Kampagne macht Stimmung gegen Anti-Einwanderer-Razzien

Bischöfe gegen ICE-Agenten: Wenn KI-Videos viral gehen

Veröffentlicht am 14.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Bonn ‐ Empörung, Glaube, Trump: KI-Videos zeigen angeblichen Widerstand aus den Kirchen in den USA gegen die ICE-Razzien. Doch nichts davon ist wahr. Die Fakes treffen einen Nerv – und verraten viel über die politische Stimmung in dem Land.

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Katholische Priester und Bischöfe werfen Agenten der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE aus ihren Kirchen. Das sind Szenen, die derzeit in den sozialen Medien die Runde machen. Was auf den ersten Blick realistisch erscheint, entpuppt sich jedoch relativ schnell als "Fake" – oder anders ausgedrückt: als Videoclips, die mithilfe Künstlicher Intelligenz generiert wurden. All dies geschieht vor dem Hintergrund der Spannungen in den Vereinigten Staaten sowie der von Donald Trump angeordneten Maßnahmen, vor allem im Bereich der Einwanderungspolitik. Hinzu kommt der von einem ICE-Agenten verursachte Mord an einer 37-jährigen Frau in Minneapolis, der vor Kurzem weltweit für Aufsehen gesorgt hatte. 

Die KI-generierten Videoclips mit den recht ungewöhnlichen Szenen gingen in den sozialen Medien jedenfalls rasch viral, Millionen Aufrufe werden generiert, die Clips über sämtliche gängige Netzwerke geteilt. Meist sind sie mit einer kurzen Beschreibung versehen. In einem davon wird sogar behauptet, Papst Leo XIV. habe seine Bischöfe angewiesen, "den tyrannischen Taten" des US-Präsidenten entgegenzutreten. In einem Clip heißt es: "Ich weiß nicht, welchen Gott sie anbeten, möglicherweise einen Orangenen (Anm. d. R. Donald Trump), aber mein Gott ist Liebe", heißt es weiter.

Dasselbe Narrativ in allen veröffentlichten Videoclips

In allen veröffentlichten Videoclips wird jedoch dasselbe Narrativ wiederholt: Beamte der Einwanderungsbehörde dringen in eine Kirche ein, um eine Razzia gegen Einwanderer durchzuführen. Was variiert, sind die handelnden Personen: Mal ist es ein Priester, mal ein Bischof oder gar ein Kardinal. Doch rasch lassen sich Anomalien erkennen: So "klebt" etwa ein Buch auf unnatürliche Weise am Arm eines Bischofs. In einem anderen Video ist ein Kardinal während eines Gottesdienstes zu sehen, doch die Personen im Hintergrund scheinen bewegungslos, einige Gesichter sind unvollständig, die Texturen wirken unwirklich. Auch die beiden Bücher, die er in einer Hand hält, erscheinen nicht realistisch. Auffällig ist zudem, dass die Oberhirten – ob Bischof oder Kardinal – meist im Rahmen eines Gottesdienstes gezeigt werden, jedoch nicht in liturgischer Kleidung, wie es eigentlich bei einem Gottesdienst zu erwarten wäre.

Paul Coakley, Erzbischof von Erzbischof von Oklahoma City, spricht während der Herbstvollversammlung der US-amerikanischen Bischofskonferenz
Bild: ©Bob Roller/OSV News/KNA

Die US-Bischofskonferenz hatte sich im November bei ihrer Vollversammlung in Baltimore mit einer "besonderen Botschaft" klar gegen die strikte Migrationspolitik der Trump-Regierung positioniert.

Stellungnahmen der US-Bischofskonferenz zu dieser Art der KI-Videos liegen nicht vor. Auch nicht zu Razzien in Kirchen. Nach der Schießerei in Minneapolis hatte sich der dortige Erzbischof mit allgemeinen Bedenken hinsichtlich der Einwanderungspolitik Donald Trumps geäußert. In seinem Appell rief der Geistliche zur Ruhe auf. Andererseits gibt es auch seitens der Einwanderungsbehörde keine Stellungnahmen, weder auf der offiziellen Internetseite noch über die Kanäle in den sozialen Medien – vorrangig "X", ehemals Twitter.

Derzeit herrscht in den Vereinigten Staaten ein Klima der Angst und der Spannungen. Verantwortlich dafür ist vor allem die Einwanderungspolitik sowie die jüngsten Ereignisse, etwa die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und die Schießerei in Minneapolis. Dort hatte es zuvor Demonstrationen gegen die Einwanderungsbehörde gegeben, doch in den etablierten Medien finden sich keine Hinweise auf Razzien in Kirchen. 

