Benediktinerin: "Fasten schärft die Sinne"

Mit 17 Jahren fastete Schwester Magdalena Böhm zum ersten Mal – eine prägende Erfahrung. Seither ist das regelmäßige Fasten für sie eine Kraftquelle für Körper, Geist und Seele. Nach ihrem Eintritt ins Kloster Alexanderdorf in Brandenburg absolvierte die 47-jährige Benediktinerin eine Ausbildung bei der Deutschen Fastenakademie zur ärztlich geprüften Fastenleiterin.
Seit 2022 bietet sie dort mehrmals im Jahr "Fastenkurse für Gesunde" nach den beiden deutschen Fastenärzten Otto Buchinger und Hellmut Lützner an. Die Teilnehmer verzichten in der Regel für eine Woche auf Nahrung und nehmen lediglich Brühen, Säfte und Flüssigkeit zu sich. Diese Art des Fastens dient der körperlichen Entlastung, inneren Reinigung und mentalen Klärung. Im katholisch.de-Interview spricht Schwester Magdalena über die Wirkung des Fastens und die besondere Nachfrage in der österlichen Fastenzeit.
Frage: Schwester Magdalena, als ausgebildete Fastenbegleiterin spielt das Fasten eine große Rolle in Ihrem Leben. Was begeistert Sie daran?
Schwester Magdalena: Es sind verschiedene Sachen, die zusammenkommen: Zum einen die Erfahrung, dass der Körper nur mit Trinken und ein bisschen Brühe auskommt. Zum anderen, das Erwachen der Sinne – wie intensiv ein einfacher Apfel nach einer Fastenperiode schmecken kann. Und dann kommt noch der "Fastenflow" dazu, der sich bei einigen Menschen nach einigen Tagen einstellt – also einfach das Gefühl, dass es einem so richtig gut geht, dass alles irgendwie leichter fällt. Grundsätzlich erlebe ich das Fasten als eine Zeit, in der man sich ganz bewusst Zeit für sich selbst nimmt und Dinge reflektiert – das spiegeln mir auch unsere Gäste im Kloster.
Frage: Inwiefern kann Verzicht befreiend wirken?
Schwester Magdalena: Wir leben in einer Gesellschaft in einer Zeit, in der man alles im Überfluss hat. Da ist die Erfahrung, dass man auch mit weniger auskommt, sehr wichtig. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Fasten nicht bedeutet, Hunger zu haben, sondern wieder Appetit aufs Leben zu bekommen. Dadurch werden die Sinne wieder neu geschärft. Jeder kennt sicher die Erfahrung, dass etwas noch viel besser schmeckt, wenn man eine Weile darauf verzichtet hat.
Nach ihrem Eintritt ins Kloster Alexanderdorf absolvierte Schwester Magdalena Böhm eine Ausbildung bei der Deutschen Fastenakademie zur ärztlich geprüften Fastenbegleiterin.
Frage: Wie genau sieht so eine Fastenwoche im Kloster aus?
Schwester Magdalena: Ich empfehle vor der Fastenwoche ein paar Entlastungstage, an denen man grundsätzlich etwas weniger isst. Man sollte nach und nach die tierischen Produkte weglassen, weniger Fett zu sich nehmen, das Kaffeetrinken und den Zuckerkonsum reduzieren. Am Tag vor der Anreise isst man nur noch ein bisschen Gemüse, bevor man dann am ersten Fastentag abführt. Das gleiche gilt übrigens auch für die Tage nach der Fastenperiode. Dann sollte man nicht direkt ein Steak essen, sondern langsam wieder aufbauen. Das ist, wie wenn man Magen-Darm hatte, dann muss man auch wieder langsam anfangen zu essen. Wir brechen das Fasten zum Beispiel mit einem Apfel – und den schafft nicht jeder ganz.
Frage: Und wie gestalten Sie das Programm in der Fastenwoche?
Schwester Magdalena: Morgens biete ich um kurz vor sieben Frühsport an. Danach gibt es die Möglichkeit, die Messe zu besuchen. Dann geht es meistens eine Runde spazieren oder wir machen draußen etwas Spielerisches, zum Beispiel sich blind durch den Wald führen lassen. Mittags gibt es dann die Brühe und einen Leberwickel, um die Leber bei der Entgiftung zu unterstützen. Dann ist etwas Zeit zum Ausruhen und am Nachmittag gibt es dann eher meditative Angebote, zum Beispiel progressive Muskelentspannung oder einen Bibliolog. Abends gibt es noch einen Impuls, den ich den Teilnehmern mitgebe.
Frage: Unterstützen Sie die Teilnehmer auch dabei, Ihre Gedanken zu sortieren?
Schwester Magdalena: Ich lade die Teilnehmer immer dazu ein, für die Zeit Tagebuch zu schreiben. Und dann gibt es am Anfang immer Impulsfragen von mir: Was möchte ich in der Woche erreichen? Was ist mir wichtig? Gibt es Sachen, über die ich nachdenken möchte? Was habe ich für Sorgen, Kummer oder Befürchtungen? Gleiches gibt es am Ende der Woche. Und dann biete ich immer die Möglichkeit an, dass sich die Teilnehmer selbst einen Brief schreiben, den ich Ihnen ein halbes Jahr später zuschicke.
Frage: Kommen bei so viel Ruhe und Freizeit nicht auch unterdrückte Gefühle hoch?
