Eine Gemeindereferentin allein unter Domkapitularen

Joana Drießen ist seit dem 11. Januar Gemeindereferentin am Paderborner Dom. Damit verstärkt zum ersten Mal eine laienpastorale Kraft das Metropolitankapitel in der Erzdiözese. Die 36-jährige kommt gebürtig aus Hagen-Hohenlimburg, hat Religionspädagogik in Paderborn studiert und seither als Gemeindereferentin gearbeitet – zeitweise auch im Erzbistum Köln. Zuletzt war sie im Pastoralen Raum "An Egge und Lippe" tätig. Im katholisch.de-Interview erzählt sie, welche Aufgaben sie am Dom übernehmen wird, wie sie in ihrer neuen Rolle wahrgenommen wird und wie sie auf die Arbeit mit den Domkapitularen und -vikaren schaut.
Frage: Frau Drießen, Sie sind die erste Gemeindereferentin, die am Hohen Dom zu Paderborn eingesetzt wird. Warum ist das etwas Besonderes?
Drießen: Die Stelle war vorher von einem Dompastor besetzt. Sein Wechsel hat in der Leitungsebene dazu geführt, sich zu überlegen, wie die Pastoral am Dom zukünftig aussehen soll. Der Dompropst hat sich explizit eine laienpastorale Kraft gewünscht. Das ist insofern neu und besonders, weil es das vorher in Paderborn noch nicht gab, dass ein Laie im Metropolitankapitel angesiedelt ist. Das heißt die Stelle wurde neu geschaffen und steht nicht eins zu eins im Vergleich zu den Aufgaben, die vorher der Dompastor übernommen hat. Meine Aufgabe besteht darin, zu schauen, wo das pastorale Leben am Dom bereits stattfindet, um es weiter auszubauen.
Frage: Was sind dann ganz konkret Ihre Aufgaben?
Drießen: Die Idee ist, dass ich die geistliche Leitung der Mädchenkantorei übernehme, die Dommessdiener und andere Ehrenamtliche am Dom betreue, die drei bischöflichen Schulen in Paderborn begleite und eine neue Taufpastoral entwickle.
Frage: Und diese Aufgaben hat vorher niemand übernommen?
Drießen: Jein – teilweise haben das der Dompastor und die Domvikare gemacht, aber eben nebenbei zu den Aufgaben, die sie sonst noch erfüllen. Einige von ihnen sitzen im Offizialat, sind als Spiritual im Priesterseminar oder als Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde eingesetzt. Das heißt, sie haben diese Aufgaben so gut es geht begleitet, kamen aber an eine Kapazitätsgrenze. Ich kann mich da jetzt mehr reingeben, was vielleicht eine andere Kontinuität und Intensität der Begleitung ermöglicht. Und einige meiner Aufgabenfelder haben sich, oder werden sich noch neu ergeben.
Links: Am 11. Januar führte Domdechant Gregor Tuszynski die Religionspädagogin Joana Drießen als erste Gemeindereferentin am Paderborner Dom ein. Rechts: Ein Blick durch das Kirchenschiff auf den Hochaltar im Paderborner Dom
Frage: Welche haben sich neu ergeben?
Drießen: Seit etwa vier Jahren gibt es eine Kooperation zwischen den bischöflichen Schulen und dem Dom, was die Erstkommunionvorbereitung angeht. Daraus ist die Frage entstanden, wo diese Schulen sonst noch inhaltliche Gestaltung durch eine Gemeindereferentin brauchen. Das werde ich zusammen mit den Schulen überlegen und ausprobieren. Ansonsten haben sich durch die Erstkommunionvorbereitung im Dom immer wieder auch Taufen ergeben, entweder von noch ungetauften Erstkommunionkindern oder von deren Geschwisterkindern. Auch unter den vielen engagierten Dommusikern gibt immer wieder Familien, die sich mit dem Dom verbunden fühlen und ihr Kind deshalb gerne dort taufen lassen wollen. Deshalb werde ich eine Taufpastoral für diesen Kirchort in den Blick nehmen.
Frage: Warum lassen sich diese Kinder nicht in ihrer Heimatgemeinde taufen?
