Jörg Ernesti über 2.000 Jahre pontifikale Geschichte

Das Papsttum: Von der Wandelbarkeit einer Institution

Veröffentlicht am 04.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Jörg Ernesti – Lesedauer: 

Augsburg ‐ Von bescheidenen Anfängen zu einer Art moralischen Weltmacht: Das Papsttum hat sich in rund 2.000 Jahren als erstaunlich wandelbar erwiesen. Kirchenhistoriker Jörg Ernesti zeigt im Gastbeitrag zentrale Wendepunkte auf.

  • Teilen:

Wenn man sich mit Personen unterhält, denen die Papstgeschichte nicht vertraut ist, begegnet einem nicht selten die Auffassung, das Papsttum sei durch Christus begründet worden – und zwar in der Form, wie sie uns heute begegnet: mit Unfehlbarkeit in der Lehre, universaler Leitungsgewalt und Zeremoniell. Doch diese Auffassung ist historisch nicht haltbar. Zwar ist das Papsttum unbestritten die älteste religiös-politische Institution Europas, aber es hat sich zugleich als erstaunlich wandelbar und anpassungsfähig erwiesen. Ja, es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass es sich in verschiedenen Epochen neu erfunden hat. Vielleicht macht das sogar den eigentlichen Erfolg des Papsttums aus.

Erstaunlich scheint schon, wie bescheiden die Anfänge waren. Ob Petrus überhaupt in Rom war, ob er die römische Gemeinde gegründet und geleitet hat, ob er dort das Martyrium erlitten hat und begraben wurde, ist seit dem 19. Jahrhundert Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. Das liegt daran, dass die zeitgenössischen Quellen für all das ernstzunehmende Indizien, aber keine zwingenden Beweise liefern. Für die traditionelle Deutung spricht, dass keine andere Ortskirche in der Welt jemals den Anspruch erhoben hat, das Grab des Apostels zu besitzen. Pius XII. wollte Licht in die Angelegenheit bringen und ordnete daher 1940 an, nach dem Grab Petri zu suchen. Sein Mut wurde belohnt: Archäologen fanden tief unter dem Papstaltar des Petersdoms eine primitive Verehrungsstätte aus dem späten 2. Jahrhundert Graffiti an der Wand bestätigen den Befund, dass Petrus hier schon damals verehrt wurde.

Die Sache mit dem Primat

Doch die Sache mit dem Primat, dem Vorrang des römischen Bischofs vor allen anderen Bischöfen, war kein Selbstläufer. Der Kirche der Reichshauptstadt wurde schon früh ein Ehrenplatz zuerkannt. Bei Kontroversen (etwa um das Datum des Osterfestes) orientierten sich andere Ortskirchen an Rom. Kaiser Konstantin erhöhte im vierten Jahrhundert das Prestige der römischen Bischöfe durch den Bau des alten Petersdoms und der Lateranbasilika. Die gesamte Spätantike ist von einem kontinuierlichen Ausbau der päpstlichen Vollmachten geprägt. Dazu bedurfte es starker Charaktere auf dem Stuhl Petri.

Besonders bedeutsam war der der Beitrag Leos des Großen (Papst von 440 bis 461), der an das römische Erbrecht erinnerte, nach dem der Erblasser im Erben fortlebt. In der Stimme des Papstes vernehme man die Stimme des Apostels Petrus. Dieser sei Stellvertreter Christi, so wie er selbst Stellvertreter Petri sei. Leo erhob den Anspruch, die ganze Kirche zu leiten (was in der Ostkirche für wenig Begeisterung sorgte). Angesichts des Verfalls des weströmischen Reiches füllten die Päpste zunehmend auch eine politische Lücke. So wies Leo die Hunnen und die Westgoten in die Schranken.

 Jörg Ernesti
Bild: ©Christopher Beschnitt/KNA (Archivbild)

Jörg Ernesti ist Professor für Mittlere und Neue Kirchengeschichte an der Universität Augsburg. In einem neuen Buch geht er der Frage nach, wie sich das Papsttum über zwei Jahrtausende behaupten konnte.

