Massimo Faggioli zu den US-Präsidentschaftswahlen 2024

Theologe: Mit Bidens Abgang verliert Papst Franziskus Gesprächspartner

Veröffentlicht am 26.07.2024 um 00:01 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Villanova/Bonn ‐ Die Lage in den USA hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen zugespitzt. Der Theologe Massimo Faggioli spricht im katholisch.de-Interview darüber, wie Katholiken in den USA die aktuelle Gesellschaftslage sehen und was eine Wiederwahl Trumps für die Demokratie bedeuten könnte.

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Nach dem Attentatsversuch auf den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump ging es Schlag auf Schlag: Zwei Tage später nominierte er den zum Katholizismus konvertierten J.D. Vance, der noch vor wenigen Jahren einer seiner größten Kritiker war, zu seinem Vizepräsidentschaftskandidaten. Wenige Tage später zog sich der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, der amtierende Präsident Joe Biden, aus dem Rennen zurück. Nachfolgerin soll seine Vizepräsidentin Kamala Harris werden. Im Interview mit katholisch.de erklärt Massimo Faggioli, Professor an der Fakultät für Theologie und Religionswissenschaften an der Villanova Universität in Philadelphia, wie die Katholiken im Land auf die aktuellen Ereignisse blicken und wie sich die katholischen Bischöfe dazu verhalten.

Frage: Herr Faggioli, in den letzten Wochen hat sich die Lage in den USA zugespitzt: Erst wurde ein Attentat auf Donald Trump verübt. Dann zog sich Joe Biden aus dem Rennen um die Präsidentschaftskandidatur zurück, so dass Kamala Harris wohl seine Nachfolge antreten wird. Was sagen die Katholiken in den USA dazu?

Faggioli: In diesem Land sind die Katholiken seit den späten 1970er Jahren politisch gespalten, vor allem in Bezug auf die "Lebensfragen", und zwar nicht nur zwischen den beiden politischen Parteien, sondern auch zwischen verschiedenen ethnischen Identitäten und geografischen Gebieten. Das Rennen hat sich nun verändert, es wird interessant sein zu sehen, wie die beiden Kandidaten die katholische Wählerschaft ansprechen werden, die historisch gesehen in wichtigen Bundesstaaten eine entscheidende Rolle spielt. Es wird ein ganz anderes Rennen werden als 2020, als einer der beiden Kandidaten ein führender Katholik in der US-Politik war. Sollte Kamala Harris die Kandidatin der Demokraten werden, wird es interessant sein zu sehen, wen sie als Vizepräsidenten wählt: aus welchem Bundesstaat, mit welchem Lebenslauf und ideologischen Profil, mit welchem religiösen Hintergrund.

Frage: Wie blicken die US-Bischöfe auf die aktuelle politische Situation ihres Landes?

Faggioli: Auch die US-Bischöfe sind politisch gespalten. Ein beträchtlicher Teil von ihnen sympathisierte 2016 und 2020 mit Trump und der Republikanischen Partei wegen ihrer Anti-Abtreibungshaltung. Aber in den letzten zwei Jahren haben die Republikaner erkannt, dass eine strikte Anti-Abtreibungsdoktrin, die durch das Urteil des Obersten Gerichtshofs vom Juni 2022 möglich wurde, eine politische Belastung darstellt, das heißt, sie könnten die Wahlen verlieren. Heute sind Trump und die Republikanische Partei weniger abtreibungsfeindlich als in den letzten 45 Jahren. Die katholische Pro-Life-Bewegung fühlt sich im Stich gelassen, einige Bischöfe auch. Aber wenn Kamala Harris die Kandidatin der Demokraten gegen Trump wird, wird die Abtreibungsfrage mehr in den Vordergrund rücken, weil sie eine Frau ist und sich sehr für dieses Thema eingesetzt hat: Das könnte der Religion im Wahlkampf neues Leben einhauchen und viele katholische Bischöfe wieder davon überzeugen, dass Trump der einzig brauchbare Kandidat ist.

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump wurde durch Schüsse bei einer Wahlkampfveranstaltung verletzt.
Bild: ©picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Gene J. Puskar

"Politische Gewalt ist Teil der Geschichte dieses Landes, und es gibt eine Geschichte politischer Attentate. Aber jetzt ist es auch eine Folge davon, dass wir in einem Land leben, in dem die Verbreitung von Waffen unvorstellbare Ausmaße angenommen hat", sagt Theologe Faggioli.

