Liturgiewissenschaftler Benini über Geschichte und Perspektiven nach Corona

Kelchkommunion: "Gut, dass das Thema bewusst gehalten wird, aber ..."

Aktualisiert am 29.11.2022  –  Lesedauer: 

Bonn/Trier ‐ In der katholischen Liturgie hat es die Kelchkommunion ohnehin schwer. Durch Corona geriet sie noch weiter ins Hintertreffen. Im katholisch.de-Interview gibt Liturgiewissenschaftler Marco Benini einen historischen Überblick – und erklärt, warum er aktuell keine Dringlichkeit bei diesem Thema sieht.

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Sie gehört zur Vollgestalt der Eucharistie, dennoch ist es relativ unüblich, dass den Gläubigen in der katholischen Liturgie auch die Kelchkommunion gereicht wird. Durch die Corona-Hygieneregelungen der Diözesen verschwand sie in den vergangenen Jahren nahezu komplett. Marco Benini, Professor für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät Trier, wirft einen Blick auf die Geschichte der Kelchkommunion – und gibt eine Einschätzung, wie es mittelfristig mit ihr weitergehen könnte. Auch wenn er es für wichtig hält, weiter auf das Thema aufmerksam zu machen: Aktuell sieht er es nicht als prioritär an, auf eine Rückkehr der Kelchkommunion zu drängen. Pastoral wichtiger ist aus seiner Sicht etwas anderes. Ein Interview.

Frage: Professor Benini, nicht erst seit der Corona-Pandemie hat die Kelchkommunion für Laien einen schweren Stand in der katholischen Liturgie. Dabei entspricht sie eigentlich dem Stifterwillen – "nehmt und trinkt alle daraus". Warum ignoriert die Kirche diesen?

Benini: Zur Vollgestalt der Eucharistie gehören Leib und Blut Christi – das ist klar. Da ist auch die Tradition der Kirche im ersten Jahrtausend eindeutig: Bis ins 12. Jahrhundert hinein ist die Kommunion immer in beiderlei Gestalt gereicht worden. Der Grund, warum das abgenommen hat, war die Angst, das Blut Christi zu verschütten. Natürlich bestand diese Gefahr von Anfang an, aber mit einer gesteigerten Ehrfurcht vor der Realgegenwart Christi wurde sie als zu gravierend angesehen, sodass man Änderungsbedarf sah. Dann ging man mehr und mehr dazu über, den Kelch gar nicht mehr zu reichen, und sich eben nur auf den Leib Christi zu fokussieren. Zumindest beim Priester blieb die Kommunion unter beiden Gestalten gemäß dem Stifterwillen erhalten.

Frage: Welche waren denn die Lösungsversuche, die man im Mittelalter ausprobiert hat?

Benini: In Rom wissen wir von den Quellen, dass zum Beispiel ein Röhrchen zur Kommunion verwendet worden ist. Dieses Röhrchen hat man übrigens auch bei der Liturgiereform 1970 wieder versucht einzuführen. Das hat sich aber im Blick auf die Zeichenhaftigkeit und die Praktikabilität nicht bewährt. Und auch im Mittelalter gab es schon die Variante, dass man durch Intinktion, also das Eintauchen, beide Gestalten gereicht hat. Die römische Kirche war da aber immer sehr zurückhaltend. Das Argument war, dass es nicht der Vollform entspricht, die Christus eingeführt hat. Einige Synoden haben das dezidiert abgelehnt. Heute ist es wieder möglich, dass der Kommunionspender die Hostie in den Kelch eintaucht und so Leib und Blut Christi reicht, wobei das Trinken präferiert wird.

Frage: Wie war die mittelalterliche Kommunion-Praxis generell – und inwiefern lag darin ein Grund für das immer weitere Zurückdrängen der Kelchkommunion?

