Neue Wege im Glauben

Diözesane Stiftung will innovative Seelsorge in der Kirche fördern

Veröffentlicht am 19.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Jennifer Brodt – Lesedauer: 

Rottenburg-Stuttgart ‐ Die Bischof-Moser Stiftung fördert neue Projekte Projekte in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Was dem Vorstand bei der Arbeit wichtig ist und wie innovative Seelsorge aussehen kann, erzählt Gerhard Rauscher im katholisch.de-Interview.

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Die 2004 von Bischof Gebhard Fürst gegründete Bischof-Moser-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht kirchliche Projekte im Raum Stuttgart voranzubringen. Gerhard Rauscher, Vorstand der Stiftung, war von Anfang an dabei und erzählt von der Arbeit, den geförderten Projekten und davon, was die Ziele der Stiftung sind.

Frage: Herr Rauscher, warum wurde die Bischof-Moser-Stiftung gegründet?

Rauscher: Schon bei der Gründung der Stiftung im Jahr 2004 stand die Frage im Vordergrund, was wir machen, wenn einmal die Finanzen der Kirche zurückgehen. Schon vor über 20 Jahren gab es einen intensiven Sparkurs der Diözese und da fanden der damalige Generalvikar und sein Nachfolger, dass eine Stiftung geeignet wäre, um einen Finanzstock aufzubauen. Die Erträge der Stiftung sollten dann in die Finanzierung wichtiger pastoraler Aufgaben fließen. Die Veränderungen der Kirche haben gezeigt, dass es klug war die Stiftung zu errichten. Es geht darum pastorale Dienste auf Gemeinde-, Dekanats- und Diözesanebene zu fördern. Besonders wichtig ist dabei die Seelsorge.  

Frage: Und wie wird die Stiftung finanziert?

Rauscher: Wir haben bei der Errichtung der Stiftung einen Grundstock von 400.000 Euro bekommen. Jedes Jahr an Ostern gibt es zudem eine Kollekte in der gesamten Diözese. Es stecken keine Kirchensteuermittel drin, sondern es fließen ein Teil der Kollektenerträge und Vermächtnisse in das Stiftungskapital. So wurde in den vergangenen 21 Jahren der Stiftungskapitalstock aufgebaut, der jetzt bei 9,5 Millionen Euro liegt. Im Vergleich zu anderen Stiftungen ist das vielleicht nicht die größte Summe, aber die Stiftung hat durch ihre Förderpraxis für das Bewusstsein gesorgt, dass wir neue Wege der Seelsorge gehen müssen.

Frage: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Rauscher: Das Projekt der Quartierpastoral im Stuttgarter Stadtteil Mönchsfeld läuft noch und ist bisher überraschend gut gelungen. Es gab dort eine große renovierungsbedürftige Kirche, die nicht mehr getragen werden konnte. Sie wurde abgerissen und der Caritasverband in Stuttgart hat das Gelände abgekauft. Jetzt stehen dort Seniorenwohnungen und ein Kindergarten, sowie eine gut gestaltete Kirche, die multifunktional und bedarfsgerecht ist. Jetzt leben mehrere Generationen nebeneinander. Das Gemeindehaus wird von der Kirche kostenlos für die Stadtteilvernetzung zur Verfügung gestellt. Wir wollen Kirche anders verstehen und uns für das Gemeinwesen öffnen. Das Gemeindehaus wird so zum Quartierhaus und es kommen Leute dorthin, die vorher nichts mit Kirche zu tun hatten.

Auf dem Bild sieht man Gerhard Rauscher von der Bischof-Moser Stiftung
Bild: ©Dettenmeyer-media

In der Mitte steht Gerhard Rauscher von der Stiftung. Links von ihm steht Ute Reuter. Sie ist Verantwortliche für Bildung und Beratung. Rechts von Rauscher steht Antonia Schneider, die Stelleninhaberin und Community Managerin im Projekt "Social Coworking Space".

Frage: Was sind Ziele Ihrer Förderungen?

Rauscher: Die Stiftung möchte mit den Gemeinden und Dekanaten Talente entdecken und fördern, denn Frauen und Männer in den pastoralen Berufen haben theologische, spirituelle und pädagogische Kompetenzen. Uns ist es wichtig die pastorale Innovationsentwicklung und somit die Kirchenentwicklung längerfristig anzulegen. Wir wollen Projekte nicht nur zur Überbrückung finanzieren, sondern auch Teile von Personalkosten für Menschen übernehmen, bei denen wir den Eindruck haben, dass sie unsere Vision teilen und die Kirchenentwicklung zukunftsorientiert voranbringen wollen. Gemäß dem Motto der Stiftung "...damit Glaube neu zündet" wollen wir die Seelsorge in neuen Formen entwickeln. Die Frohe Botschaft bleibt unverändert; aber wir wollen sie mit innovativen Projekten in die Welt tragen.

Frage: Wie entscheiden Sie, welche Projekte gefördert werden?