In Leos Fußstapfen trat der Benediktiner Gregor der Große (590–604), vor seiner geistlichen Laufbahn ein hoher Beamter. Er formte die Besitzungen der römischen Kirche zu einem kompakten Gebilde. Seine Nachfolger sollten diesen Weg konsequent weitergehen, bis schließlich im Jahr 754 das Bündnis mit den Franken geschlossen wurde, das zur Gründung des Kirchenstaates führte. Dieses Bündnis wurde durch Karl den Großen besiegelt, der sich im Jahr 800 durch Papst Leo III. in der Peterskirche zum Kaiser krönen ließ. Es spricht erneut für die Anpassungsfähigkeit des Papsttums, dass es diese staatliche Hoheit an sich zog und in den mittelalterlichen Auseinandersetzungen mit den römisch-deutschen Kaisern stets zu bewahren suchte. Der unter dem mächtigen Papst Innozenz III. um das Jahr 1200 erweiterte Staat hatte etwa die Größe der heutigen Niederlande.

Die Päpste beanspruchten bis 1870 erfolgreich die eigene staatliche Souveränität. Der "Papst-König" war keines anderen Herrschers Untertan und sah gerade darin seine Freiheit gewährleistet. In der Gregorianischen Reform des 11. Jahrhunderts erneuerte sich das Papsttum auch innerlich. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang saßen Mönche auf dem Stuhl Petri und suchten monastische Ideale durchzusetzen. Dazu gehörte eine Einschärfung des Zölibats.

Große Katastrophen

Die größten Katastrophen sollten dem Papsttum jedoch noch bevorstehen: Im 14. Jahrhundert residierten die Päpste für sieben Jahrzehnte in Frankreich, wo in Avignon der große Papstpalast entstand. Als Büttel der französischen Könige verloren sie international an Prestige. Doch damit nicht genug: Nach der Rückkehr in die Ewige Stadt kam es zu einer Doppelwahl und die Kirche wurde für vier Jahrzehnte von zwei, später drei Männern regiert, die Anspruch auf die Papstwürde erhoben. Erst das Konzil von Konstanz konnte das Schisma 1417 beseitigen.

Die Jahrzehnte danach haben zwar tatkräftige und gelehrte Päpste hervorgebracht, doch das Prestige war bald wieder verspielt: Unter den Renaissancepäpsten um das Jahr 1500 standen der Nepotismus (die Begünstigung der eigenen Familie), das Mäzenatentum (die Kunstförderung) und eine Ausweitung der weltlichen Herrschaft im Vordergrund. Alexander VI., dem berüchtigten Borgia-Papst, Julius II. und Leo X. haben wir zwar den neuen Petersdom, die Fresken der Sixtinischen Kapelle und manches andere zu verdanken – aber sie bilden doch auch den moralischen Tiefpunkt der Papstgeschichte. Völlig zu Recht setzte hier Martin Luthers Kritik an.

Gemaelde einer Kriegsszene in Schwarzweiss
Bild: ©picture alliance/Bildagentur-online/Sunny Celeste (Archivbild)

1870 wurde der Kirchenstaat von italienischen Truppen eingenommen. Der Verlust staatlicher Macht hat sich für das Papsttum jedoch als Segen erwiesen.

Dass sich das Papsttum in der Zeit des Konzils von Trient (1545–63) aus eigenen Kräften erneuern konnte, war wiederum kein Selbstläufer. Unter den großen Päpsten der Barockzeit stand die Förderung der Künste zwar weiterhin hoch im Kurs (man denke etwa an die Werke Berninis oder Borrominis), sodass der Kirchenstaat zeitweilig vor dem Bankrott stand. Doch die ganz großen moralischen Katastrophen blieben nun aus.

Einen erheblichen Einschnitt bedeutete die Eroberung Italiens im Zuge der Französischen Revolution. Pius VI. wurde 1799 nach Frankreich entführt und dort von der gaffenden Menge als "Pius der Letzte" verspottet. Viele Zeitgenossen haben bei seinem Tod das Papsttum abgeschrieben. Es grenzte an ein Wunder, dass mit dem Benediktiner Pius VII. überhaupt ein neuer Pontifex gewählt werden konnte. Doch sollte es ihm nicht besser als seinem Vorgänger ergehen: Napoleon hielt ihn fünf Jahre lang gefangen. Dass der Kirchenführer sich auch durch die Einzelhaft nicht brechen ließ, trug entscheidend dazu bei, dass sein Staat auf dem Wiener Kongress restituiert wurde.