Frage: Gehen wir noch einen Schritt zurück zum mutmaßlichen Trump-Attentat: Was sagen Sie als katholischer Theologe dazu?

Faggioli: Die Ermordung eines Präsidentschaftskandidaten oder eines Präsidenten hat es in der Geschichte der Vereinigten Staaten schon lange nicht mehr gegeben. Aber politische Gewalt ist Teil der Geschichte dieses Landes, und es gibt eine Geschichte politischer Attentate. Aber jetzt ist es auch eine Folge davon, dass wir in einem Land leben, in dem die Verbreitung von Waffen unvorstellbare Ausmaße angenommen hat. Ich sage das als Elternteil und als Universitätsprofessor: Die Angst vor Amokläufen ist alltäglich geworden.

Frage: Was ist mit Trumps religiöser Rhetorik nach dem Attentat, zum Beispiel, dass Gott an seiner Seite gewesen sei?

Faggioli: Das ist nicht überraschend, wenn es von einer Person kommt, die das Attentat überlebt hat. Beunruhigender ist es, wenn dies von den Führern einer politischen Partei kommt. Einige haben zu Recht darauf hingewiesen, dass diese Logik nicht mit der Tatsache vereinbar ist, dass am 13. Juli unschuldige Zuschauer getötet und verletzt wurden, oder mit der Tatsache, dass es in Amerika jedes Jahr Tausende unschuldiger Opfer von Schusswaffen gibt.

Frage: Mit dem Ausscheiden Bidens aus dem Präsidentschaftsrennen könnten sich solche Momente religiöser Rhetorik häufen. Doch was bedeutet Bidens Ausscheiden für die Katholiken in den USA und für Papst Franziskus?

Faggioli: Es ist das Ende einer Ära: Biden war in den USA der zweite Katholik, der eine führende Rolle innehatte. Die Zukunft des politischen Katholizismus in den USA auf der linken und progressiven Seite ist nun ungewiss. Auf der rechten Seite ist die Prävalenz antiliberaler Stimmen oder gar strenger Anhänger der katholischen Tradition unter den jüngeren Generationen recht deutlich. Mit dem Abgang Bidens verliert Papst Franziskus einen Gesprächspartner, auch wenn man bedenkt, wie sich das Präsidentschaftsrennen auf dem Ticket der Demokraten entwickeln wird und wie es sich mit der Wahl von J.D. Vance durch Trump bereits verändert hat.

US-Präsident Joe Biden bei einem Treffen mit Papst Franziskus
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

Faggioli ist der Ansicht, Papst Franziskus verliere mit dem Abgang Bidens einen wichtigen Gesprächspartner.

Frage: Stichwort Veränderungen: Der Theologe Marcello Neri, Gastprofessor am Päpstlichen Theologischen Institut Johannes Paul II. für Ehe- und Familienwissenschaften, hat in einem kürzlich veröffentlichten Artikel die Entscheidung Bidens als symbolisches Ende der Ära des amerikanischen Katholizismus bezeichnet, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil inspiriert und vorangetrieben wurde. Würden Sie dem zustimmen?

Faggioli: Es ist sicherlich das Ende einer Ära, aber aus Gründen, die tiefer liegen als das Fehlen einer Generation katholischer Politiker auf der linken Seite des politischen Spektrums. In der Republikanischen Partei gibt es eine deutlichere religiöse Präsenz (die allerdings aufgrund der Säkularisierung ebenfalls abnimmt), die dazu neigt, die Religion in einem engen thematischen Rahmen ideologisch zu verzerren, aber etwas Ähnliches könnte auch für die liberal-progressive Seite gesagt werden, die manchmal ausschließlich den Katholizismus der sozialen Gerechtigkeit betont. Zweitens: Es stimmt, dass der militante und konservative Katholizismus in den USA seine Verbindung zum Zweiten Vatikanischen Konzil weitgehend gekappt hat, aber das ist nicht nur ein amerikanisches Problem: Was in den USA geschieht, könnte eine gute Gelegenheit sein, auch die katholische Kirche in Europa zu untersuchen. Mit dem Rücktritt eines "Katholiken des Zweiten Vatikanischen Konzils" wie Joe Biden und dem Aufkommen eines konservativen "Kulturkatholizismus" geschieht etwas, was sich zum Beispiel auch in der italienischen Politik zeigt.