Drießen: Ich glaube, das ist ein gesamtgesellschaftlicher Trend, der jetzt auch in Paderborn ankommt. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr an den Kirchturm gebunden, der bei ihnen nebenan ist. Zumal auch immer mehr Kirchen schließen müssen. Da gibt es unter Umständen die Kirche nebenan gar nicht mehr. Wir müssen also viel mehr über die Beziehung, die Erfahrung und über bestimmte Orte gehen. So ein Dom hat etwas Reizvolles, da entstehen Erstkontakte, weil sich Menschen für eine Taufe oder Hochzeit in diesem Kirchraum interessieren. Darin steckt eine wahnsinnige Chance – nicht neue Ehrenamtliche für irgendwas zu gewinnen, sondern ganz einfach, um Glaubenserfahrungen möglich machen zu können. Oder auch, um als Gesprächspartner da zu sein, vielleicht auch im Austausch über religiöse Erziehung. Der ganze Transformationsprozess im Erzbistum Paderborn ist darauf ausgerichtet, solche Orte mit Strahlkraft zu etablieren.
Frage: Sie haben den Transformationsprozess ins Spiel gebracht. Was verbirgt sich dahinter?
Drießen: Der bewegt sich auf zwei Ebenen: Es gibt einmal einen strukturellen Veränderungsprozess, der damit zusammenhängt, dass einfach weniger Hauptamt verfügbar ist und nicht mehr alle Kirchtürme erhalten werden können. Die andere Ebene – und unser Erzbischof betont immer, dass sie mindestens genauso wichtig ist – betrifft eine pastorale Transformation. Das heißt, wir müssen auch einen geistlichen Weg gehen, einen Haltungswechsel vornehmen.
Frage: Das heißt?
Drießen: Das hat unser Erzbischof in seinem letzten Hirtenbrief noch einmal betont: Nach außen macht es einen sehr negativen Eindruck – weniger Hauptamt, weniger Ehrenamt, weniger Kirchen. In diesem "Weniger" sollen wir das "Mehr" entdecken. Wir können nicht mehr überall sein. Die zukünftigen Seelsorgeeinheiten werden in unserem Bistum zum Beispiel etwa so groß sein, wie unsere jetzigen Dekanate. Da müssen wir einfach schauen, von welchen Orten und von welchen Personen Stahlkraft ausgeht. Unter dem Strich ist das Image der Kirche nicht das Beste und wir müssen es schaffen, wieder Punkte zum Leuchten zu bringen, Akzente zu setzen, die von den Menschen positiv wahrgenommen werden. Darin steckt eine Chance. Aber das geht eben auch damit einher, dass man sich auf das Neue einlässt und nicht am Alten festhält.
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Frage: Ihre Stelle am Dom wurde also im Rahmen des Bistumsprozesses neu geschaffen. Begegnen Ihnen auch kritische Stimmen, die eine Gemeindereferentin am Dom als "Symbolpolitik" abtun?
Drießen: Bisher wurde ich damit noch nicht konfrontiert. Aber es gibt bestimmt Menschen, die diese Stelle für nicht nötig halten. Wenn diese Kritik bei mir ankommt, bin ich gerne bereit, meine Arbeit zu verteidigen und zu erklären. Gleiches gilt, meiner Meinung nach auch für das Metropolitankapitel. Bisher habe ich eher die Erfahrung gemacht, dass die Menschen positiv reagieren und sich freuen, dass sich der Dom für diesen Schritt entschieden hat. Allerdings bin ich kein Fan davon, dass alle betonen, dass ich – also eine Frau – die laienpastorale Stelle beim Dom bekommen habe. Meine Stelle hätte genauso gut von einem Gemeindereferenten, also von einem Mann ausgefüllt werden können. Gleichzeitig erzeugt meine Person nun Aufmerksamkeit und Irritation, was im Grunde gut ist, weil es die Menschen – egal ob im Positivem oder im Negativem – bewegt. Und mit diesen Reaktionen kann ich arbeiten.
Frage: Sie halten es also nicht für etwas Besonders, dass Sie als Frau für diese Stelle ausgewählt wurden?