Benini: Es herrschte damals eine Schaufrömmigkeit vor: Der Leib Christi wurde weniger empfangen, dafür mehr angebetet. In dieser Zeit entstanden auch das Fronleichnamsfest und die Elevation der Hostie. 1215 hat das Vierte Laterankonzil festgelegt, dass man mindestens einmal im Jahr zu Ostern die Kommunion empfangen muss, um zumindest ein Mindestmaß aufrecht zu erhalten. Insofern ist die Konzentration auf das Schauen auch ein Grund für das Zurückdrängen der Kelchkommunion – wenn auch nicht der entscheidende.

Klech und Schale stehen auf einem weißen Tuch.
Bild: ©KNA (Symbolbild)

Bis in das 12. Jahrhundert hinein ist die Kommunion immer in beiderlei Gestalt gereicht worden.

Frage: Dennoch war das Zurückfahren der Kelchkommunion – wegen des Stifterwillens – theologisch begründungsbedürftig. Wie hat man das gelöst?

Benini: In der Scholastik hat sich die Konkomitanz-Lehre entwickelt. Diese besagt, dass Christus auch in einer der beiden Gestalten allein vollständig gegenwärtig ist. Wenn wir jetzt auf die Corona-Situation schauen, muss man sagen, dass diese Lehre eine Hilfe gewesen ist.

Frage: Der Laienkelch war ja eine ganz explizite Forderung der Reformatoren. War es also auch eine bewusste Abgrenzung von katholischer Seite, dass man auf die Kelchkommunion verzichtet hat?

Benini: Es war natürlich auch ein Konfessionsmerkmal, durch das sich Katholiken und Protestanten voneinander abgrenzten. Auf dem Konzil von Konstanz hatte man zunächst die Lehre von Jan Hus verurteilt, wonach der Laienkelch heilsnotwendig sei. Darüber hinaus hat man in Trient eine interessante Formulierung gewählt: Aufgrund der Konkomitanz-Lehre kam es zu einem Beschluss, der die Kommunion unter einer Gestalt als zum Heil genügend definierte und den entsprechenden Gebrauch als Gesetz anzusehen verordnete. Explizit verboten war die Kelchkommunion aber nicht. Man war sich im Klaren, dass man den Stifterwillen nicht komplett ignorieren kann.

Frage: Was ist heutzutage die geltende "Rechtslage" in Bezug auf die Kelchkommunion?

Benini: Geändert hat sich das Ganze mit dem Zweiten Vatikanum. In der Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" steht, dass zu einigen wenigen Gelegenheiten Leib und Blut Christi gespendet werden dürfen. Diese Anlässe wurden immer weiter ausgeweitet, sodass man schließlich die konkrete Umsetzung den Bischofskonferenzen überlassen hat. Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Entscheidung 1971 dem Priester vor Ort überlassen. Das heißt, dass Kelchkommunion grundsätzlich immer möglich ist.

Marco Benini
Bild: ©Theologische Fakultät Trier

Marco Benini ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät Trier und Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier.

Frage: Wenn wir mal auf die Theologie schauen: Was spräche generell für die volle Gestalt der Kommunion?

Benini: Zunächst einmal kommt im konsekrierten Wein die Hingabe Jesu bis zum letzten Tropfen seines Blutes deutlicher zum Ausdruck, als das in der Brotgestalt der Fall ist. Gleiches gilt für das Bundesmotiv: "Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes." Und auch das eschatologische Motiv spielt eine Rolle, weil Jesus beim Abendmahl laut Evangelium gesagt hat, "bis ich von neuem davon trinke im Reich Gottes". Von der Zeichenhaftigkeit ist die Vollgestalt unter beiden Gestalten deutlicher. Auch die Erfahrung der Eucharistiegemeinschaft ist natürlich dichter, wenn nicht nur der Priester aus dem Kelch trinkt: Deshalb war ich vor Corona auch sehr dafür, dass es gemacht wird. Ich hatte zum Beispiel in der Pfarrei, in der ich tätig war, in Absprache mit den Gläubigen zumindest am Gründonnerstag wieder die Kelchkommunion eingeführt.

