Priester: Ohne Stadionkapelle hätte es viele Taufen nicht gegeben

"Vergiss es nie: Dass du lebst, war keine eigene Idee, und dass du atmest, kein Entschluss von dir" – mit diesem Lied von Jürgen Werth beginnt der Taufgottesdienst in der Stadionkapelle in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen und die etwa 20 Gäste werden ruhig und richten ihre Aufmerksamkeit auf den Priester. Kaplan Markus Nowag begrüßt die Feiergemeinde der ersten Taufe des Tages mit einem "herzlichen Glückauf", schließlich kommt die Familie aus Gelsenkirchen.
"Das ist eher untypisch", sagt Nowag. Der katholische Arenaseelsorger bekäme zumeist Anfragen aus ganz Deutschland, zuletzt aus Dresden, München und Darmstadt. Dass er an diesem Tag gleich zwei Taufen von Familien aus dem Ruhrgebiet feiern darf, ist auch für ihn eine willkommene Abwechslung. Zwar habe er kein Problem damit, die vorbereitenden Gespräche am Telefon zu führen, aber es sei eben doch nett, die Menschen auch schon vor der Tauffeier persönlich kennenzulernen, sagt der Priester.
Nowag achtet darauf, den Gottesdienst locker und verständlich zu gestalten
Wer entscheidet sich denn für eine Taufe im Schalkestadion? "Natürlich Menschen, die irgendwas mit Schalke zu tun haben", sagt Nowag. Von dem Kind eines ehemaligen Spielers bis hin zu Vollblutfans sei alles dabei, sagt er. Die meisten hätten keine Verbindung mehr zu ihrer Heimatkirche und suchten sich daher diesen Ort ganz bewusst aus, sagt Nowag.
Um auch die kirchenfernen Gottesdienstbesucher durch die Liturgie zu führen, baut der 41-jährige Priester immer wieder Anweisungen zum Ablauf ein: "Jetzt kommen bitte Eltern, Kind und Paten nach vorne", "Jetzt antworten sie mir bitte dreimal mit 'ich glaube' und dann dreimal mit 'ich widersage'" oder "Für das Vater Unser stehen wir alle auf und nehmen uns an den Händen".
Einmal im Monat ist Nowag in der Veltins-Arena. Dann feiert es vor allem Taufen – meistens direkt mehrere hintereinander.
Grundsätzlich sei es dem Priester wichtig, eine lockere Atmosphäre zu schaffen – dafür hat er immer einen flotten Spruch auf den Lippen, zum Beispiel als die Eltern und Paten der zweiten Taufe stellvertretend für das Kind dem Bösen widersagen und den Glauben bekennen: "Tja Titiano, jetzt hast du wohl Pech gehabt, Mama und Papa haben entschieden" oder als der Säugling über dem Taufbecken anfängt zu weinen: "So schnell bist du getauft – war doch gar nicht schlimm".
Zur Arenaseelsorge ist Nowag durch seinen Chef, Stadtdechant Propst Markus Pottbäcker, gekommen. Als leidenschaftlicher Schalkefan war es dem Dechant ein Anliegen, dass die Stelle – nachdem der katholische Arenaseelsorger im vergangenen Jahr in den Ruhestand gegangen war – neu besetzt wird. Er schlug dafür den Kaplan vor. Schließlich kommt er gebürtig aus Essen-Katernberg, ist also selbst ein Ruhrgebietskind und damit Schalkefan durch und durch.
Taufen, Trauungen, Ehejubiläen und Gedenkfeiern für Verstorbene
Bischof und Bistum gaben ihre Zustimmung, sodass Nowag seit dem ersten Juli 2025 mit einem Stellenanteil von 20 Prozent für die katholischen Gottesdienste in der Stadionkapelle zuständig ist. Darüber hinaus ist er mit je gleichen Teilen in der Propsteipfarrei St. Augustinus in der Gelsenkirchener Innenstadt und in der Pfarrei St. Urbanus in Gelsenkirchen-Buer tätig.
Einmal im Monat verlegt Nowag seinen Arbeitsplatz ins Fußballstadion. Dann geht der Seelsorger durch den Haupteingang der Veltins-Arena, vorbei an dem VIP-Bereich "Laola-Club", eine Treppe runter zur Stadionkapelle. Dort begleitet er Taufen, Trauungen, Ehejubiläen und Gedenkfeiern für Verstorbene. Für Taufen sei die Kapelle besonders beliebt, sagt Nowag. Das sei einfacher zu planen. "Bei Trauungen gibt es oft das Problem, dass die Location schon ein bis zwei Jahre im Voraus gebucht werden muss – die Spieltage werden aber immer viel kurzfristiger terminiert." Trauerfeiern dagegen seien oft zu kurzfristig, um sie mit dem Spiel- und Konzertplan der Arena in Einklang bringen zu können.
Die Veltins-Arena war das erste deutsche Fußballstadion mit einer Kapelle.
Dagegen möglich seien Gedenkfeiern für Verstorbene, die Feier von Ehejubliäen oder eben Taufen, so der Priester. Allein in seinem ersten halben Jahr als Arenaseelsorger habe er dort 15 Taufen begleitet, der evangelische Pfarrer kann Zahlen in ähnlicher Höhe vorweisen. "Die Stadionkapelle ist im Bistum Essen der Ort mit den meisten Taufen und dadurch sehr wichtig für unsere Diözese", sagt Nowag. Alle verbleibenden Termine bis Juli sind bereits vergeben – weiter planen kann er erst, wenn der neue Spielplan veröffentlich ist.
