Verbalattacken und Messias-Inszenierungen

Macht, Glaube und Eskalation: Trump gegen den Papst

Veröffentlicht am 15.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Vatikanstadt/Washington ‐ Mit Angriffen auf Papst Leo XIV. und religiös aufgeladenen Auftritten sorgt US-Präsident Donald Trump für eine neue Eskalation. Wie es zu dem Konflikt kam, in dem Macht und Glaube frontal aufeinanderprallen.

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Schmäh-Postings von Donald Trump sind seit seinem zweiten Mandat als Präsident kaum mehr aus der öffentlichen Kommunikation wegzudenken. Nahezu jede Person des öffentlichen Lebens gerät ins Visier seiner verbalen Angriffe – inzwischen auch das Oberhaupt der katholischen Kirche. Über sein Netzwerk "Truth Social" ließ Trump dem Oberhaupt von rund 1,4 Milliarden Katholiken mitteilen, er wolle keinen Papst, der den Präsidenten der Vereinigten Staaten kritisiere. Wörtlich erklärte er: "Leo sollte sich als Papst zusammenreißen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzen, aufhören, der radikalen Linken nach dem Mund zu reden, und sich darauf konzentrieren, ein großer Papst zu sein, kein Politiker."

Zugleich forderte Trump Dankbarkeit ein: "Wäre ich nicht im Weißen Haus, wäre Leo nicht im Vatikan", behauptete er weiter. "Er stand auf keiner Liste der Papstkandidaten und wurde von der Kirche nur deshalb dort draufgesetzt, weil er Amerikaner war und man dachte, das wäre der beste Weg, um mit Präsident Donald J. Trump umzugehen." Dass der US-Präsident gerne auch in der dritten Person von sich spricht, ist nichts Neues. Immer wieder treibt Trump diese Form der Selbstinszenierung auf die Spitze – so auch kurz vor Ostern, als er mit einer demonstrativen Machtdarstellung nicht nur Christen irritierte. Was als Regierungsempfang zum Osterfest angekündigt war, entwickelte sich zu einem politischen Spektakel mit religiöser Aufladung. Trump trat nicht nur als politischer Führer auf, sondern wurde in Redebeiträgen mit Jesus Christus verglichen. 

Trumps Jesus-Vergleich

Religiöse Bezüge sind in der US-Politik zwar traditionell präsent, doch in dieser Zuspitzung fällt die Verbindung von Glauben und politischer Selbstdeutung besonders deutlich aus. Zentrale Motive der christlichen Heilsbotschaft wurden dabei bewusst aufgegriffen. Trump selbst erklärte, große Nationen benötigten Religion, und Amerika brauche Glauben. Steigende Bibelverkäufe und wachsende Kirchenbesuche deutete er als Indikatoren für ein religiöses Revival – und reklamierte diese Entwicklung maßgeblich für sich. 

Besonders deutlich wurde die religiöse Überhöhung, als mehrere Prediger Trumps politischen Werdegang mit biblischen Motiven verknüpften. Eine Predigerin erklärte, Trump habe – ähnlich wie Jesus Christus – einen Preis gezahlt, sei verraten und zu Unrecht beschuldigt worden. Diese Parallele wurde explizit gezogen: So wie Jesus nach christlicher Lehre nach Verrat und Kreuzestod an Ostern über den Tod gesiegt habe, sei nun auch Präsident Trump siegreich. Weitere Redner griffen dieses Narrativ auf und bezeichneten ihn als von Gott "erhoben", als Führer für eine besondere historische Stunde. Auch Attentatsversuche wurden in diesem Kontext als Zeichen göttlicher Bewährung interpretiert, die Trump nicht nur als Gewählten, sondern als Berufenen erscheinen lassen. Auffällig war zudem die Beteiligung katholischer Vertreter an dem Empfang, darunter Bischöfe wie Robert Barron, denen eine Nähe zur trump-nahen "MAGA"-Bewegung nachgesagt wird.  

Bild: ©KNA/@realDonaldTrump/truthsocial.com

Ein mit Künstlicher Intelligenz erstelltes Bild von US-Staatspräsident Donald Trump in Gestalt eines Erlösers auf seiner Plattform "Truth Social".

Das Machtspektakel zu Ostern kulminierte schließlich in den neusten Äußerungen Trumps, bzw. der verbalen Attacke auf Papst Leo XIV., der sich wiederholt zu politischen Themen äußert, die mit Trumps Politik kollidieren. Dazu zählen unter anderem das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE, das Engagement der USA in Venezuela sowie zuletzt der Krieg gegen den Iran. Als Auslöser der Eskalation gilt das "Einmischen" des Papstes in Zusammenhang mit Trumps Drohung, weitreichende Zerstörungen der Infrastruktur im Iran in Kauf zu nehmen. Eine ganze Zivilisation werde untergehen, lautete die Drohung des US-Präsidenten. Der Papst kritisierte dies als Verstoß gegen das Völkerrecht sowie als Ausdruck von Hass und Zerstörungswillen. Dem müsse ein aktiver Einsatz für den Frieden entgegengesetzt werden. Mit Blick auf die zahlreichen Kriege in der Welt hatte der Papst schon an Ostern zu einem großen Friedensgebet aufgerufen und eine Gebetswache im Petersdom gehalten. Die Botschaft: "Gott segnet keinen Konflikt".

