"Lieber Gott, ich war ganz nah bei dir"

91-jähriger Messdiener stand mit acht Jahren zum ersten Mal am Altar

Veröffentlicht am 16.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Jasmin Lobert – Lesedauer: 

Unna ‐ Seit über 80 Jahren ist Helmut Scherer Messdiener. Schon als Kind war die Sakristei ein wichtiger Ort für ihn – auch für so manchen Schabernack. Bis heute fühlt sich der 91-Jährige Gott vor dem Altar besonders nah.

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Kaum betritt Helmut Scherer das Christliche Klinikum in Unna, wird der 91-Jährige von allen Seiten gegrüßt. Kein Wunder, schließlich hat er fast 40 Jahre auf der dermatologischen Station in der Krankenpflege gearbeitet und noch bis Ende letzten Jahres im Personalhaus gewohnt. Er gehört quasi zum Inventar. Zum Glück ist sein neues Zuhause nicht weit von seiner alten Wirkungsstätte entfernt – er lebt in einem Seniorenheim direkt gegenüber und kommt öfter vorbei. "Zu Fuß unterwegs zu sein, hält mich fit." Samstags ist er regelmäßig hier, dann begleitet er den Gottesdienst in der Krankenhauskapelle als Messdiener. "Das mache ich jetzt schon seit 70 Jahren", sagt er.

Nach dem Gottesdienst bete er immer: "Lieber Gott, ich war ganz nah bei dir – noch näher als die anderen, die in der Bank knien." Diese Nähe zu Gott sei für ihn jedes Mal eine Freude. Wenn er sich den Tabernakel anschaut, kommen ihm solche Gedanken wie: "Lieber Gott, du wohnst aber eng" oder "In was für einem schönen Haus du wohnst". Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, dass er sich beim Vorbeigehen davor verbeugt. "Jeder Messdiener sollte Ehrfurcht vor unserem lieben Herrgott haben", so der Rentner.

"Früher waren die Gottesdienste feierlicher"

Angefangen hat Scherers Messdiener-Laufbahn mit circa acht Jahren in Paderborn. Dort ist er in einem Internat der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vincenz von Paul groß geworden. Er kann sich noch daran erinnern, dass sie morgens jeden Tag die lateinische Messe gefeiert haben. "Das dicke Messbuch war so schwer und wir mussten es durch den ganzen Altarraum tragen", sagt er. Den prächtigen Hochaltar, die Blumen, das verzierte Messgewand des Priesters – das seien alles Dinge, die er heute "schon ein wenig" vermisse. "Früher waren die Gottesdienste feierlicher", meint der Rentner. Aber dass die Messe nicht mehr auf Latein, sondern auf Deutsch gefeiert wird, findet er gut, "das hat damals kein Mensch verstanden".

Als frommer, zuverlässiger Messdiener war er sehr beliebt bei den Ordensfrauen und wurde sogar vom damaligen Erzbischof Lorenz Jäger, der später Kardinal wurde, als Messdiener für den Paderborner Dom angeworben. Dabei hatte der junge Scherer ab und zu auch Schabernack im Kopf: "Als junge Messdiener haben wir einmal heimlich den Messwein probiert", gibt der 91-Jährige lachend. "Jeder hatte ein Pinnchen in der Tasche und als der Küster die Kerzen angemacht hat, stand einer Schmiere." Sobald der Küster wieder zurückkam, war ein zweifaches Husten das Alarmsignal und die Pinnchen verschwanden in der Hosentasche, erzählt er weiter.

Jeden Samstag dient Scherer bei der Messe in der Kapelle des Christlichen Krankenhauses in Unna.
Bild: ©katholisch.de/jlo

Jeden Samstag dient Scherer bei der Messe in der Kapelle des Christlichen Krankenhauses in Unna.

"Einmal ist mir sogar beim Knieen das Glas aus der Tasche auf die Altarstufen gerollt", sagt er und lacht – gemerkt habe das zum Glück niemand. Trotzdem muss ihn damals etwas anderes verraten haben, denn nach dem Gottesdienst fragte ihn seine Tante, die eine Ordensschwester der Vincentinerinnen war, ob er Wein getrunken habe. Scherer antwortete nur: "Wer arbeitet, soll auch belohnt werden." Seine Tante habe gelacht und gefragt, ob der Wein wenigsten geschmeckt habe. "Ja und wie", soll er damals geantwortet haben.

