"Themen, die für Christen nicht verhandelbar sind"

Erzbischof Koch: Kirche muss Risiko eingehen, AfD-Wähler zu verlieren

Erzbischof Koch: Kirche muss Risiko eingehen, AfD-Wähler zu verlieren
Bild: picture alliance/epd-bild/Christian Ditsch

In knapp zwei Wochen stehen die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern an – in aktuellen Umfragen liegt die AfD in der Hauptstadt bei 18 Prozent, im nördlichen Bundesland gar bei 37. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht der Berliner Erzbischof Heiner Koch (72) über die Wahlen und darüber, wie Kirche mit AfD-Wählern in ihren eigenen Reihen umgehen sollte. Auch zu einer möglichen Öffnung für Geschäfte an Sonntagen hat er eine klare Meinung.

Frage: Herr Erzbischof, im Osten stehen mehrere Landtagswahlen vor der Tür. Wie wichtig ist da eine Haltung der Kirche für Demokratie?

Koch: Haltung ist äußerst wichtig. Wir sind Teil der Gesellschaft, und Demokratie gibt uns die Möglichkeit, in Freiheit und Verantwortung unsere Gesellschaft mitzuprägen. Es mag im Bewusstsein mancher Katholiken noch die Vorstellung geben, das Religiöse stehe auf der einen und das Gesellschaftliche getrennt davon auf der anderen Seite. Aber Demokratie ist ein Raum zur Gestaltung und zur Freiheit und das heißt auch für jeden Christen und Kirche insgesamt: Engagier dich, bring dich ein!

Frage: Wie erklären Sie sich, dass gerade im Osten offenbar der Frust über den Zustand der Demokratie aktuell so groß ist, dass die Menschen zur AfD strömen?

Koch: Ich glaube, dass im Osten Deutschlands Menschen den Eindruck gewinnen konnten, Demokratie bringe automatisch und permanent größeres Wachstum, größeren Wohlstand, größere Entfaltung. Aber Demokratie heißt: sich einbringen, sich beteiligen. Erst dadurch wird sie lebendig. Einer der Gründe für das Erstarken der AfD könnte auch sein, dass sich immer weniger Menschen in den politischen Parteien engagieren. Mich erschrecken die häufig nur noch schwachen Mitgliederzahlen von Parteien und Vereinen.

Frage: Die klare Haltung des Erzbistums zeigt sich in der Aktion "Mit Herz und Haltung für Demokratie und Nächstenliebe", bei der auch je ein Plakat an die Gemeinden verteilt wurde. Doch nicht in jeder Gemeinde werden sie auch aufgehängt. Wie gespalten sind die Gemeinden teils in sich?

Koch: Ich merke, dass es in nicht wenigen Pfarreien eine Zurückhaltung gibt, sich politisch zu äußern, aus Angst vor Polarisierungen. Sich zu positionieren, bedeutet nämlich auch, dass man sich gegen gewisse Ansichten mancher Mitmenschen stellt. Man sagt mir: Wenn wir die kirchliche Position zu massiv nach außen tragen, spalten wir die ohnehin kleine Gemeinde. Deshalb braucht es Mut und klare Kommunikation im Auftreten.

Frage: Muss Kirche das Risiko eingehen, dass sich AfD-Wähler innerhalb der Gemeinde abwenden?

Koch: Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen. Die Liebe Gottes ist mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar, dabei bleibe ich! Es geht um Themen, die für uns als Christen nicht verhandelbar sind, wesentlich um die unveräußerliche Menschenwürde eines jeden Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Begabung oder Geschlecht. Man kann dann unterschiedlicher Meinung sein, welche Maßnahmen konkret politisch zu ergreifen sind und welche nicht. Doch die Grundoption ist nicht verhandelbar.

Frage: Kann eine Aktion wie "Mit Herz und Haltung für Demokratie und Nächstenliebe" auch Menschen außerhalb der Kirche erreichen und AfD-Wähler tatsächlich zum Umdenken bewegen?

Koch: Zunächst ist die Aktion ein Zeichen – sie soll diejenigen ermutigen, die sich engagieren und sich offen für Demokratie einsetzen. Das Zweite ist dann die Frage, wie wir Leute, die gesprächsbereit sind, für unsere Überzeugung gewinnen. Die Banner sind eine Einladung zum Dialog und machen gleichzeitig unsere Position deutlich. Dabei ist wichtig: Wir wollen nicht belehren, sondern glaubwürdig und unmissverständlich in den Dialog gehen.

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Die Debatte um mögliche Sonntagsöffnungen von Geschäften hat wieder Fahrt aufgenommen. "Ich bin davon überzeugt, dass die sonntägliche Unterbrechung des Alltags der ganzen Gesellschaft guttut", sagt Erzbischof Koch.

Frage: Also soll die Kirche über Gespräche einen Zugang finden?