Ob der Einsatz Leos für den Frieden zu "woke" für die Trump-Regierung ist? Jedenfalls ist das der Sprachgebrauch von Trumps Umfeld, mit dem gezielt politische Gegner diffamiert werden. Neben der Kritik am Pontifex verbreitete Trump zudem ein KI-generiertes Bild, das seine Selbstinszenierung visuell zuspitzte: Es zeigte ihn in einer jesusähnlichen Darstellung. Links im Bild die US-Flagge, rechts mutmaßlich gefallene Soldaten, die in den Himmel aufsteigen, begleitet von Kampfjets im Einsatz für den Schutz der Vereinigten Staaten. Im unteren Bildbereich sind verschiedene Figuren dargestellt – Soldaten, eine Krankenschwester sowie ein schwerkranker Mensch, der schließlich von dem jesusähnlich inszenierten Trump geheilt wird. 

Kritik und Bedauern

Die Reaktionen aus der katholischen Kirche fielen deutlich aus. Sowohl das Bild als auch die verbalen Angriffe auf den Papst stießen auf scharfe Kritik. Kardinal Timothy Radcliffe bezeichnete Darstellung und begleitende Aussagen des Präsidenten als bizarr. Der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Erzbischof Paul Coakley, zeigte sich enttäuscht über die Attacke auf Leo und kritisierte insbesondere die herabwürdigende – aber keineswegs neue! – Kommunikationsweise des Präsidenten. 

Auch die italienischen Bischöfe äußerten Bedauern über die verbale Eskalation und betonten, dass der Papst weder politischer Gegner des US-Präsidenten noch ein politischer Akteur sei. Selbst der als Trump-Freund geltende Bischof Barron bezeichnete die Äußerungen als "völlig unangemessen und respektlos" – relativierte diese Einschätzung jedoch zugleich. Er hob die Zusammenarbeit mit der Trump-Regierung hervor und zeigte sich dankbar für deren Engagement gegenüber Katholiken und anderen religiösen Gemeinschaften. Wörtlich erklärte Barron: "Es war mir eine große Ehre, in der Kommission für Religionsfreiheit mitzuwirken. Kein Präsident in meiner Lebenszeit hat ein größeres Engagement für die Verteidigung unserer ersten Freiheit gezeigt. Dennoch denke ich, dass der Präsident dem Papst eine Entschuldigung schuldet." Der Passauer Bischof Stefan Oster nahm Barron teilweise in Schutz. Zwar begrüßte er die Distanzierung zu Trumps Äußerungen, meinte aber, dass Barron kein Anhänger der "MAGA"-Bewegung ist. "Ich selbst bin über Trump nur mehr fassungslos und halte ihn tatsächlich schon seit seiner ersten Präsidentschaft für gefährlich – in vielerlei Hinsicht", erklärte Oster. 

Papst Leo XIV. bei einem Gespräch mit Journalisten im Flugzeug
Bild: ©KNA/Lola Gomez/CNS photo

Der Papst reagierte auf Trumps-Kritik: "Ich fürchte weder die Trump-Regierung noch das offene Aussprechen der Botschaft des Evangeliums".

Auf Trumps scharfe Kritik reagierte Leo XIV. hingegen selbstbewusst während der Reise nach Algerien am Montagmorgen. "Ich fürchte weder die Trump-Regierung noch das offene Aussprechen der Botschaft des Evangeliums". Zugleich stellte er klar, dass er sich nicht als Politiker verstehe und sich daher nicht auf eine politische Debatte mit Trump einlassen wolle. Der Grund scheint auf der Hand zu liegen. Der Jesuit Antonio Spadaro, einst enger Vertrauter von Papst Franziskus, brachte die Eskalation auf eine prägnante Formel. Er bezeichnete sie mit Blick auf Trump als "Deklaration der Ohnmacht".

Wörtlich sagte er: "Wenn politische Macht eine moralische Stimme attackiert, dann liegt es oft daran, dass sie diese Stimme nicht in ihre Schranken weisen kann." Spadaro führte weiter aus: "Trump argumentiert nicht mit Leo, er fleht ihn an, eine Sprache zu benutzen, die er kontrollieren kann. Aber der Papst spricht eine andere Sprache. Eine, die nicht auf die Grammatik von Gewalt, Sicherheit und nationalem Interesse reduziert werden kann."

Eskalation ein Wendepunkt?

Die Kritik an der Eskalation beschränkte sich nicht auf kirchliche Kreise. Auch Vorwürfe der Gotteslästerung wurden laut. Sogar der konservative und Trump-nahe US-Sender "Fox News" merkte an, dass der Papst zu den letzten Personen gehöre, mit denen man einen offenen Konflikt suchen sollte. Dennoch blieb Trump bei seiner Haltung, lehnte eine Entschuldigung ab und löschte das umstrittene Bild schließlich mit der Begründung: "Ich dachte, es ginge um mich als Arzt und hätte etwas mit dem Roten Kreuz zu tun." Der katholische Vizepräsident JD Vance nahm seinen Chef in Schutz und verteidigte die verbalen Attacken gegen Leo XIV. Zugleich forderte er den Vatikan auf, sich eher auf Fragen der Moral und der Kirche zu konzentrieren – und gar nicht auf politische Debatten. 

Ob der verbale "Krieg" zwischen Trump und Papst ein Wendepunkt in Trumps Präsidentschaft ist? Der italienische Theologe Massimo Faggioli hält das für möglich. Gegenüber der katholischen Zeitung "Avvenire" erklärte er, der verbale Angriff markiere "wahrscheinlich den Anfang vom politischen Ende". Sollte sich diese Einschätzung bewahrheiten, dürfte der US-Präsident eher auf ein himmlisches Wunder angewiesen sein – jenes, das er in seinem KI-generierten Bild selbst heraufbeschwört.

Von Mario Trifunovic