Analyse der Neujahrsansprache von Leo XIV.

Theologe erwartet vom Papst Orientierung für Kirche im Epochenwandel

Veröffentlicht am 12.01.2026 um 16:32 Uhr – Lesedauer: 

Freiburg ‐ Ethik statt Rückzug: Papst Leo XIV. fordert mehr christliche Verantwortungsübernahme in der Politik, sagt Franz-Josef Bormann. Wo der Tübinger Theologe beim neuen Kirchenoberhaupt neue Akzente erkennt.

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Gespannt auf die nächsten Schritte von Papst Leo XIV. hat sich der Theologe Franz-Josef Bormann geäußert. In einem am Montag veröffentlichten Gastbeitrag in der Zeitschrift "Communio" (online) erklärte der Tübinger Moraltheologe, der Papst habe in einer aktuellen Ansprache "ein hohes Maß an zeitdiagnostischer Schärfe" bewiesen und "eine Vielzahl konstruktiver Hinweise auf mögliche Problemlösungen" gegeben.

Bormann analysierte die Ansprache des Papstes beim Neujahrsempfang für die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps. Darin habe Leo XIV. dazu ermutigt, im aktuellen "Epochenwandel" die christliche Ethik, die von der Heiligen Schrift inspiriert sei, "auf die weltliche Regierung anzuwenden", anstatt sich von der Welt der Politik abzukapseln. Es sei wichtig, sich aus der Kraft des christlichen Glaubens heraus Falschdarstellungen der Geschichte, übertriebenem Nationalismus und einer "Verzerrung des Ideals eines Staatsmanns" entgegenzustellen.

Familie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Leo XIV. kritisiere den Bruch des Gewaltverbots auf internationaler Ebene und die schwindende Bedeutung des Völkerrechts. Aus Bormanns Sicht bleiben die päpstlichen Aussagen zur Konfliktlösung allerdings "noch relativ vage" und seine Warnungen vor einem drohenden atomaren Wettrüsten unzureichend. Der Theologe fasst zusammen, der Papst kritisiere eine Einschränkung der Meinungsfreiheit im Westen, eine bedenkliche Lage beim Thema Gewissens- und Religionsfreiheit und die Christenverfolgung als "eine der größten menschenrechtlichen Krisen unserer Zeit".

Laut Bormann rückt Leo XIV. mit Blick auf die Bedeutung der Familien einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt als seine Vorgänger im Papstamt: Er erinnere alle politischen Akteure an die "grundlegende ethische Verpflichtung", "Familien in die Lage zu versetzen, werdendes Leben anzunehmen und sich umfassend um es zu kümmern". Der Theologe ordnet diese Positionierung wie folgt ein: "Statt also die geordnete Reproduktion zur Privatsache der Schwangeren zu erklären und die betroffenen Ärzte als 'Auftragsmörder' zu diffamieren, geht es hier um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch weitreichende sozial- und familienpolitische Implikationen hat." (KNA)