Stollhoff: Einer AfD-Regierung würden wir als Kirche die Stirn bieten
Anfang Januar hat Birgit Stollhoff die Leitung des Katholischen Büros Mecklenburg-Vorpommern übernommen. Im katholisch.de-Interview spricht die Juristin und Theologin über ihren Weg in den Osten, die besondere Diasporasituation der Kirche in Mecklenburg-Vorpommern und ihre Sorge um die Demokratie. Mit Blick auf die Landtagswahl im September warnt sie eindringlich vor einer weiteren Stärkung der AfD.
Frage: Frau Stollhoff, seit Anfang Januar leiten Sie das Katholische Büro Mecklenburg-Vorpommern. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?
Stollhoff: Gereizt hat mich neben diesem wunderschönen Land vor allem die Kombination aus juristischen und theologischen Fragen, mit denen ich im Katholischen Büro beschäftigt sein werde. Ich bin selbst Juristin und Theologin und habe mich immer schon für die Verknüpfung von Kirche und Politik interessiert. Hinzu kommen meine Erfahrungen aus der Corona-Zeit, in der ich in der Jugendarbeit tätig war. In dieser Phase hatte ich – gewissermaßen als Vertreterin einer besonders vulnerablen Gruppe – sehr viel mit Landespolitik zu tun; das fand ich damals sehr spannend. Einen möglicherweise entscheidenden Schub gab mir zudem ein Vortrag der ehemaligen Grünen-Vorsitzenden Ricarda Lang auf der "re:publica" im vergangenen Jahr.
Frage: Wieso?
Stollhoff: Lang sprach dort mit Blick auf die politischen Entwicklungen der jüngsten Zeit von einer "Crunchtime für die Demokratie", also einer entscheidenden Phase. Ich merke bei mir selbst, dass ich mit zunehmendem Alter immer politischer werde und mir wachsende Sorgen um unsere Demokratie mache. Das Katholische Büro Mecklenburg-Vorpommern erschien mir deshalb als gute Möglichkeit, ganz konkret zu sagen: Ich möchte für die Kirche einen Beitrag für die Demokratie leisten.
Frage: Ihre Biografie ist durch und durch westdeutsch geprägt: Sie stammen aus Baden-Württemberg, wo Sie auch Jura studiert haben. Später haben Sie dann in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gelebt. Ist der Osten also komplettes Neuland für Sie?
Stollhoff: Jein. Während meiner Ausbildung zur Pastoralreferentin hatte ich viel Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen aus dem Erzbistum Berlin und dem Bistum Dresden-Meißen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich mich selbst gar nicht mehr so stark als Westdeutsche wahrnehme. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie sehr sich viele Ostdeutsche – auch jüngere – über ihre ostdeutsche Herkunft definieren. Das hat mich durchaus zum Nachdenken gebracht. Was mich in Mecklenburg-Vorpommern überrascht hat, ist aber die Mischung: Das Bundesland ist eben nicht nur Osten, sondern auch Norden und darin sehr vergleichbar mit den anderen maritimen Bundesländern. Hinzu kommt die besondere kirchliche Situation: Der Landesteil Mecklenburg gehört zum Erzbistum Hamburg; damit verbinden sich hier West- und Ostgeschichte. Das gibt es sonst nur in Berlin. Und auch auf Vorpommern, das zum Erzbistum Berlin gehört, und seine Herausforderungen im ländlichen Raum freue ich mich.
„Mit Blick auf die nächsten Monate steht ganz klar die Landtagswahl im September im Mittelpunkt. Aus meiner Sicht geht es bei der Wahl um nichts weniger als den langfristigen Fortbestand der Demokratie.“
Frage: In den vergangenen Jahren gab es eine aufgeregte Ost-West-Debatte, in der von ostdeutscher Seite unter anderem der Vorwurf zu hören war, dass der Westen den Osten immer noch als eine Art Kolonie betrachte und Ostdeutsche in wichtigen politischen Ämtern auch im Osten selbst weiterhin stark unterrepräsentiert seien. Auch Sie besetzen nun als Westdeutsche ein politisches Amt im Osten. Wie blicken Sie auf dieses Thema?