Hinter der Desinformationskampagne scheint indes auch ein Wunsch zu stehen: dass hochrangige Kirchenvertreter der Politik Trumps offen die Stirn bieten sollten, und zwar nicht nur auf diplomatischem Wege. Mit solchen Videos wird das Spiel mit den Emotionen auf die Spitze getrieben. Die US-Bischofskonferenz hatte sich im November bei ihrer Vollversammlung in Baltimore mit einer "besonderen Botschaft" klar gegen die strikte Migrationspolitik der Trump-Regierung positioniert. "Wir lehnen die wahllose Massenabschiebung von Menschen ab", hieß es darin. Auch der aus den USA stammende Papst Leo XIV. begrüßte die Erklärung in Form und Inhalt. Einige Bischöfe setzen diese Worte inzwischen in konkrete Taten um: Sie begleiten Betroffene zu Gerichtsterminen oder sammeln Spenden für Familien, die durch Abschiebung oder Arbeitsverbot in Not geraten sind. Dazu gehören auch eigene Stellungnahmen, die sie veröffentlichen oder Mahnwachen die organisiert werden. 

Bild: ©KNA/OSV News/Gregory A. Shemitz

Dolan war zuletzt vor allem als Unterstützer und Freund Trumps in Erscheinung getreten. Bei beiden Amtseinführungen des aus New York stammenden Trump sprach Dolan ein Gebet. Auch privat pflegte er ein gutes Verhältnis zu ihm.

Noch im Dezember hatte es aus dem Vatikan zusätzlich einen Paukenschlag mit Ansage gegeben: Der New Yorker Kardinal und Trump-Vertraute Timothy Dolan, der im vergangenen Februar die Altersgrenze von 75 Jahren erreicht hatte, blieb zunächst bis zum Jahresende im Amt. Nach dem Kirchenrecht müssen Bischöfe ihren Amtsverzicht anbieten, Kardinälen werden jedoch häufig Amtsverlängerungen von mehreren Jahren gewährt. Nicht aber Dolan. Zu seinem Nachfolger wurde Ronald Hicks ernannt, bislang Bischof von Joliet unweit von Chicago. Wie auch Papst Leo XIV. stammt Hicks aus Chicago, war dort von 2018 bis 2020 Weihbischof und gilt als Vertrauter des eher liberalen Erzbischofs der Stadt, Kardinal Blase Cupich. Neun Jahre lang war er zudem als Regionaldirektor einer Einrichtung für Waisenhäuser in El Salvador tätig. Dolan hingegen war zuletzt vor allem als Unterstützer und Freund Trumps in Erscheinung getreten. Bei beiden Amtseinführungen des aus New York stammenden Trump sprach Dolan ein Gebet. Auch privat pflegte er ein gutes Verhältnis zu ihm –so eng, dass Trump ihn im vergangenen Jahr sogar als möglichen neuen Papst ins Spiel brachte. "Wir haben einen Kardinal, der zufälligerweise aus einem Ort namens New York kommt und der sehr gut ist", sagte Trump im Vorfeld des Konklaves – ehe er sich im Nachgang selbst mit einem KI-generierten Bild als Papst inszenierte.

Eine andere Richtung, als es Trump lieb ist

Daraus wurde jedoch nichts. Seit nunmehr über acht Monaten sitzt Leo XIV. auf dem Stuhl Petri und schlägt mit seinen Bischofsernennungen in den USA und Äußerungen eine andere Richtung ein, als es Trump lieb ist. Das jedenfalls zeigten seine ersten Bischofsernennungen für die USA, zuletzt jene im Dezember, als er einen neuen Bischof für das Bistum Corpus Christi im Süden des US-Bundesstaates Texas ernannte. Der 56-jährige Mario Alberto Avilés stammt gebürtig aus Mexiko und war in den vergangenen Jahren bereits Weihbischof in Brownsville, ebenfalls an der Grenze zum südlichen Nachbarland.

Mit Hicks in New York steht nun zudem ein Erzbischof im Amt, der in einem seiner ersten Interviews nach der Ernennung betonte, sich ausdrücklich für Einwanderer einsetzen zu wollen. Die viral gehenden Videos von Kirchenvertretern sind zwar "fake", doch es scheint, als würde der Politik der Trump-Regierung zumindest auf andere Weise und in der Realität die Stirn geboten. Auch wenn die US-Bischofskonferenz in sozialen Medien nach dem Treffen Coakleys mit Trump und Vance am Montag sehr diplomatisch und vorsichtig klang. 

Von Mario Trifunovic