Drießen: Wenn ich sage, ich bin da kein Fan von, dann heißt das nicht, dass ich kein Fan davon bin, dass Frauen in der Kirche ihren Platz finden. Ganz im Gegenteil: Ich finde Frauen sollten mit Stärke und Selbstbewusstsein ihre Rollen in der Kirche leben und ich bin froh, dass es mittlerweile auch viele Frauen in Leitungspositionen gibt. Was die Aufregung rund um meine Stelle am Dom angeht: Ich weiß nicht, ob dem Metropolitankapitel überhaupt bewusst war, wie viel Aufsehen es damit möglicherweise erregt, dass es eine Gemeindereferentin am Dom eingestellt hat. Im Grunde ist das Neue, das Besondere eben die laienpastorale Stelle und weniger, dass gerade ich sie bekommen habe. Trotzdem bringe ich als Frau und zweifache Mutter natürlich eine neue und andere Perspektive mit.
Frage: Die wäre?
Drießen: Als ich das erste Mal mit den Domvikaren zusammensaß, habe ich zum Beispiel scherzeshalber gesagt, dass mein Kleiderschrank definitiv nicht so viel Schwarz hergibt und dass sie sich daran gewöhnen müssen.
Frage: Und wie war ihre Reaktion?
Drießen: Die Vikare haben nur gelacht und sonst nichts weiter dazu gesagt. Grundsätzlich habe ich mich in dieser Runde wirklich sehr willkommen gefühlt. Da hatte ich das Empfinden, dass das eine gemeinschaftlich getragene Entscheidung war, dass ich dort als Gemeindereferentin mitarbeite.
Vor einem Pontifikalamt gehen Zelebrant und Messdiener über den Domplatz in Paderborn.
Frage: Hat Sie die geballte Ladung Kleriker, die Ihnen im Metropolitankapitel gegenübersitzt, nie eingeschüchtert?
Drießen: Nein, tatsächlich nicht. Mit dem Metropolitankapitel selbst habe ich auch weniger zu tun. Die kümmern sich um die strukturellen Dinge rund um den Dom, also den Erhalt, die Verwaltung und so weiter. Mein Fokus liegt beim Konzipieren und Gestalten der Pastoral. Das heißt, ich habe vor allem mit dem Domdechanten, den Domvikaren und den Ehrenamtlichen zu tun. Und trotzdem gehöre ich jetzt irgendwie zu dieser Riege und stehe dadurch mehr unter Beobachtung – jedenfalls mehr als bei meiner vorherigen Stelle im Pastoralen Raum "An Egge und Lippe".
Frage: Waren Sie sich dessen bewusst, als Sie sich auf die Stelle beworben haben?
Drießen: Ehrlich gesagt, habe ich mich auf eine andere Stelle beworben und mir wurde diese dann als Alternative vorgeschlagen. Daraufhin habe ich ein Gespräch mit dem Dompropst geführt, um zu schauen, ob das von beiden Seiten aus passt. Grundsätzlich hatte ich den Wunsch, aus dem klassischen Gemeindekontext rauszukommen und mehr an dem Transformationsprozess des Bistums mitzuarbeiten. Das ist genau das, was mich an der neuen Stelle jetzt reizt. Wie ich sie letztlich ausgestalten werde, wird sich zeigen. Da bleibe ich mit allen Beteiligten im Austausch.
Frage: In einer Pressmeldung des Erzbistums zu Ihrer Einsetzungsfeier am 11. Januar werden Sie zitiert: "In meiner Berufung durfte ich bisher immer wieder die Erfahrung machen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein". Warum denken Sie, ist der Dom nun der richtige Ort für Sie?
Drießen: Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal hier lande. Also, wenn mir jemand gesagt hätte: Pass auf, 2026 bist du als Gemeindereferentin am Dom, hätte ich den Leuten wahrscheinlich einen Vogel gezeigt. Ich war ja zwischenzeitlich auch in einem anderen Bistum, im Erzbistum Köln, und habe dort fünf Jahre gearbeitet. Aber egal, wo ich war, habe ich mich bisher immer richtig gefühlt. Ich bin der Überzeugung, dass Gott mich dahin setzt, wo ich Dinge bewegen und anschieben darf. Und das ist aktuell wohl hier.