Rauscher: Es gibt da Entscheidungskriterien, die sich nach unseren pastoralen Schwerpunkten richten. Zum einen soll der Mensch als Individuum mehr in den Blick kommen. Außerdem sollen Menschen für Projekte gefunden werden, die sich vielleicht noch nicht innerhalb der Kirche engagieren, aber dennoch kompetent und bereit für neue Aufgaben sind. Dann ist es uns wichtig soziale Netzwerke zu schaffen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Wir wollen Projekt fördern, durch die wir neue Wege der Seelsorge gehen können. Das ist nicht immer so aber häufig versuchen wir die Hälfte die der Finanzierung zu übernehmen, die andere Hälfte übernimmt dann die Kirchengemeinde oder der Träger.

Frage: Was braucht es, um innovative Kirche voranzubringen?

Rauscher: Es braucht vor allen Dingen Menschen mit guten Ideen. Dann braucht es Menschen, die diese Ideen auch gut finden. An dieser Stelle kommen wir ins Spiel: Wir wollen mit der Konzeption der Projekte und der Finanzierung helfen. Wir sind auch dafür da, um weitere Verbündete zu finden, die bereit sind diese Wege mitzugehen.

Frage: Gibt es auch Kritik, wenn Projekte gefördert werden, die nicht zur traditionellen Form der Seelsorge passen?

Rauscher: Nein, denn ich komme fast immer mit haupt- oder ehrenamtlichen Leuten zusammen, die an Innovation mitwirken wollen. Das heißt nicht, dass die traditionelle Seelsorge in Form von Katechese, Erstkommunion und Firmung überflüssig wäre. Im Gegenteil: Das gehört alles dazu. Wir wollen aber mehr Raum schaffen für die Begegnung mit dem individuellen Menschen. Natürlich kommen mal Nachfragen, wenn wir ein Projekt ablehnen, das nicht in unser Profil passt. Aber wir haben als Team ein gutes Verhältnis zu den verschiedenen Ebenen des Bischöflichen Ordinariats. Auch der Diözesanrat, der in unserem Stiftungsrat vertreten ist, trägt unsere Vorhaben mit.

Auf dem Bild sieht man einen roten Kleinbus mit der Aufschrift "AnsprechBar"
Bild: ©Gerhard Rauscher

Die "AnsprechBar" ist eines der vielen Projekte der Bischof-Moser Stiftung.

Frage: Gibt es dennoch Schwierigkeiten bei dieser Arbeit?

Rauscher: In zwanzig Jahren werden wir vielleicht nur noch die Hälfte an pastoralen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in diözesanen Stellen haben. Da hat unser Personalreferent die schwierige Aufgabe die Wahrheit an die Öffentlichkeit zu bringen. Um pastorale Projekte voranzubringen, braucht es dann weiterhin die Unterstützung durch unsere Stiftung.

Frage: Was wären aus Ihrer Sicht Lösungsansätze?

Rauscher: Um die innovative Seelsorge weiterzubringen, möchten wir einen offenen Blick für Menschen haben, die vielleicht vorher noch nicht in Kirchengemeinden organisiert waren, jetzt aber Lust haben, Aufgaben in der Kirche zu übernehmen. Wir brauchen aber auch Partizipation von Leuten, die nicht direkt kirchlich gesinnt sind.  Bei der Quartierseelsorge in Stuttgart zum Beispiel packen auch muslimische Menschen mit an. Sie kochen Kaffee oder backen Kuchen für alle, was eine warme Willkommenskultur schafft. Es passieren Wunder, wenn man die richtigen Leute anspricht und findet. Unsere Religionspädagogin in dem Projekt hat dafür ein großes Talent, dass wir eben fördern wollen. Dann braucht es neue Leitungsmodelle für Gemeinden, wenn es zum Beispiel keinen leitenden Pfarrer am Ort gibt.

Frage: Wie kann so ein neues Leitungsmodell aussehen?

Rauscher: Wir haben zum Beispiel keinen leitenden Pfarrer in unserer großen Seelsorgeeinheit Sindelfingen bekommen und da wurde ich als Pastoralreferent i.R. gefragt, ob ich als Vakanzbegleiter beraten möchte, neben meiner ehrenamtlichen Aufgabe als Stiftungsvorstand. Ich habe keinen direkten Auftrag bekommen, aber ich war da zur Ermutigung und Unterstützung. Zum Team gehörten zwei Pfarrvikare, eine Pfarrbeauftragte (Pastoralreferentin), eine Familienreferentin und eine Ehrenamtskoordinatorin. Im Hintergrund gibt es einen Administrator, der als amtlicher Vorsitzender für die Gemeinden zuständig ist. Für die Zukunft wird es das Ziel sein, dass die Hauptamtlichen kompetente Ehrenamtliche für die Mitarbeit in den Gemeindeleitungen finden und begleiten. Natürlich wird es in großen Kirchengemeinden einen leitenden Pfarrer geben. Ich denke aber, dass es auch Teams brauchen wird, die mit Unterstützung unserer Stiftung innovative Projekte in der Kirche ermöglichen und voranbringen.

Von Jennifer Brodt