Die ersten am Grab: Frauen in der Passionsgeschichte
Ein hingerichteter Wanderprediger, über den gesagt wurde, er sei der Sohn Gottes, steht im Mittelpunkt in Jerusalem vor rund 2.000 Jahren. Dazu noch eine verunsicherte Anhängerschaft und politische Spannungen unter der römischen Besatzung. Und im Zentrum dieses entscheidenden Moments stehen jene, denen man damals am wenigsten Gehör schenkte: Frauen.
Die Berichte über die letzten Tage Jesu, die im Neuen Testament überliefert sind, zeichnen ein bemerkenswertes Bild. Während viele der männlichen Apostel nach der Verhaftung Jesu fliehen, bleiben nur die weiblichen Jüngerinnen standhaft. Sie stehen unter dem Kreuz, beobachten aus der Distanz und halten Druck und Spannungen aus. Unter ihnen ist eine der prominentesten Figuren der frühen Jesusbewegung: Maria Magdalena.
Doch auch andere Frauen werden genannt, etwa Maria, die Mutter des Jakobus oder Salome. Laut dem Markusevangelium (Mk 15,40) stand auch sie unter dem Kreuz, als Jesus starb. Sie wird oft als die Mutter der Apostel Jakobus des Älteren und Johannes identifiziert (vgl. Mk 15,40 mit Mt 27,56), was sie zur Frau des Zebedäus macht. Salome war zudem eine der Frauen aus Galiläa, die Jesus nachfolgten, ihn unterstützten und ihm dienten.
Roter Faden
Die Anwesenheit der Frauen ist dabei keine Randnotiz, sondern zieht sich vielmehr wie ein roter Faden durch die Passionsgeschichte. Warum die Szene historisch gesehen brisant ist, zeigt sich in der damaligen öffentlichen Rolle von Frauen. Ihr Zeugnis galt vor Gericht oft als weniger zuverlässig und doch sind sie in den Evangelien des Neuen Testaments zentrale Augenzeuginnen des Geschehens.
"Wenn man eine Geschichte erfinden wollte, hätte man kaum Frauen als erste Zeugen gewählt", argumentiert etwa der britische Neutestamentler Nicholas Thomas Wright. Aus seiner Sicht spricht gerade dieses Detail für die frühe und authentische Überlieferung. Ihm schließt sich auch der amerikanische Bibelwissenschaftler Raymond E. Brown an. Dieser betont, dass die Frauen nicht zufällig erscheinen, sondern als kontinuierliche Begleiterinnen Jesu vorkommen – bereits vor der Passion. Sie unterstützen ihn, so berichtet etwa das Lukasevangelium, auch materiell. Denn zu den Frauen der Jesusbewegung gehörte auch Johanna, die Frau des Chuza, einem hochrangigen Beamten des Herodes Antipas. Salopp ließe sich sagen, Johanna bezahlte die Rechnungen von Jesus und seinen Anhängerinnen und Anhängern.
Die frühe Prominenz der Frauen aus den neutestamentlichen Texten gerät weitestgehend in den Hintergrund – trotz späterer Persönlichkeiten, wie etwa Hildegard von Bingen.
Schließlich berichten alle vier Evangelien von Frauen, die am ersten Tag der Woche das Grab Jesu aufsuchen und es leer vorfinden. Hier wird besonders Maria Magdalena hervorgehoben. Im Johannesevangelium begegnet sie als Erste dem Auferstandenen und wird dadurch zur Überbringerin der "frohen Botschaft". Deshalb hatte sie in der kirchlichen Tradition einen eher ungewöhnlichen Titel erhalten: Apostelin der Apostel.
Stark im Zentrum
Warum Frauen so stark ins Zentrum des neutestamentlichen Textes rückten, beantworten Theologinnen und Theologen unterschiedlich. Für die einen liegt darin eine bewusste Umkehr gesellschaftlicher Erwartungen. Gott offenbart sich nicht zuerst den Mächtigen, sondern den Marginalisierten. Ähnliche Gedanken finden sich auch in der längsten wörtlichen Rede Marias im Neuen Testament, dem Magnificat. Sie sagt im Lobgesang: "Er [Gott] stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen."