Frage: Hat Donald Trump demnach gute Chancen, Stimmen aus dem katholischen Lager zu gewinnen, insbesondere mit seinem katholischen Vizepräsidenten J.D. Vance?

Faggioli: Vor kurzem habe ich für die französische Zeitung "La Croix" einen Artikel über Vances Katholizismus geschrieben. Kurz gesagt: Er ist erst vor kurzem zum Katholizismus konvertiert (ein in den USA recht häufiges Phänomen) und vertritt einen antiliberalen politischen Katholizismus, der inzwischen in den klerikalen und intellektuellen Eliten Amerikas fest verwurzelt ist. Er hat sehr klare Ansichten in sozialen Fragen (z.B. gegen unverheiratete Frauen ohne Kinder), er ist ein Kulturkämpfer, aber er wird auch Trumps Kurs folgen müssen, um die katholische Wählerschaft zu erreichen. Die Wahl könnte für die Republikaner nach hinten losgehen. Eine aggressive Kampagne von Harris in sozialen Fragen (insbesondere Abtreibung) könnte dies jedoch ändern.

„Der amerikanische Katholizismus ist nicht mehr nur ein Hort konservativer Ideologen, wie er es seit den 1990er Jahren und bis vor einigen Jahren war. Er ist zu einer käuflichen Marke geworden.“

—  Zitat: Massimo Faggioli

Frage: Das heißt, Trump hofft mit Vances Ernennung auf die katholische Wählerschaft?

Faggioli: Der amerikanische Katholizismus ist nicht mehr nur ein Hort konservativer Ideologen, wie er es seit den 1990er Jahren und bis vor einigen Jahren war. Er ist zu einer käuflichen Marke geworden. Es ist nicht klar, inwieweit Vance persönlich daran interessiert ist, sich diese Marke anzueignen und mit ihr identifiziert zu werden, da dies von den politischen Notwendigkeiten abhängt, die Donald Trump vorgibt. Vances Nominierung durch Trump markiert "die Salbung eines jungen Vizepräsidenten und Thronfolgers", wie es sein Freund Ross Douthat, Kolumnist der New York Times und ebenfalls zum Katholizismus konvertiert, ausdrückt. Sollte er zusammen mit Donald Trump gewählt werden, könnte Vance nicht nur das Land regieren, sondern dazu beitragen, die katholische Kirche in den USA zu verändern. Es bleibt abzuwarten, wie die katholischen Wähler, insbesondere Frauen, auf Vances starke Ansichten zu sozialen Fragen und Frauenrechten reagieren werden.

Frage: Was würde denn eine Wiederwahl Trumps für die katholische Kirche bedeuten?

Faggioli: Es würde das Risiko eines demokratischen Rückschritts bedeuten, eine Verschlechterung der amerikanischen Demokratie; das Risiko, dass einige Lobbys eine theokratische Agenda durchsetzen und den politischen Katholizismus mit dem Integralismus identifizieren. Vor allem könnte es bedeuten, dass der von Trump gewählte Vizepräsident, der Katholik Vance, sein Erbe sein könnte – zwischen 2025 und 2028 oder nach 2028 – aber wir wissen, dass es sehr gefährlich ist, dem Kaiser am Hof sehr nahe zu stehen, denn der Kaiser könnte schnell seine Meinung ändern und einen anderen Erben wählen.

Frage: Würden denn die Bischöfe die Wiederwahl Trumps begrüßen?

Faggioli: Sie würden den Widerstand der Republikaner gegen die "Gender-Ideologie" und den "Wokeismus" begrüßen. Aber sie würden versuchen, die republikanische Partei wieder für das Abtreibungsthema zu gewinnen, was Trump und die Republikaner nur tun werden, wenn es politisch sinnvoll ist. Ich glaube, die meisten katholischen Bischöfe sind sich dessen bewusst. In gewissem Sinne müssen sie bei der Schaffung einer Kultur des Lebens ganz von vorne anfangen und zu Kardinal Joseph Bernardins Konzept einer "konsequenten Ethik des Lebens" zurückkehren, wonach Themen wie Abtreibung, Todesstrafe, Militarismus, Sterbehilfe, soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit eine konsequente Anwendung moralischer Prinzipien erfordern. Dies wurde damals jedoch von konservativen Katholiken verpönt.

Von Mario Trifunovic