Stollhoff: Ich bin mir dieser Problematik durchaus bewusst. Umso mehr will ich mich bemühen, offen aufzutreten und in allen Fragen sehr sensibel vorzugehen. Ein "Besser-Wessi" möchte ich auf keinen Fall sein! Gerade ostdeutsche Katholikinnen und Katholiken haben ein feines Gespür für problematisches oder anmaßendes Führungsverhalten. Ich kenne Ostdeutschland bislang nicht aus eigener Lebenserfahrung. Doch gerade jetzt, wo nach meinem Eindruck wieder kritischer über den Osten gesprochen wird, bin ich neugierig auf die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern und möchte mich hier einbringen.
Frage: Gibt es bereits ein Thema, das Ihnen als neuer Leiterin des Katholischen Büros besonders unter den Nägeln brennt?
Stollhoff: Mit Blick auf die nächsten Monate steht ganz klar die Landtagswahl im September im Mittelpunkt. Aus meiner Sicht geht es bei der Wahl um nichts weniger als den langfristigen Fortbestand der Demokratie und all des Guten, das sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat und das für uns heute selbstverständlich ist. Ein weiteres Thema, dass mich eher langfristig beschäftigen wird, ist die Frage, wie Kirche auch künftig im ländlichen Raum präsent sein kann. Mecklenburg-Vorpommern ist flächenmäßig ein großes Bundesland, in dem allerdings nur wenige Katholiken leben. Das ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen – gerade auch in Zeiten, in denen die finanziellen Mittel knapper werden.
Frage: Sie deuten es an: Die katholische Kirche befindet sich in Mecklenburg-Vorpommern in einer extremen Diasporasituation. Wie groß kann vor diesem Hintergrund überhaupt der Einfluss Ihres Büros sein?
Stollhoff: Für mich kann ich sagen, dass ich in meinen ersten Tagen in Schwerin bereits sehr viel Wohlwollen erlebt habe. Die Kirchen werden hier als nicht parteipolitisch gebundene Akteure ernst genommen, gerade wenn es um den Einsatz für Demokratie und Menschenrechte geht. Ich denke, ein wichtiger Faktor ist unsere Verwurzelung vor Ort – etwa über die Pfarrgemeinden und die Caritas. Wir wissen, was die Menschen im Land bewegt, wo die Nöte liegen. Das macht uns zu einem relevanten Gesprächspartner. Diejenigen Landtagsabgeordneten, Ministerinnen und Minister, die ich bislang getroffen habe, habe ich jedenfalls als sehr offen und wohlmeinend erlebt.
Birgit Stollhoff leitet seit Jahresanfang das Katholische Büro Mecklenburg-Vorpommern.
Frage: Sie haben es bereits gesagt: Im September wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. Wie nehmen Sie diesbezüglich die politische Stimmung im Land wahr?
Stollhoff: Bei den demokratischen Parteien und den Menschen, mit denen ich spreche, spüre ich ein Bewusstsein dafür, dass es bei der Wahl darum geht, die Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern zu verteidigen. Und ich nehme wahr, dass es viel Engagement für die Demokratie gibt – etwa bei Aktionstagen in Schulen oder auch in den Pfarrgemeinden. Viele Menschen wollen die Lage nicht einfach hinnehmen! Zugleich ist überall die Sorge vor einem Wahlsieg der AfD und einer möglichen Regierungsbeteiligung der Partei spürbar.
Frage: Bei der letzten Umfrage im Herbst lag die AfD bei 39 Prozent, meilenweit vor allen anderen Parteien. Was würde es für Mecklenburg-Vorpommern bedeuten, wenn die AfD bei der Wahl tatsächlich stärkste Kraft werden würde?
