Benediktinerabt schreibt an Papst Leo XIV.

Lösungsvorschlag im Liturgiestreit: Ein Messbuch, zwei Formen

Veröffentlicht am 23.03.2026 um 12:51 Uhr – Lesedauer: 

Solesmes ‐ "Alte Messe" oder Liturgiereform? Die Fronten scheinen verhärtet. Ein Benediktinerabt macht daher dem Papst einen Vorschlag – in seiner Kongregation hat er viel Erfahrung mit alter und neuer Messform.

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Ein Messbuch mit zwei Formen der Messfeier für die lateinische Kirche – das schlägt der Abt der französischen Benediktinerabtei Solesmes, Geoffroy Kemlin, Papst Leo XIV. vor. Mit dem Vorschlag will der Benediktiner eine Lösung des Liturgiestreits um die vorkonziliare Form der Messe beilegen. Der auf den 12. November 2025 datierte Brief liegt erst jetzt verschiedenen Medien vor. Der Vorschlag sieht vor, dass in einem einheitlichen römischen Messbuch die Liturgie nach dem Messbuch von 1962 neben der derzeit gültigen Form der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) steht. "Beide Messordnungen wären somit Teil des einzigen Römischen Messbuchs. Anstatt zu spalten und abzulehnen, würde diese Lösung die Gläubigen, die dem alten Messbuch verbunden sind, einbeziehen und willkommen heißen, ohne diejenigen, die der neuen Ordnung verbunden sind, zu verärgern oder auszugrenzen", so der Abt.

Während die aktuelle Form der Liturgie nach diesem Vorschlag unverändert bliebe, könnte die vorkonziliare Form angepasst werden, um sie in größere Übereinstimmung mit dem Zweiten Vatikanum zu bringen. Kemlin nennt die Zulassung der Verwendung von Volkssprachen anstelle Lateins, der Konzelebration und aller vier eucharistischen Hochgebete. Außerdem solle ein einheitliches Kirchenjahr zum Tragen kommen. Bisher folgt die Ordnung des Kirchenjahres bei der erlaubten Feier der vorkonziliaren Liturgie nicht der 1969 reformierten Grundordnung des Kirchenjahres.

Einheit durch einheitliches Messbuch

Der Abt sieht seinen Vorschlag als geeignet an, den liturgischen Frieden wiederherzustellen und Einheit zu stiften, da so die gesamte lateinische Kirche ein einheitliches Römisches Messbuch und einen einheitlichen liturgischen Kalender verwenden würden. "Ich bin überzeugt, dass die Gläubigen, die dem Vetus Ordo verbunden sind, mit einer solchen Lösung zufrieden wären und von allen unbestreitbaren Errungenschaften der Liturgiereform profitieren würden (neue eucharistische Präfationen und Gebete, überarbeitete Gebete, Heiligenzyklus, Lesungszyklus usw.); ebenso würden die Gläubigen, die der Liturgiereform verbunden sind, keine Veränderung für sich feststellen", betont Kemlin.

Keine Lösung sieht der Benediktiner darin, eine neue einheitliche Messordnung zu schaffen, die Elemente der vorkonziliaren Form mit Elementen der Reform verbinden würde, um so einen einheitlichen, von allen akzeptierten Ritus zu erreichen. Derartige Vorschläge werden unter dem Schlagwort "Reform der Reform" verhandelt. "Ich halte das für keine gute Lösung", betont Kemlin. "Sie würde im Gegenteil alle verärgern und nur neue Spaltungen hervorrufen, mit der Gefahr, dass wir am Ende nicht zwei, sondern drei Messbücher hätten."

Weder verbieten noch vereinheitlichen als Lösung

Auch der Versuch, die vorkonziliare Form zu unterdrücken, sei nicht erfolgversprechend. Die von Papst Franziskus in seinem Motu proprio "Traditionis custodes" (2021) zur Einschränkung der Messfeier nach den Büchern von 1962 angeführten Argumente, dass mit der älteren Form oft eine Ablehnung der Lehren des Zweiten Vatikanums einhergingen, ist für Kemlin in der Breite nicht überzeugend. Zwar gäbe es einzelne, die die alte Form instrumentalisierten und als identitäres Symbol missbrauchten, das sei aber nicht die Mehrheit. "Als überzeugter Verfechter des Ritus Pauls VI. kann ich nur bezeugen, dass die meisten, die dem alten Ritus anhängen, dies tun, weil sie darin eine starke und authentische spirituelle Erfahrung machen – eine Erfahrung, die sie mit dem neuen Messbuch nicht finden können", erläutert der Abt. "Ich glaube, es ist an der Zeit, dies klar anzuerkennen und als Zeichen des Heiligen Geistes zu deuten, um eine wahre Rückkehr zur Einheit zu erreichen."

