Social-Media-Sucht: Wir dürfen nicht länger wegschauen

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TikTok droht eine Strafe wegen Suchtgefahr. Nicht etwa im übertragenen Sinne, sondern im medizinischen: Es geht um echte Abhängigkeit. Höchste Zeit, das Problem ernst zu nehmen. Sucht – das Wort klingt hart. Wir verbinden es mit zerstörten Existenzen, mit Drogen, Alkohol. Sie kann auch schleichend die Seele aushöhlen, ohne dass von außen viel zu sehen ist. Genau das geschieht bei Social-Media-Abhängigkeit.
Die Mechanismen sind längst erforscht: Algorithmen, die gezielt Dopaminausschüttungen triggern. Endloses Scrollen, das keine Sättigung kennt. Push-Benachrichtigungen, die uns reflexhaft zum Smartphone greifen lassen. Was wie harmloses Unterhaltungsprogramm daherkommt, ist ein ausgeklügeltes System, um Nutzer zu binden – koste es, was es wolle.
Die Folgen sind real. In der Seelsorge erleben wir es täglich: Menschen, die nicht mehr mit sich allein sein können. Auch wir Seelsorger selbst sind nicht gefeit: das automatische Greifen zum Handy kennen viele von uns aus eigenem Erleben. Studien bestätigen: Wer süchtig nach Social Media ist, leidet häufiger unter Depressionen, Angstzuständen und Schlafstörungen. Die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, echte soziale Kontakte werden vernachlässigt. Das ist nicht nur Verblödung – das ist menschliche Verarmung. Wir verlieren die Fähigkeit zur Kontemplation, zur Selbstreflexion, zur echten Begegnung.
Besonders dramatisch bei Kindern und Jugendlichen: Ihr Gehirn ist noch in der Entwicklung, besonders anfällig für Suchtmechanismen. Wenn die prägenden Jahre in digitaler Dauerbeschallung versinken, fehlen grundlegende Erfahrungen: Langeweile aushalten. Frustrationstoleranz entwickeln. Sich selbst spüren – und darin auch dem Größeren begegnen, das uns trägt. Man mag einwenden: Jede Generation hatte ihre Ängste vor neuen Medien. Doch diesmal ist es anders. Noch nie gab es Technologien, die so präzise auf unser Belohnungssystem zielen, die uns 24/7 begleiten, deren Geschäftsmodell darauf basiert, unsere Aufmerksamkeit zu maximieren – nicht unser Wohlbefinden.
Die drohende Strafe gegen TikTok ist ein Signal: Wir dürfen nicht länger wegschauen. Social Media kann süchtig machen, im medizinischen Sinne. Diese Sucht zerstört vielleicht keine Leben im klassischen Sinne – aber sie beschädigt etwas nicht weniger Kostbares: die Seele selbst.
Der Autor
Max Cappabianca ist Mitglied des Dominikanerordens und unter anderem als Moderator von Kirchensendungen in Sat.1 tätig.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.