Stollhoff: Das wäre natürlich ein Schock. Sollte die AfD Regierungsverantwortung bekommen, würde sie wohl sehr schnell versuchen, das Land in ihrem Sinne umzugestalten. Die Konsequenzen einer solchen Politik könnten verheerend sein. Ich mache mir da Sorgen um den Bildungsbereich, um die Menschen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen und jetzt schon bedroht werden, um soziale Leistungen und Rechte für alle Menschen in Nöten – gleich welcher Nöte und welcher Herkunft – und um das Verhältnis zu den Kirchen. Noch liegt das Wahlprogramm der AfD für Mecklenburg-Vorpommern nicht vor, aber aus dem bisherigen Auftreten habe ich da Befürchtungen.
Frage: Wie würde sich Ihre Arbeit verändern, wenn die AfD das Land regieren sollte?
Stollhoff: Das kann ich noch nicht absehen. Klar ist aber, dass wir als Kirche mit geradem Rücken in die Zukunft gehen und einer entsprechenden Regierung die Stirn bieten würden. Ich persönlich habe auf jeden Fall keine Angst davor, mich jederzeit kritisch mit der AfD auseinanderzusetzen und die kirchlichen Positionen zu Demokratie und Menschenrechten selbstbewusst zu vertreten. Gerade bei diesen Themen dürfen wir als Kirche keine Kompromisse machen. Was mich ermutigt ist, dass ich in Kirche und Gesellschaft viele Gruppierungen und Menschen erlebe, die jetzt noch stärker Werbung für unsere Demokratie machen.
„Ich glaube, wir brauchen wieder positive Vorbilder in der Politik – Menschen, die kompetent handeln und demokratische Werte glaubwürdig vertreten.“
Frage: Die bisherige Taktik der demokratischen Parteien und auch der Kirchen im Umgang mit der AfD ist nicht aufgegangen; die Partei ist heute stärker denn je. Haben Sie eine Idee, wie man die AfD erfolgreicher bekämpfen könnte?
Stollhoff: Vor allem muss man zwischen der Partei und ihren Wählern unterscheiden. Die Partei müssen wir an ihren Inhalten messen und ihr deutlich widersprechen. Gleichzeitig müssen wir versuchen zu verstehen, warum Menschen überhaupt die AfD wählen. Was läuft aus Sicht dieser Menschen gesellschaftlich und politisch so falsch, dass sie der Überzeugung sind, dass nur die AfD die Probleme lösen kann? Wie konnten die demokratischen Parteien diese Menschen verlieren – und wie können sie sie möglicherweise wieder zurückgewinnen? Diesen Fragen müssen sich alle Demokratinnen und Demokraten gemeinsam und ohne moralische Überheblichkeit stellen.
Frage: Haben Sie tatsächlich die Hoffnung, AfD-Wähler für die demokratischen Parteien zurückgewinnen zu können?
Stollhoff: Ja. Ich glaube, wir brauchen wieder positive Vorbilder in der Politik – Menschen, die kompetent handeln und demokratische Werte glaubwürdig vertreten. Engagement gibt es in der Gesellschaft reichlich. Wichtig ist zudem, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.
Frage: Kommen wir noch einmal zurück zu Ihnen: Neben Ihrer Aufgabe im Katholischen Büro arbeiten Sie auch in der Seelsorge der Schweriner Pfarrei St. Anna. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Kombination?
Stollhoff: Ganz banal könnte man sagen, weil die Stelle im Katholischen Büro nur eine halbe Stelle ist und ich noch Kapazitäten frei hatte (lacht). Ich freue mich aber tatsächlich sehr, dass ich die Tätigkeit als Seelsorgerin auf diese Weise weiterführen kann.
Frage: Lassen sich beide Aufgaben denn gut verbinden?
Stollhoff: Ich glaube schon. Schwerin ist eine Stadt, in der sich kirchliche und politische Kontakte stark überschneiden. Politikerinnen und Politiker, mit denen ich wochentags als Leiterin des Katholischen Büros zu tun habe, treffe ich bei kulturellen und auch religiösen Veranstaltungen abends und am Wochenende – das erleichtert manches. Vor allem denke ich, dass die Arbeit in der Gemeinde auch ein guter Rückkanal für meine Tätigkeit im Katholischen Büro sein kann, weil ich als Seelsorgerin sicher nochmal direkter mitbekommen werde, wo den Menschen der Schuh drückt.
