Standpunkt

Auszeiten in Castel Gandolfo: Leo ist Vorbild für Work-Life-Balance

Veröffentlicht am 07.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Gabriele Höfling – Lesedauer: 

Bonn ‐ Leo XIV. gönnt sich regelmäßig Freizeit in Castel Gandolfo. Gabriele Höfling fand das zunächst befremdlich. Schließlich gehöre das Kirchenoberhaupt ins Zentrum der Macht, nicht in eine Bergidylle. Doch inzwischen kann sie der Praxis einiges abgewinnen.

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Leo XIV. war noch gar nicht lange Papst, da nahm er schon wieder Urlaub. Anfang Juli, gerade zwei Monate nach Amtsantritt, brach er für eine Auszeit in die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo auf. Dort muss es ihm gefallen haben: Inzwischen legt er regelmäßig einmal in der Woche einen Ruhetag in den Albaner Bergen ein. Auch nach dem stressigen Weihnachtsfest mit vielen Terminen hielt er es so.

Ich fand diese Praxis zunächst befremdlich. Leo ist schließlich nicht anderes als Stellvertreter Christi auf Erden und der Regierungschef der katholischen Kirche, zuständig für weltweit rund 1,4 Milliarden Gläubige. Wer das große Kirchenschiff überzeugend führen, und nicht – mit den Worten des österreichischen Theologen Hans-Joachim Sander – wie ein Leichtmatrose auf der Brücke wirken will, der ist im Zentrum der Macht gefragt, gerade zu Beginn des Pontifikats. Regelmäßige Ausflüge in die Idylle der Berge können da schnell wie eine Flucht vor Verantwortung wirken. Wie wäre es wohl angekommen, wenn Friedrich Merz kurz nach seiner Wahl zum deutschen Bundeskanzler einen regelmäßigen Rückzugstag auf Schloss Meseberg eingeführt hätte?

Inzwischen habe ich Zweifel, ob sich so einfach über Leos Gewohnheit urteilen lässt. Denn es ist ja klar, dass er in Castel Gandolfo nicht nur die Füße hochlegt, sondern auch arbeitet. Den Präsidenten der kriegsgeschüttelten Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, hat er dort schon zweimal empfangen.

Gleichzeitig zeigt Leo mit seinen Aufenthalten, dass er auf sich achtet. Ja, auch ein Papst darf zumindest eine Minimalform von Work-Life-Balance für sich beanspruchen, zumal das dazu beitragen dürfte, in einem möglicherweise eher langen Pontifikat nicht die Puste zu verlieren. "Als sehr hilfreiche Pause" hat er seine freien Tage selbst einmal bezeichnet, verbunden mit dem Ratschlag: "Alle sollten für Körper und Geist etwas tun." So betrachtet ergeben sich Zeichen eines neuen, moderneren päpstlichen Führungsstils. Und das wäre eine gute Entwicklung, mit der der Papst sogar Vorbild sein kann für Führungskräfte und Beschäftigte auch außerhalb der Kirche. Nicht umsonst ist Achtsamkeit aktuell ein Megatrend.

Von Gabriele Höfling

Die Autorin

Gabriele Höfling ist Redakteurin bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.