungen "in all ihren Schattierungen" seien Thema bei einem Treffen der Vorsitzenden aller Bischofskonferenz in Rom.
Wilmer erklärte weiter, dass die Satzung der Synodalkonferenz in Rom in Bearbeitung sei. "Von den Verantwortlichen dort weiß ich, dass es noch etwas Zeit braucht. Ich bin zuversichtlich, dass wir da weiterkommen", so der Münsteraner Bischof. Das Gremium geht auf einen Beschluss des Synodalen Wegs der Kirche in Deutschland zurück und soll ein stetiges synodales Gremium auf Bundesebene sein. Ursprünglich sollten sich Bischöfe und Laien im November erstmals treffen.
"Wir kommen nur weiter, wenn wir gemeinsam unterwegs sind"
Zum Thema Laienpredigt sagte Wilmer, er wisse, dass sich im Bistum Münster seit vielen Jahren getaufte Frauen und Männer mit diesem Thema auseinandersetzen und eine Kultur entstanden sei. "Vor dieser gewachsenen Tradition habe ich großen Respekt und empfinde tiefe Dankbarkeit", so Wilmer. Er habe aber auch Respekt vor der Rückmeldung aus Rom. "Zugleich bin ich fest davon überzeugt, dass die wunderbaren Seelsorgerinnen und Seelsorger in unserem Bistum einen guten Weg finden werden, um mit den Gegebenheiten gut umzugehen. Ich habe großes Vertrauen in sie und bin ihnen für ihre großartige Arbeit und ihr Zeugnis sehr dankbar", so Wilmer. Im Juni hatte der vatikanische Liturgiepräfekt, Kardinal Arthur Roche, in einem Brief an Wilmer die Bitte der deutschen Bischöfe um eine Predigterlaubnis für Laien abgelehnt. Die Bitte geht auf einen Beschluss des Synodalen Wegs zurück.
Grundsätzlich müsse die Kirche aus seiner Sicht synodal sein, so Wilmer. "Wir kommen nur weiter, wenn wir gemeinsam unterwegs sind." Als "Schlüsseltext für die postsäkulare Gesellschaft" bezeichnete Wilmer dabei die Emmaus-Erzählung. "Da sind Menschen unterwegs – nicht top-down, nicht nur face-to-face, sondern side-by-side, Seite an Seite, und gehen, schweigen, befragen sich gegenseitig über ihre Erlebnisse, Zweifel, Unsicherheiten."
Bischof Heiner Wilmer blickt mit Sorge auf einen möglichen Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt. "Aber wir sollten uns auch hier nicht von Angst lähmen lassen", fordert er. Man dürfe "insgesamt noch mutiger werden. Da kann ich mir noch mehr Widerständigkeit vorstellen."
Wilmer zeigte sich im Interview überzeugt, dass zwar "bestimmte Ausprägungen unserer Institution Kirche" zurückgingen und in eine gewisse Krise gekommen seien. Zugleich erlebe er, dass das Interesse an Religion zurückgekehrt sei. Das machte er unter anderem an öffentlichen Gebeten bei der Fußball-Weltmeisterschaft oder der Zahl der Neugetauften in Frankreich fest. "Der Zauber ist zurück", so Wilmer. " Ich bin zutiefst davon überzeugt: Der Faktor Religion wird in Zukunft auch in Deutschland wieder deutlich präsenter sein als in den vergangenen Jahrzehnten."
Zu seiner parallelen Aufgabe als DBK-Vorsitzender und Bischof von Münster sagte Wilmer, er wolle so präsent wie möglich im Bistum sein. "Zugleich bitte ich um Nachsicht, wenn es Überschneidungen mit meinen Aufgaben als Vorsitzender der Bischofskonferenz gibt." Er sei aber "guter Dinge". Ihn trage der Glaube, Freunde und Freundinnen sowie "wunderbare Teams" in Münster, Bonn und Berlin. " Und dann hoffe ich, dass der liebe Gott mir meine gute Gesundheit erhält."
"Da kann ich mir noch mehr Widerständigkeit vorstellen"
Angesichts der Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt und dem möglichen Erfolg der AfD betonte Wilmer, er schaue "mit großer Sorge" auf das Bundesland. "Aber wir sollten uns auch hier nicht von Angst lähmen lassen." Er sei schon jetzt dankbar für "prophetische Stimmen und für Menschen, die auf die Straßen gehen", so der Bischof. "Aber ich glaube, wir dürften insgesamt noch mutiger werden. Da kann ich mir noch mehr Widerständigkeit vorstellen." Zur Frage, ob Kirchenvertreter nicht öffentlich mit AfD-Mitgliedern sprechen müssten, sagte Wilmer: "Wir sind keine Gesprächsverweigerer." Gleichwohl müsse die Kirche darauf achten, nicht versehentlich zu Wahlhelfern zu werden "von denen, die fremdenfeindlich und antisemitisch sind", so Wilmer. "Das können wir als Kirche nicht zulassen, ganz klar."
Im Interview sprach Wilmer auch über seinen Urlaub. Diesen habe er für eine ausgedehnte Tour durch sein neues Bistum genutzt – "inkognito in Jeans, Poloshirt und Turnschuhen". Eine Woche habe er mit seinem Cousin und dem Münsteraner Weihbischof Rolf Lohmann eine Fahrradtour den Rhein entlang gemacht, eine zweite Woche habe er den westfälischen Teil der Diözese. "Ich bin überrascht, wie viele Menschen mich erkannt und angesprochen haben." In Herten habe ihn ein Mann in der Fußgängerzone angesprochen, weil er wie "ein perfekter Doppelgänger des neuen Bischofs" aussehe. "Da habe ich geantwortet: Sie sind tatsächlich nicht der Erste, der mir das sagt", so Wilmer und fügt hinzu: "Natürlich habe ich mich zu erkennen gegeben." (cbr)