Frage: Es gibt Länder, in denen die Kelchkommunion für Laien generell viel verbreiteter war, etwa in den USA. Sie kennen die Situation dort, weil Sie in den Staaten gelehrt haben. Warum ist das so?

Benini: Ich glaube, in den USA war es einfach eine Form, das Prinzip der "tätigen Teilnahme" aus "Sacrosanctum Concilium" noch einmal zu stärken. Allein das Wort "participate" spielt im Englischen eine andere Rolle als "teilnehmen" im Deutschen. Insofern war das Thema der "tätigen Teilnahme" in den USA grundsätzlich auf sehr fruchtbaren Boden gefallen. Ich habe es selbst in Washington erlebt, dass am National Shrine in einer der Werktagsmessen immer die Kelchkommunion ausgeteilt worden ist. Auch bei den Gottesdiensten mit Studierenden an der Uni wurde das immer gemacht.

Frage: Viele Gläubige vermissen gerade nach Corona die Kelchkommunion und fragen sich, wie es mit ihr weitergeht. Wie lautet Ihre Einschätzung?

Benini: Es ist gut, dass dieses Thema bewusst gehalten wird. Aktuell sehe ich aber nicht die große Aufgabe und Dringlichkeit, es wieder in die Pfarreien zu tragen. Ich halte es schlicht für unrealistisch, dass sie bald flächendeckend wiederkommt, weil die Leute wegen Corona im Blick auf die Hygiene sehr sensibilisiert sind. Ich kann ehrlich gesagt schon verstehen, wenn jemand sagt, er möchte nicht aus einem Kelch trinken, aus dem schon andere getrunken haben. Ich gehe auch davon aus, dass uns die Coronaregeln, die in vielen Diözesen die Kelchkommunion aktuell nicht vorsehen, noch länger begleiten werden.

„Ich halte es schlicht für unrealistisch, dass sie bald flächendeckend wiederkommt, weil die Leute wegen Corona im Blick auf die Hygiene sehr sensibilisiert sind.“

—  Zitat: Marco Benini über die Perspektive für die Kelchkommunion

Frage: Es gibt ja durchaus Vorschläge und Möglichkeiten, wie man hygienekonform die Kelchkommunion reichen könnte – etwa in Einzelkelchen. Wäre das aus Ihrer Sicht machbar?

Benini: Wenn man genug hat und das in entsprechender Ehrfurcht geschieht, wäre das eine Möglichkeit. Allerdings hat man ja kaum so viele Kelche, wie Gottesdienstteilnehmer in der Kirche sind. Daher ist das praktisch wohl eher schwierig durchführbar.

Frage: Besteht nun die Gefahr, dass die Kelchkommunion komplett im Verschwinden begriffen ist?

Benini. Ich hoffe nicht. Aber solange die Corona-Situation sich nicht wirklich signifikant ändert, halte ich es für vergebliche Mühe, in irgendeiner Weise darauf zu drängen. Für pastoral wichtiger halte ich momentan, sich mit dem Thema der Eucharistie insgesamt zu befassen.

Frage: Inwiefern?

Benini: Die Menschen gehen nur in den Gottesdienst, wenn sie merken, dass das, was da passiert, mit ihrem Leben zu tun hat, dass es mehr ist als das, was sie zuhause allein beten können. Da ist selbstverständlich die Eucharistie zentral: Sie ist Kraftquelle für den Alltag. Deswegen scheint mir der Fokus auf ein erneuertes Bewusstsein für die Bedeutung der Eucharistie im Moment pastoral wichtiger zu sein. Die Eucharistie vergegenwärtigt die Hingabe Jesu für jeden Einzelnen. Das ist zunächst einmal unabhängig von der Kelchkommunion der Fall.

Von Matthias Altmann