Geschichten wie diese hat Scherer zahlreich auf Lager, zum Beispiel wie die Messdiener einst Äpfel aus dem Bischofsgarten stibitzt oder mit den Ordensschwestern an Karneval fröhlich getanzt haben. Zudem sei er durch sein kirchliches Ehrenamt im ganzen Erzbistum rumgekommen, weil er als Messdiener dort ausgeholfen hat, wo "Not am Mann war", zum Beispiel in Bad Lippspringe, in Warstein oder in Fröndenberg. "Das war eine schöne Zeit", blickt er zurück.

"Seit 70 Jahren mache ich hier den Karneval"

Nach Unna zog Scherer dann auf die Empfehlung seiner Tante. Die Ordensschwester wurde regelmäßig im örtlichen Krankenhaus behandelt und bekam mit, dass in der Einrichtung Personalmangel herrschte. Am 10. November 1956 zog Scherer in die neue Stadt. Das weiß er noch so genau, weil er – beeindruckt vom Martinsumzug der Katharinenschule – über Nacht ein Kostüm bastelte und am nächsten Tag mit einem Kinderwagen samt selbst angefertigten Puppe durch Unna spazierte. Für diesen ersten Unnaer Karnevalsumzug erntete er damals vor allem schiefe Blicke. Doch der Jeck ließ sich die Freude daran nicht nehmen, schrieb mit seinem "kleinsten Karnevalsumzug" sogar Stadtgeschichte und steckte über die Jahre zahlreiche Menschen an, so dass sich daraus eine Tradition entwickelte.

"Seit 70 Jahren mache ich hier den Karneval", sagt Scherer – und ist seitdem weit über Unna hinaus bekannt. Selbst mit 91 Jahren ließ er es sich nicht nehmen, auch in diesem Jahr den Kinderkarnevalsumzug zu begleiten. Heute ist er Ehrenpräsident des Karnevalsvereins, stand jahrelang Hörfunk und Fernsehen Rede und Antwort, hat beim Düsseldorfer Karneval einmal den zweiten Platz für seinen Wagen gewonnen und wurde 2006 als Ehrengast vom WDR zum größten Karnevalsumzug Deutschlands nach Köln eingeladen.

Immer wenn Scherer am Tabernakel vorbeigeht, verbeugt er sich davor.
Bild: ©katholisch.de/jlo

Immer wenn Scherer am Tabernakel vorbeigeht, verbeugt er sich davor.

Gott dankt er jeden Tag für seine Gesundheit, dass er noch gehen kann und vor allem für sein gutes Gedächtnis – "das ist das A und O", sagt der Rentner. Das tägliche Gebet, die regelmäßigen Gottesdienste tun ihm gut. Frau und Kinder habe er zwar keine "aber das ist vielleicht ganz gut so, ich bin kein Mensch für die Ehe", sagt er.

Aber Ordensbruder wäre er vielleicht gern geworden. "Ich fühle mich dem heiligen Franziskus verbunden, weil er ein Naturfreund war – ich wäre also in ein Franziskanerkloster gegangen." Auf die Frage, warum er diesen Plan nie in die Tat umgesetzt hat, antwortet Scherer: "Da kamen mehrere Dinge zusammen." Vor allem aber habe er Angst davor gehabt, eine mögliche Aufnahmeprüfung nicht zu bestehen. "Aber ich bin trotzdem zufrieden mit meinem Leben, so wie es ist", sagt der Rentner. "Da hat sicher unser Gott mitgespielt, der hat mich geführt."

Der Glaube sei für ihn immer eine Bereicherung gewesen

"Das Beten habe ich all die Zeit nicht verlernt", sagt Scherer. Er ist davon überzeugt: der Glaube versetzt Berge. Zwar habe er in seinem Leben Verluste erlebt, die er nicht verstanden hat, wo er mit Gott ins Gericht gegangen ist – aber unter dem Strich sei der Glaube immer eine Bereicherung für sein Leben gewesen. "Wenn man den Glauben nicht hat, ist es, als würde man mit Scheuklappen durch die Welt laufen", sagt er.

Über seinen Besuch in der Kirche freut sich der liebe Gott, davon ist Scherer überzeugt. Deshalb steht der 91-Jährige nach wie vor jeden Samstag vor dem Altar in der Kapelle des Unnaer Krankenhauses: "Solange mir der liebe Gott das Gehen lässt, will ich Messdiener sein."

Von Jasmin Lobert