Für eine offene und ehrliche Kirche streiten

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Kirchenaustrittszahlen und Erwachsenentaufen, Christfluencer und Eintrittsgelder für den Kölner Dom. All das sind Meldungen der vergangenen Woche. Es sind Meldungen, die das Potential haben, zu verwirren. Sie sind Anlass, am Fest der Verkündigung des Herrn für eine offene und ehrliche Kirche zu streiten.
Kirchenaustritte spiegeln den Autoritätsverlust religiöser Institutionen ebenso wie die Pluralisierung von Lebensformen. In ihnen dokumentiert sich die Erosion gemeinsamer Traditionen, die Rebellion persönlicher Überzeugungen gegen dogmatisch-normative Gehalte und der Protest gegen institutionellen Machtmissbrauch in der Kirche. Der Autoritätsverlust der Kirchen lässt sich durch die normative Vorgabe ewiger Wahrheiten und die Sicherung des Gewaltmonopols der Bischöfe nicht aufhalten.
Die große Zahl der Erwachsenentaufen in Frankreich, Skandinavien und andernorts werden gegen die Austrittszahlen in Stellung gebracht. Sie werden kirchenamtlich bejubelt. Die zugrundeliegende Erzählung lautet, dass nur jene austreten, die ohnehin am Rande stehen. Hingegen tritt ein, wer sich engagieren will. Kein großer Verlust also! Doch stimmt diese Erzählung? Könnte nicht auch der Ärger von engagierten Katholiken über die Kirche ein möglicher Grund für Austritte sein? Machtmissbrauch und fehlende Gleichberechtigung?
Christfluencerinnen und Christfluencer sind charismatische Verkünder religiöser Überzeugungen. Sie kommunizieren und vermarkten die Sinnressource Religion im virtuellen Raum. Emotional und kostenlos! Religiöse Gefühle dominieren. Kirchenzugehörigkeit spielt keine Rolle.
Ach ja: Und dann noch der Eintritt in den Kölner Dom, dem Gotteshaus als realem Raum der Gottesbegegnung: Für Touristen soll er ab Juli kosten. Richtet sich die Einladung „kommt & seht“ nur an Gläubige? Gastfreundschaft (Lk 1,38; Hebr 13,2) sieht anders aus. Was ist mit den zahlreichen Pilgern, die es zum Dreikönigsschrein zieht? Und welcher Kategorie lassen sich Caspar, Melchior und Balthasar selbst zuordnen? Waren die Weisen, die den neuen König der Juden (Mt 2,2; Lk 1,32) gesucht haben, Beter? Oder Besucher? Oder Pilger? Eintritt jedenfalls haben Joseph und Maria nicht verlangt.
Der Autor
Michael Böhnke ist emeritierter Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.