Koch: Ich bin überzeugt, dass das persönliche Gespräch entscheidend ist, und weiß doch auch, wie schwer es oft zu führen ist. Die Menschen müssen spüren, dass sie in der Kirche über solche Themen sprechen können, und dass wir diese Themen sehr ernst nehmen. Ich bin der Ansicht, dass der Aufstieg der AfD nicht nur inhaltlich-thematisch zu erklären ist, wie etwa mit einem anderen Staatsverständnis, sondern auch aus psychologischen: "Wir lassen uns nicht von anderen vorschreiben, wen wir zu wählen haben und wen nicht."

Frage: Wie wollen Sie die Wähler dann überzeugen?

Koch: Als Kirche bevormunden wir nicht. Unsere Rolle sehe ich darin, vor Fehlentwicklungen zu warnen, und aktiv für diese Demokratie einzustehen. In den angebotenen Gesprächsformaten und Informationsveranstaltungen schreiben wir nicht etwas vor, sondern wollen mit sachlicher Information über die Ziele der Parteien zu einer Entscheidung der Einzelnen beitragen. Denn es geht nicht um Parolen, sondern um nachprüfbare Sachverhalte.

Frage: Ein anderes Thema, das immer stärker diskutiert wird, ist Künstliche Intelligenz. Wo sehen Sie dort Chancen, wo Gefahren?

Koch: Sicher bietet Künstliche Intelligenz Chancen, etwa in den Bereichen der Kommunikation und der Arbeitserleichterung. Auf der anderen Seite drohen durch KI auch viele Menschen ihre Arbeit zu verlieren. KI ist eine Macht, die die Gesellschaft schon jetzt prägt und unter Umständen Menschen entmündigt. Wie kann garantiert werden, dass KI durch den Menschen beherrschbar bleibt? Das ist für mich die drängendste Frage.

Frage: Wie erleben Sie die KI im Alltag vieler Menschen?

Koch: Als Seelsorger erschreckt mich, dass Künstliche Intelligenz oft zum einzigen Gesprächspartner wurde, gerade für junge Menschen, die – auch in der Großstadt – drohen zu vereinsamen. Aber diese KI-Kommunikation kann doch keinen menschlichen Kontakt ersetzen! Künstliche Intelligenz trägt nicht zum Reifen der Persönlichkeit bei, denn sie antwortet ausschließlich bestätigend, sie hinterfragt nicht, kritisiert nicht, bringt keine andere Perspektive ein. So ist KI eine Größe, die die Persönlichkeit einseitig prägt und gleichzeitig die Entwicklung der Persönlichkeit hemmt. Wenn schon KI nicht zu stoppen ist, müssen wir zumindest versuchen, ihre Entwicklung mitzugestalten, und uns gut überlegen, was wir als Menschen an die KI abgeben und was nicht. Es ist auch eine Machtfrage.

Frage: Zuletzt hat die Debatte um mögliche Sonntagsöffnungen von Geschäften wieder Fahrt aufgenommen. Was spricht aus Ihrer Sicht gegen eine Öffnung?

Koch: Ich bin davon überzeugt, dass die sonntägliche Unterbrechung des Alltags der ganzen Gesellschaft guttut. Wenn jeder Tag gleich ist, wird man irgendwann zum Arbeitsroboter. Außerdem geht es mir darum, dass man die freie Zeit seines Lebens auch gemeinsam mit der Familie verbringen kann. Ein Hauptproblem von Familie heute ist, dass es durch Beruf, Schule, Sport und Freiheit kaum noch gemeinsame Zeiten gibt. Und schließlich geht es mir um den religiösen Aspekt, dass wir einen Tag offenhalten, an dem Menschen gemeinsam zum Gottesdienst gehen und auch dort Gemeinschaft erleben können. Wenn man religiöse Freiräume in einer Gesellschaft immer weniger schützt, verliert der Glaube persönlichen und gesellschaftlichen Raum. Und das ist auch ein Stück menschliche Armut, weil viel menschlich und sozial Prägendes und Wertvolles dann wegbricht.

Frage: Stehen diesen Punkten nicht die Sorgen vieler kleiner Betriebe gegenüber? In Berlin etwa sagen viele Betreiber von Spätis, den kleinen Kiosken, dass ihnen sonntags viele Einnahmen verloren gehen, wenn die Leute zu Tankstellen gehen.

Koch: Ich weiß um die Sorgen der kleinen Händler, kaufe selbst ab und zu im "Späti" ein, ich anerkenne auch die große Online-Konkurrenz für den Einzelhandel, sehe selbst die Ladenschließungen, auch in sogenannten guten Lagen. Dennoch möchte ich als Kirche am Schutz des Sonntags als Regel festhalten. Über gerechte Ausnahmen müssen wir reden.

Daniel Zander (KNA)