"Wir merken immer mehr, dass die Leute gar keinen Bezug mehr zur Kirche haben und deshalb auch ihre Kinder nicht mehr taufen lassen", so der 41-Jährige. "Ich würde sagen, von den 15 Taufen, die ich hier begleitet habe, hätten bestimmt zehn davon gar nicht stattgefunden, wenn es diesen Ort hier nicht geben würde." Die Kirche werde sich in Zukunft weiter verändern, so Nowag, da seien solche Orte wie die Stadionkapelle essenziell.
Die Kapelle hat in der Arena einen besonders prominenten Platz
Dass es diesen Ort überhaupt gibt, verdankt die Kirche Rudi Assauer. Der langjährige Manager des FC Schalke 04 war maßgeblich am Bau der Veltins-Arena beteiligt und wünschte sich einen Ort, an dem man im Stadion zur Ruhe kommen kann. Er selbst war gläubiger evangelischer Christ. Die Kapelle wurde am 12. August 2001 eingeweiht. Damit war die Schalkearena das erste deutsche Fußballstadion mit einer Kapelle. Andere Stadien zogen nach, darunter zum Beispiel das Olympiastadion in Berlin, der Deutsche Bank Park in Frankfurt am Main und die Volkswagen Arena in Wolfsburg.
Auf Schalke fand die Kapelle nach reiflicher Überlegung einen besonders prominenten Ort: Sie grenzt an die Mixed Zone – der Bereich, in dem die Fußballer nach dem Spiel Journalisten Frage und Antwort stehen – und an die Umkleidekabinen sowie den Spielertunnel, der unmittelbar zum Spielfeld führt. "Der Anstoßpunkt findet sich in einer Linie mit dem Altar", sagt Nowag. Wenn der Spielertunnel nicht abschüssig wäre, könnte der Priester während des Gottesdienstes auf den Mittelpunkt des Spielfelds schauen. "Dort ist der Mittelpunkt Fußball und hier der Mittelpunkt Gott", sagt er.
Das Gegenüber von weißen und schwarzen Linien auf dem Wandbild symbolisieren, dass es im Leben helle und dunkle Seiten gibt – genauso wie im Fußball.
Auch die besondere Gestaltung der Kapelle bezieht sich auf den Fußball. Der Künstler Alexander Jokisch wollte mit dem Gegenüber von weißen und schwarzen Linien auf dem Wandbild zeigen, dass es im Leben helle und dunkle Seiten gibt, genauso wie im Fußball, erklärt Nowag. "In der Mitte findet ein Kampf statt, sodass die Linien zu einem grauen Sturm verschmelzen." Das Kreuz wanderte an den Eingang der Kapelle und wurde geteilt, damit der Blick auf den Mittelpunkt des Spielfelds offenbleibt.
Im Gottesdienst werden das Steigerlied und die Schalkehymne gesungen – blau-weiße Trikots oder Fanschals sind in den Gottesdiensten keine Seltenheit. Ist eine Taufe im Schalkestadion also mehr Event als Sakrament?
"Nein, den Eindruck habe ich nicht", sagt Nowag. "Wer einfach nur die Arena sehen möchte, könnte einfach eine Führung buchen, die müssten dafür keine Taufe feiern." Die Menschen, die ihr Kind in der Arena taufen lassen, hätten also ein ehrliches Interesse an dem Sakrament, so der Seelsorger. Auch die Atmosphäre hier im Gottesdienst sei immer "sehr dicht", sagt Nowag. Beim Betreten der Kapelle sei für alle klar, "hier ist jetzt Gott und unser Glaube wichtig".
Im Anschluss an eine Taufe findet immer auch eine kurze Stadionführung statt: Ein Blick in die Halle (l.), in die Spielerkabinen (m.) und in den Spielertunnel mit der Heiligen Barbara (r.)
Wie haben die Eltern die Taufe erlebt? Angelina Koslowski, Mutter des ersten Taufkindes, sagt: "Die Taufe war total locker und schön – genau das richtige für meinen autistischen Sohn." Dieser außergewöhnliche Ort und die lockere Art des Priesters seien maßgeblich gewesen, dass die Taufe überhaupt stattfand. Schließlich seien Situation, in denen der Siebenjährige im Mittelpunkt steht, sehr herausfordernd, so Koslowski. Zudem sei ihre ganze Familie Fan des Fußballvereins. "Mein Vater ist überglücklich, dass er das Stadion sehen durfte", schwärmt sie.
Auch René und Jessica Sandberg, die Eltern des zweiten Täuflings, sind von der Taufe hellauf begeistert. "Wir möchten unserem Kind, den Glauben mitgeben", sagt die Mutter. Eine Verbindung zu ihrer Heimatkirche haben beide nicht, deshalb kam die Stadionkapelle ins Spiel. "Eigentlich wollte wir hier letztes Jahr heiraten, das hat aber terminlich nicht gepasst", sagt René Sandberg. Nach der Geburt ihres ersten Kindes haben sie die Kapelle dann für die Taufe in den Blick genommen. "Ich bin hier geboren und war schon immer Schalkefan", sagt der Vater. "Schalke steht für mich für Maloche, Ehrlichkeit, Akzeptanz und Gemeinschaft – das sind alles Werte, die ich meinem Sohn mitgeben möchte."
Über solche positiven Rückmeldungen freut sich Nowag. "Im Moment genieße ich es sehr, einmal im Monat hierherzukommen", sagt er. Dadurch habe er Kontakt zu Menschen aus ganz Deutschland, die sich mit Schalke – seinem Verein – verbunden fühlen. Wer würde sich nicht darüber freuen? "Das ist schon cool, dass ich meine Leidenschaft mit meiner Arbeit verbinden kann", sagt er. Denn sein Herz schlägt für sein Priesteramt genauso wie für Schalke.