Dan Brown, die Kirche – und die Angst vor gut erfundenen Geschichten
"Lest und kauft dieses Buch nicht." Mit diesen Worten versuchte im Jahr 2005 der damalige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone den Siegeszug von Dan Browns Bestseller "Sakrileg" (oder im englischen Original "Da Vinci Code") einzudämmen. Empört sprach der Kurienkardinal von einem "antikatholischen Vorurteil", das sich durch Browns Thriller ziehe wie ein roter Faden aus Häresie und Sensationslust. Besonders erboste ihn die Behauptung, die Kirche versuche seit Jahrhunderten zu verbergen, Jesus habe ein Kind mit Maria Magdalena gehabt. "Beschämend", donnerte Bertone, das Buch erzähle "gegenstandslose Lügen". Doch die vatikanischen Mauern bebten damals weit weniger als der Kardinal selbst: Sein Wutausbruch, so ließ man diskret wissen, sei ein Solo gewesen, kein Orchesterstück der Römischen Kurie.
"Se non è vero, è ben trovato" – wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden. Kaum ein Sprichwort scheint passender für Browns literarische Konstruktionen zu sein. Deren Reiz liegt gerade darin, dass sie zwischen kunstvoll arrangierter Wahrheit und Spekulation oszilliert. Die Aufregung mancher Kirchenvertreter über die Fiktionalität eines Thrillers wirkt da oft etwas unangebracht.
Noch vor "Sakrileg" veröffentlichte Brown "Illuminati", wo sein akademischer Held und Symbol-Forscher Robert Langdon eine Reihe von Morden und eine angebliche Rückkehr des Geheimbunds der Illuminaten untersucht, während im Vatikan nicht nur das Konklave stattfindet, sondern auch eine gestohlene Antimaterie-Probe zu explodieren droht. Dahinter aber steckte nicht – Achtung Spoiler – der Geheimbund, sondern der Camerlengo – ein ranghoher kirchlicher Würdenträger im Vatikan, der während einer Sedisvakanz, also nach dem Tod oder dem Rücktritt eines Papstes, die Angelegenheiten der Kirche verwaltet und das Konklave vorbereitet. Die Verfilmung von Browns Thriller durfte nicht im Vatikan selbst gedreht werden, denn eine Dreherlaubnis zumindest auf Vatikangelände gibt es selten und für fiktionale oder gar kirchenkritische Filme nie.
Empört sprach der ehemalige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone von einem "antikatholischen Vorurteil", das sich durch Browns Thriller ziehe wie ein roter Faden aus Häresie und Sensationslust.
Immer wieder vermischt Brown Kirche, Kunst und Kryptografie, was einige als "böswillig verfälschend" deuten, Fans aber als Meisterklasse spannungsgeladener Unterhaltung feiern. In seinem 2013 erschienen Thriller "Inferno" rückte die Kirche dann an den Rand des Geschehens – und siehe da: Die Empörung blieb aus, Boykottaufrufe verstummten. Wo keine Dogmen ins Wanken geraten, kann ein Teil der Kirche gelassen bleiben. Sein literarisches Rezept bleibt jedoch unverkennbar: Kunstgeschichte als Motor der Handlung, Symbolik als dezente Gewürzmischung, ein Rätsel, das sich erst im letzten Kapitel öffnet wie ein Portal. Und über allem die lange Tradition der Kunst, die aus Dantes Göttlicher Komödie ihre Bilder schöpft... von Botticelli über Doré bis Rodin. Robert Langdon darf sich ungestört durch dieses Museum der Weltkultur bewegen.
Nun also Browns neuestes Werk, Anfang September erschienen: "The Secret of Secrets". Ein Titel, der bereits verspricht, was der Autor am besten kann – Türen öffnen, von deren Existenz man nicht einmal geahnt hat – oder zumindest wenig. Wieder begleiten die Leser Robert Langdon, den "Symbologen", der in Wahrheit eher eine Mischung aus Indiana Jones, Sherlock Holmes und einem Kunsthistoriker ist. Diesmal führt Brown sein Publikum in das wohl schwerste aller Themen: das menschliche Bewusstsein, jenes große Dunkel, das selbst für die Wissenschaft noch immer große Fragezeichen aufwirft.
Und tatsächlich markiert dieses Buch einen Wandel in Browns Denken. In einem kürzlich veröffentlichten Interview mit dem "stern" bekannte der Autor, er glaube inzwischen an ein Weiterleben nach dem Tod. Noch vor wenigen Jahren habe er die Vorstellung abgelehnt, heute sehe er das anders. "Ich persönlich stelle es mir vor wie ein Autoradio, das einen Sender empfängt. Unser Körper ist das Radiogerät. Plötzlich geht es kaputt, und man kann nichts mehr hören. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Radiowellen weitersenden", so Brown. Eine Vereinfachung, wie er selbst sagt – doch eine, die spürbar von langen Recherchen getragen ist. Die Erforschung der Seele, so Brown, sei "das denkbar größte und bedeutendste Thema von allen, gerade in Zeiten künstlicher Intelligenz".
In Dan Browns Roman "Inferno" jagt Robert Langdon in Florenz mysteriösen Symbolen nach, um die Welt vor ihrem moralischen Verfall zu retten.
Damit zeigt sich womöglich auch der Erfolg seiner Bücher: Sie verbinden das uralte Bedürfnis nach Deutung der Welt mit der modernen Angst vor dem Kontrollverlust. Zwischen Kathedrale und Computern, Fresko und Algorithmus, spielt sich ein Drama ab, das nicht nur thrillertauglich ist. Es ist zutiefst menschlich.
Und so bleibt am Ende die Frage: Warum regen uns Fiktionen überhaupt so auf? Vielleicht, weil sie sichtbar machen, wie zerbrechlich Gewissheiten sind und wie tief der Wunsch nach einer klar geordneten Welt verwurzelt ist. Einer Welt, die es so nicht gibt. Dan Browns Bücher zeigen: Die Welt ist ein Labyrinth. Und manchmal braucht es eben einen "Symbologen", um daran zu erinnern, dass man sich durch unzählige Rätsel gerne darin verliert... jedenfalls für die Zeit zwischen zwei Buchdeckeln.