Gefangener im Vatikan

Ein weiterer Einschnitt, der entscheidend zur Profilierung des modernen Papsttums beitragen sollte, war die Eroberung Roms und der endgültige Untergang des Kirchenstaates im Jahr 1870. Pius IX. reagierte mit einer Protesthaltung, inszenierte sich als "Gefangener im Vatikan", verbot Katholiken die Teilnahme an Wahlen und verweigerte den Segen Urbi et Orbi. Das Unfehlbarkeitsdogma des Ersten Vatikanischen Konzils mag man als Kompensation des politischen Machtverlustes verstehen. Doch wuchsen die Päpste durch den Verlust der weltlichen Herrschaft über sich hinaus. Es wurden Kräfte freigesetzt für die Leitung der Gesamtkirche. Die Finanzierung der Kirchenleitung wurde auf gesamtkirchliche Füße gestellt, etwa durch den Peterspfennig. Vom Ballast des Regierens befreit, vermittelte Leo XIII. elfmal in internationalen Konflikten. Das war nur möglich, weil der Heilige Stuhl jetzt erst wirklich überparteilich sein konnte.

Alle Päpste haben seither mehr oder weniger erfolgreich versucht, in kriegerischen Konflikten zu vermitteln. Benedikt XV. entwickelte diese Position im Ersten Weltkrieg weiter, indem er die Friedensvermittlung durch humanitäre Aktivitäten flankierte. So protestierte er beim Sultan des Osmanischen Reiches gegen den Genozid an den Armeniern. Der 1929 geschaffene Miniaturstaat "Staat der Vatikanstadt" trägt dieser neuen Rolle Rechnung: Er garantiert den Päpsten staatliche Souveränität, überfordert sie aber nicht mit der Verwaltung eines großen Staates. Dieser bildet überdies die Basis für diplomatische Beziehungen und eine Mitarbeit in den internationalen Organisationen. Dort setzt sich der Heilige Stuhl für die Religionsfreiheit und die anderen Menschenrechte, für Friedenslösungen und internationale Gerechtigkeit ein. Dabei verfügt er nach den Worten von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin nicht über Armeen oder wirtschaftliche Macht, sondern nur über die eigene Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft ("soft power").

Bild: ©picture alliance/dpa | Oliver Weiken (Archivbild)

Mit seiner Wahl wurde Leo XIV. zur internationalen Medienfigur.

Dass auf dem Feld der Außenpolitik Prestige leicht verspielt werden kann, zeigen die Diskussionen um die Haltung Pius' XII. in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die aus heutiger Sicht als zu zaghaft und zu diplomatisch empfunden wird. Das Papsttum hat seit 1870 seine Rolle in der Welt neu definiert. Nach den Worten Giovanni Battista Montinis, des späteren Paul VI., wurde seither "die Rolle des Papstes als Lehrer und Zeuge des Evangeliums auf ungewöhnliche Weise gestärkt".

Die Geschichte wäre nicht zu Ende erzählt, wenn man die Rolle der Medien außer Acht ließe. Die Päpste haben schon früh deren Bedeutung erkannt und sie sich zu Nutze gemacht. 1861 bekamen sie mit dem L‘Osservatore Romano ihre eigene Tageszeitung. Leo XIII. ließ sich 1898 als erster Papst filmen. Pius XI. engagierte 1931 einen Nobelpreisträger, ihm Radio Vatikan, "die Stimme des Papstes", aufzubauen. Lange bevor 1983 ein eigener vatikanischer Fernsehsender gegründet wurde, traten die Päpste im Fernsehen auf. Bei der Eröffnung des Heiligen Jahres 1975 wurde erstmals die Grenze von mehr als einer Milliarde Fernsehzuschauern erreicht. Die Reisen, Weltjugendtage und Heiligen Jahre hätten ohne dieses Medium sicherlich nicht eine solche Strahlkraft gehabt.

Gerade die starke Medienpräsenz beweist die immense Wandelbarkeit der Institution Papsttum. Von der Gestalt des galiläischen Fischers Petrus bis zu Leo XIV., der eine Religionsgemeinschaft von 1,4 Milliarden Menschen leitet und nebenbei noch Staatsoberhaupt ist, war es ein weiter Weg. Der Historiker wundert sich, dass es das Papsttum immer noch gibt – während der gläubige Mensch an den besonderen Beistand des Heiligen Geistes denkt, der den Päpsten seit alters her zugesprochen wird.

Von Jörg Ernesti

Buchtipp

Jörg Ernesti, Die Päpste. Von der Antike bis zur Gegenwart, C.H.Beck Wissen, C.H.Beck Verlag, München 2026, 128 Seiten, 14 Euro.