Gleichzeitig zeigt die spätere Kirchengeschichte ein ambivalentes Bild. Zwar bleiben Figuren wie Maria Magdalena präsent, doch die führenden Rollen in der institutionellen Kirche werden überwiegend von Männern übernommen. Die frühe Prominenz der Frauen aus den neutestamentlichen Texten gerät weitestgehend in den Hintergrund – trotz späterer Persönlichkeiten, die zu Kirchenlehrerinnen in der katholischen Kirche erhoben wurden. Dazu zählen beispielsweise die spanische Mystikerin und Karmelitin, Teresa von Ávila (1515–1582), die italienische Dominikanerin Katharina von Siena (1347–1380), die französische Karmelitin Thérèse von Lisieux (1873–1897) und die deutsche Benediktinerin und Gelehrte, Hildegard von Bingen (1098–1179).
Predigtverbot für Frauen
Papst Gregor IX. (1227-1241) hatte im 13. Jahrhundert nichtgeweihten Frauen wie Männern das Predigen untersagt. Lehramtliche und theologische Themen sollten ihm zufolge dem gebildeten Klerus vorbehalten sein. Doch die Dominikanerin Catherine Aubin nennt in einem Artikel für die Vatikan-Zeitung "L'Osservatore Romano" Frauen wie Hildegard von Bingen, Katharina von Siena oder die heilige Jeanne d’Arc als jene Figuren, die in "unruhigen Jahrhunderten dank ihrer persönlichen Autorität dazu beitrugen, eine noch heidnische Welt und/oder eine feindselige und gespaltene Kirche zu evangelisieren".
Per se wurde die Predigt von Laien in der katholischen Kirche nie verboten, da Frauen und Männer wie Geistliche Anteil am Verkündigungsdienst haben. Das seit 1983 gültige Kirchenrecht besagt etwa, dass Laien zu Predigt zugelassen werden können, wenn das unter Umständen notwendig ist. Doch im darauffolgenden Canon definiert die Kirche per Zusatz, dass unter den Formen der Predigt die Homilie hervorragt, die Teil der Eucharistiefeier ist. Diese ist Bischöfen, Priestern und Diakonen vorbehalten.
Andere Beispiele
Trotz vieler Schranken und Debatten in den vergangenen Jahren, wird die "Frauenfrage" in der katholischen Kirche als dringlich empfunden. Auch bei dem von Papst Franziskus (2013-2025) ins Leben gerufenen weltweiten synodale Prozess kam das Thema auf. Franziskus ermöglichte zudem einen Mentalitätswandel, um offen und frei über die Diakonen- und Priesterweihe von Frauen zu diskutieren – trotz des "Neins" durch Johannes Paul II. im Mai 1994.
Mullally ist die erste Frau in diesem Amt und die 105. Nachfolgerin des heiligen Augustinus von Canterbury.
Auch wenn die Frage nach der Diakonen- und Priesterweihe für Frauen nach wie vor offen ist, hat Franziskus Frauen auf Leitungspositionen in der Römischen Kurie befördert. Diese Praxis führt auch Papst Leo XIV. fort. In anderen christlichen Denominationen aber sieht es anders aus: zuletzt hatte die "Church of England" erstmals mit Sarah Mullaly eine anglikanische Primas bekommen. Mullally ist die erste Frau in diesem Amt und die 105. Nachfolgerin des heiligen Augustinus von Canterbury, der um 597 von Papst Gregor I. nach England gesandt wurde, um die dortige Bevölkerung zu missionieren. Er war der Gründer der englischen Kirche, die seit der Reformation im 16. Jahrhundert nicht mehr katholisch ist, sondern protestantisch wurde.
In 2024 gab es unter anderem in der orthodoxen Kirche erstmals in der Neuzeit eine sakramentale höhere Weihe einer Frau. Erzbischof Serafim von Simbabwe weihte damals in Harare Angelic Molen zur Diakonin. Das orthodoxe Patriarchat von Alexandria und ganz Afrika hatte bereits 2016 beschlossen, Frauen zum Diakonat zuzulassen, wie es in der frühen Kirche üblich war. Ob und wann es in der katholischen Kirche Bewegung diesbezüglich geben wird, ist bislang offen. Dass die Frage dringlich ist, hat jüngst aber selbst der Vatikan festgestellt.
