Historiker: Vatikan hat kein Interesse an Eskalation gegenüber Trump
Der italienische Theologe und Historiker Massimo Faggioli glaubt nicht, dass der Vatikan ein Interesse daran hat, den Konflikt zwischen Papst Leo XIV. und US-Präsident Donald Trump zu eskalieren. Zwar sei der Papst bereits ein wichtiger Gegenspieler Trumps geworden, sagte der Vatikanexperte dem Magazin "Spiegel". "Auf symbolischer Ebene ist er bereits der 'andere' Amerikaner." Das berge jedoch für den Vatikan das Risiko, dass Leos Papsttum davon dominiert wird.
"Leo hatte nie den Plan, ein Anti-Trump-Papst im Dauerbetrieb zu sein", sagte Faggioli. Der Streit sei eine direkte Konsequenz der aktuellen Haltung und der Aktionen der USA. Dem Vatikan sei aber bewusst, dass die Welt die USA brauche, um zu einem Mindestmaß an Frieden und Ordnung zurückzukehren.
Missbrauch von Religion
Papst Leo XIV. hatte den US-Präsidenten mehrfach scharf kritisiert, ohne ihn direkt beim Namen zu nennen. Bei seinem Besuch in Kamerun sagte das Kirchenoberhaupt: "Wehe denen, die Religion und selbst den Namen Gottes für ihre militärischen, wirtschaftlichen und politischen Zwecke manipulieren und damit das Heilige in Schmutz und Finsternis ziehen."
Dass das Kirchenoberhaupt zuletzt so deutlich Kritik übte, führt Faggioli auf eine bestimmte US-Haltung im Iran-Krieg zurück. "Dahinter steht eine bestimmte amerikanische Mentalität innerhalb der US-Regierung, die sich nicht nur über jedes Urteil erhaben fühlt, sondern auch den Anspruch erhebt, im Namen Gottes zu handeln." Hinzu komme die religiöse Rhetorik des Weißen Hauses: Selbst in früheren amerikanischen Kriegen hätten die USA eine so offene Kreuzzugsemantik meist vermieden. "Wenn Machtpolitik religiös überhöht wird, sieht sich der Papst fast zwangsläufig zum Widerspruch verpflichtet."
"Papst reagiert maßvoll"
Der Historiker bescheinigte dem Papst, auf nüchterne und maßvolle Weise reagiert zu haben: "Er exkommuniziert niemanden, er personalisiert den Konflikt nicht unnötig und wählt eine Sprache, die sich an alle Entscheidungsträger richtet." Zwar sorge Leos Kritik an Trump für Streit unter den US-Katholiken; eine Spaltung innerhalb der US-Kirche sehe er aber nicht. "In diesem ersten Jahr ist es Papst Leo deutlich stärker gelungen, die Katholiken zu einen, als es Papst Franziskus konnte. Auch unter den Bischöfen sind die Trumpisten heute klar in der Minderheit – und kleiner als jene Gruppe, die einst Franziskus attackierte."
Auf Seiten von Trump sieht Faggioli einen Bruch der Allianz zwischen der religiösen Rechten und der neuen autoritären Tech-Rechten um Peter Thiel und Elon Musk, die Trump zum Erfolg geführt habe. "Der heutige Trumpismus ist weit stärker von der Tech-Rechten geprägt, die eine klar antichristliche und antikatholische Agenda hat, als von der religiösen populistischen Rechten der Anfangszeit." (KNA)
