Standpunkt

Wer schweigt, der ehrt: Der tiefe Fall der Kardinäle

Veröffentlicht am 23.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Schwester Gabriela Zinkl – Lesedauer: 

Bonn ‐ Zu lange wurden Namen kirchlicher Würdenträger in Stein gemeißelt, kommentiert Schwester Maria Gabriela Zinkl. Im Zusammenhang mit der Paderborner Missbrauchsstudie verweist sie auf eine urchristliche Praxis.

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Paderborn ist eine Stadt mit hohem Dom und einer nun amtlich vermessenen, tiefen Wunde. Deren Tiefe erschöpft sich nicht in bloßen Zahlen, sondern in gebrochenen Biographien und erschüttertem Vertrauen, denn die Missbrauchsstudie legt offen, was allzu lange verdeckt geblieben ist: eine eklatant hohe Zahl von 210 Tätern aus den Reihen des Klerus und 500 und mehr Opfern. Damit tritt ein System der Vertuschung zutage, über Jahrzehnte forciert von zwei Erzbischöfen, denen man Denkmäler in Form von Straßennamen und Plätzen setzte.

Es ist daher kein Wunder, wenn nun die Stadtpolitik handelt und diese Namen aus dem öffentlichen Raum entfernen will: Das Ausmaß gebiete es, nicht zu zögern, heißt es. Ein Satz von nüchterner Klarheit und theologischer Tiefe. Denn Straßennamen sind mehr als nur Ortsangaben im Stadtplan. Wo sie Persönlichkeiten ehren, setzen sie moralische Koordinaten mit der Botschaft: an diesen Menschen wollen wir uns ausrichten. Dass man solche Benennungen auch korrigieren kann, ist ein Akt der Wahrhaftigkeit und für viele längst überfällig.

Auch das ist ein wichtiger Bestandteil von Aufarbeitung. Wie mühsam und zugleich notwendig es ist, sich von historischen Ehrungen zu lösen, haben wir in Deutschland gelernt, etwa bei Namen aus der NS-Zeit. Wer Täter ehrt, verhöhnt die Opfer. Es ist nicht das erste Mal, dass Denkmäler und Namen von Bischöfen ins Wanken geraten – wie zuletzt in Hildesheim, Trier, Essen, Mainz und anderswo. Das passiert nicht etwa aus blinder Zerstörungswut, sondern aus gewachsenem Verantwortungsbewusstsein.

Zu lange wurden Namen auch von kirchlichen Würdenträgern in Stein gemeißelt, während das Leben kleiner Leute zerbrach. Der Weg der Aufarbeitung mit allen Konsequenzen, wie er nun von Erzdiözese wie Stadt Paderborn angegangen wird, passt nicht allen. Da werden Gedenktafeln und ein Mahnmal im Dom, genauso wie die Tilgung der Straßennamen der Kardinäle, schnell zum Affront gemacht.

Doch kennt unser Glaube eine urchristliche Praxis, die dem Kern der Botschaft Jesu folgt: Metanoia, Umkehr, ist kein frommes Wort, sondern ein konkreter Vollzug, der schmerzt. Ein abgeschraubtes Straßenschild ist kein symbolischer Nebenschauplatz, sondern sichtbarer Ausdruck von Reue. Auch wenn es weh tut, sind solche Schritte der einzige Weg zurück zur Glaubwürdigkeit in der Nachfolge Jesu Christi.

Von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.