Schwester Magdalena: Das kommt öfter vor. Allein schon, weil viele Menschen das Fasten nutzen, um einen Lebensabschnitt zu gestalten, zum Beispiel wenn sie in Rente gehen – das löst natürlich viele Gedanken aus. In unseren Kursen habe ich bisher immer die Erfahrung gemacht, dass sich die Gruppenmitglieder gegenseitig tragen. Oft helfen auch unsere Kirche oder unser Meditationsraum, um die Gefühle zu ordnen. Und wenn es darüber hinaus Unterstützung braucht, biete ich seelsorgliche Gespräche an.
Die Teilnehmer verzichten in der Regel für eine Woche auf Nahrung und nehmen lediglich Brühen, Säfte und Flüssigkeit zu sich.
Frage: Wie hängen beim Fasten Körper, Geist und Seele zusammen?
Schwester Magdalena: Das lässt sich vielleicht am besten mit einem Beispiel erklären: Einmal war eine Frau zu Besuch, deren Kinder vor kurzem bei ihr ausgezogen sind. Mit dieser neuen Situation, dass ihre Kinder ein Stück weit flügge wurden, hatte sie ein bisschen zu knacken. Durch das körperliche Fasten – was vor allem für Anfänger zu Beginn unmöglich scheint – hat sie gemerkt, dass sie loslassen kann. So wie sie sich wieder auf das Essen freut, sieht sie nun auch ihre Kinder: Sie kann sie loslassen und freut sich, wenn sie wieder zu Besuch kommen. Durch das körperliche Fasten reflektiert man Dinge, die einen seelisch belasten, ganz anders.
Frage: Aber liegt das dann wirklich am Fasten oder daran, dass die Frau einfach eine Woche aus ihrem gewohnten Umfeld rauskommt und Zeit zum Nachdenken hat?
Schwester Magdalena: Mit Sicherheit spielen der Ortswechsel und der Ausbruch aus dem Alltag eine wichtige Rolle, aber das Fasten setzt noch einmal einen drauf. In der Zeit, in der man auf etwas zu Essen verzichtet, riechen und schmecken die Brühe, der Saft, der Tee oder der Löffel Honig darin viel intensiver. Dadurch schärft sich allgemein unsere Wahrnehmung und der Geist wird wacher. Also meistens ist man in den ersten Tagen etwas müder, weil der Körper Zeit braucht, um sich umzustellen, aber danach wird man wacher, kreativer und produktiver. Allein die ganze Energie, die der Körper sonst für die Verdauung benötigt – und das sind etwa zehn Prozent des Energiebedarfs am Tag – hat man für andere Dinge zur Verfügung.
Frage: Braucht es für solche Fastenwochen einen Kurs oder kann man das auch allein zu Hause machen?
Schwester Magdalena: Natürlich geht das auch zu Hause allein. Aber gerade als Erstfaster ist es sinnvoll, professionell begleitet zu werden. Ich habe Erfahrungswerte rund um die körperlichen Symptome. Ganz normal sind zum Beispiel Kopfschmerzen, Schwindel oder dass zum Beispiel das Herz schneller schlägt, weil der Blutdruck sich verändert. Wenn man das nicht weiß, kann schnell Panik ausbrechen. In unseren Kursen mischen sich oft Anfänger und Erfahrene – das hilft natürlich auch.
Linktipp: Ein Kloster mit Strahlkraft: Die Benediktinerinnen-Abtei in Dinklage
Ein Kloster in einer alten Burg und eine Kirche, die früher einmal eine Scheune war – die Abtei Sankt Scholastika in Dinklage ist ein ganz besonderer Ort. Die Benediktinerinnen aus Niedersachsen leben von ihrer Arbeit, doch die hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr geändert.
Frage: Gibt es Menschen, die das Fasten bewusst in die österliche Fastenzeit legen?
Schwester Magdalena: Ich biete in der Regel viermal im Jahr einen Kurs an und der Kurs in der österlichen Fastenzeit ist immer am schnellsten ausgebucht. Unter den Teilnehmern sind viele katholische Menschen, die an den regelmäßigen Gebetszeiten teilnehmen und sich neu auf Gott ausrichten. Sie nutzen den Kurs dann auch, um sich spirituell auf Ostern vorzubereiten. Die anderen Teilnehmer sehen den Kurs eher als eine Art Frühjahrsputz.
Frage: Wer besucht denn so einen Kurs?
Schwester Magdalena: In einem Kurs sind immer circa elf Personen meist im Alter von 50 bis 60 Jahren – das scheint eine Lebensphase zu sein, in der man die Zeit für sowas hat oder sich bewusst dafür nimmt. Meistens sind es mehr Frauen, wobei in den letzten Kursen die Hälfte Männer waren.
Frage: Was ist mit Menschen, die das Fasten nicht können oder wollen? Gibt es Alternativen, wie man "innerlich ausmisten" kann?
Schwester Magdalena: Bei der Fastenwoche geht es viel um Meditation, Ruhe, Spaziergänge und die Sinne zu schärfen. Das kann ich alles auch ohne, dass ich auf Essen verzichte. Man könnte zum Beispiel spazieren gehen, anstatt fernzusehen. Wir haben uns so nach der Sonne gesehnt – jetzt können wir sie endlich wieder genießen. Oder man nimmt sich vor, Tagebuch zu schreiben – einfach mal die Gedanken ordnen: Wo stehe ich gerade? Was bewegt mich? Wofür bin ich dankbar? Das lässt sich jetzt auch wunderbar in die österliche Fastenzeit integrieren.