Standpunkt

Glaubhaftes kirchliches Gedenken braucht Umkehr

Veröffentlicht am 27.01.2026 um 00:01 Uhr – Von Valerie Judith Mitwali – Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts an diesem Dienstag wird auch in Deutschland wieder groß begangen. Angesichts dessen warnt Valerie Mitwali vor Floskeln – und erinnert an einen Propheten.

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"Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider" (Joel 2,13) – diese berühmten Worte des Propheten Joel lesen sich wie eine bedrängend aktuelle Mahnung vor einer rein performativen Gedenkkultur. Dass es Tage des gesellschaftlichen Erinnerns gibt, ist richtig und wichtig. Zugleich laufen diese jährlichen Termine stets Gefahr, zu einer routinierten und innerlich leeren Pflichtaufgabe zu verkommen.

Um diese allzu menschliche Tendenz wusste der Prophet Joel und sie erscheint auch heute. Ich schreibe diesen Standpunkt am 26. Januar und kann doch schon erahnen, welche Stellungnahmen zum Holocaust-Gedenktag aus Politik, Kirche und Zivilgesellschaft kommen werden. Es sind die immer gleichen "Kleider", die öffentlich "zerrissen" werden. Stets wird darin ein ominöses "Wir" beschworen, welches – selbstverständlich – auf der richtigen Seite der Geschichte steht.

Die Kirche könnte hier mit einem Schatz aus ihrer religiösen Tradition positiv hervorstechen: Umkehr. Was sollte oder müsste sogar am Holocaust-Gedenktag die kirchlichen Herzen zerreißen? Vielleicht die Tatsache, dass Sinti und Roma noch immer mit Absichtserklärungen vertröstet werden, man wolle die kirchliche Verantwortung an ihrem NS-Genozid irgendwann aufarbeiten. Oder dass im Holocaust ebenfalls verfolgte homosexuelle Menschen noch immer auf ein kirchliches Schuldeingeständnis warten. Herzzerreißend auch, wenn sich heute Rechtspopulisten und Co. in ihrem menschenverachtenden Treiben ausgerechnet auf ihren katholischen Glauben berufen.

"Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum HERRN, eurem Gott!", so heißt es im Buch Joel weiter. Dieser prophetische Ruf zur Umkehr bildete auch den Ausgangspunkt der Verkündigung Jesu (vgl. Mk 1,15) und ist dem Christentum damit ins Stammbuch geschrieben. Menschen in der Nachfolge Jesu dürfen ihrer eigenen Schwäche und Schuld in die Augen schauen – und gerade darin darauf vertrauen, dass Gott nicht aufgibt, diese Welt mit ihnen zu erneuern. Ein solches kirchliches Gedenken könnte gesellschaftliche Kreise ziehen.

Von Valerie Judith Mitwali

Die Autorin

Valerie Judith Mitwali promoviert an der Ruhr-Universität Bochum in systematischer Theologie.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.