Papst Paul VI. feiert mit Bischöfen aus fünf Erdteilen erstmals in Konzelebration.
Bild: ©KNA (Archivbild)

Die Konzelebration, die gemeinsame Feier der Eucharistie durch mehrere Priester, ist in der vorkonziliaren Form nicht vorgesehen.

Es könne nicht bestritten werden, dass zwischen den beiden Messordnungen bedeutende Unterschiede bestünden und sie auf unterschiedlichen Voraussetzungen aufbauten. "Deshalb glaube ich nicht, dass es uns gelingen wird, die Anhänger der alten zum freiwilligen Übertritt zur neuen Ordnung zu bewegen. Eine Überarbeitung des Messbuchs Pauls VI. erscheint mir daher unumgänglich, um den Weg zurück zur Einheit zu finden", betont Kemlin.

Der Abt und Präsident der Benediktinerkongregation von Solesmes berichtet in dem Brief von Erfahrungen seiner Kongregation. Zu dem Verbund von Benediktinerklöstern gehören auch Abteien, die die vorkonziliare Form pflegen, darunter die Abtei Fontgombault. Diese unterschiedlichen Ansätze hätten zu Beginn für Spannungen in der Kongregation gesorgt. "Wir haben jedoch nach und nach gelernt, die unterschiedlichen Entscheidungen jedes einzelnen Mitglieds zu respektieren und sogar wertzuschätzen." Dazu sei in der Kongregation eine Kommission für liturgische Einheit geschaffen worden, die regelmäßig tagt.

Kritik von der grauen Eminenz hinter "Traditionis custodes"

Kritik an dem Vorschlag äußert der italienische Liturgiewissenschaftler Andrea Grillo. Der Professor an der römischen Benediktinerhochschule Sant'Anselmo gilt als einer der einflussreichsten Berater von Papst Franziskus bei der Abfassung von "Traditionis custodes". Er sieht einen einzigen, einheitlichen Ritus als Voraussetzung für die Einheit. "Zwei parallele Riten schaffen keine Einheit, sondern Spaltung", so Grillo. Lediglich zwei Formen im selben Messbuch abzudrucken, ändere daran nichts. Eine solche Reform würde nach Überzeugung des Liturgiewissenschaftlers auch auf praktische Schwierigkeiten stoßen, etwa bei der Übernahme des Kirchenjahres der neuen Ordnung für die alte Ordnung.

In der Kongregation von Solesmes könne ein solcher Formelkompromiss funktionieren. "Die katholische Kirche, die sicherlich komplexer ist als eine Mönchskongregation, lebt aber von einer einzigen 'lex orandi', nicht von der typografischen Vereinigung zweier leges orandi, die sich auf kirchlicher und anthropologischer Ebene widersprechen, wie Abt Kemlin selbst anerkennt", so Grillo weiter. Die liturgische Einheit könne "nicht typografisch, sondern nur theologisch" wiederhergestellt werden: "nicht auf der Ebene eines einzigen Buches, sondern auf der Ebene eines einzigen Ordo".

Die Abtei Sankt Peter zu Solesmes ist eine bedeutende Wiege der liturgischen Bewegung. Das erstmals 1010 gegründete Benediktinerkloster wurde im Zuge der Säkularisation 1791 aufgehoben. 1833 gründete der Priester Prosper-Louis-Pascal Guéranger dort eine neue Kommunität, die 1837 zur Abtei erhoben wurde. Guéranger gilt als Begründer der liturgischen Bewegung. Seine Arbeiten sorgten für eine Neuentdeckung des gregorianischen Chorals und ein Zurückdrängen von französischen Diözesanliturgien zugunsten des Römischen Ritus. "Durch seine Arbeit zur Wiederherstellung des klösterlichen Lebens und seine zahlreichen Schriften gab er gewissermaßen den Anstoß zu jener liturgischen Bewegung, die zur Konstitution Sacrosanctum Concilium des Zweiten Vatikanischen Konzils und der darauffolgenden Liturgiereform führte", würdigt Kemlin seinen Vorgänger als Abt in seinem Schreiben. (fxn)