Die Tonsur: Eine klerikale "Hair Language"

Haare machen Leute – so könnte man das Ergebnis einer empirischen Studie zur "Psychologie des ersten Eindrucks" aus dem Jahr 2001 zusammenfassen. Demnach sind die Haare einer der wichtigsten Schlüsselreize, die darüber entscheiden, ob wir eine Person sympathisch finden oder nicht. Die sogenannte "Hair Language", auch wenn sie nicht als solche bekannt war, hatte bereits im Frühmittelalter eine große Bedeutung – auch im religiösen Kontext: Durch die Tonsur zeigten Männer in der katholischen Welt lange Zeit ihre Zugehörigkeit zum Klerus.
Der Name der Frisur leitet sich von dem lateinischen Wort "tondere" ab, was wörtlich "scheren" bedeutet. Historisch soll die Tonsur laut der "Legenda aurea", einer Legendensammlung aus dem Mittelalter, auf den Apostel Petrus zurückgehen. Bei seinen Predigtreisen durch Antiochien sollen ihm die Menschen dort als Zeichen der Verachtung für Jesus ein Stück in der Mitte seiner Haare rasiert haben. Was als Zeichen der Scham galt, wurde mit der Zeit zum Zeichen der Ehre. Denn die Tonsur stand für ein vorbildliches, reines Leben.
Es gab verschiedene Arten der Frisur: Unter der "tonsura pauli" versteht man das komplette Abscheren des Haupthaares. Die paulinische Tonsur war in den byzantinischen Gebieten im Osten beliebt. Bei der "tonsura petri" dagegen wurde ein Haarkranz stehen gelassen. Im Frühmittelalter waren beide Frisuren teilweise parallel üblich, doch spätestens ab der Synode im angelsächsischen Whitby im Jahr 664 etablierte sich für Geistliche die Petrustonsur in der gesamten Kirche. Die Rasur sollte den Träger weise und möglichst alt aussehen lassen. Grund dafür war das altgriechische Wort für ein Leitungsamt in frühen christlichen Gemeinden: "Presbyter" bedeutet wörtlich übersetzt "Ältester". Erst im 12. Jahrhundert wurde die Frisur zur Pflicht. Einem Mönch, der die Tonsur nicht trug, drohte sogar die Exkommunikation. Die erste Rasur des Haupthaares bei den Männern, die in den klerikalen Stand aufgenommen werden wollten, wurde häufig feierlich durch einen Abt oder einen Bischof vorgenommen. Später waren spezielle Friseure oder die Mönche in den Klöstern selbst dafür zuständig. Das Tonsurieren wurde fast liturgisch ausgestaltet: Unter Psalmengesängen rasierten sich die Mönche teils in den Kreuzgängen in Zweierreihen gegenseitig.
Nach der "Legenda aurea" soll Petrus als Zeichen der Verachtung ein Teil seiner Haare geschoren worden sein.
Die Tonsur hat darüber hinaus noch eine symbolische Bedeutung: Sie zeigt, dass der Mönch zwischen dem Himmlischen und Weltlichen lebt. Das Haar steht für die Welt im Allgemeinen und die religiöse Kahlköpfigkeit für die Reinheit. Die Frisur zeigt aber auch die Hingabe an Gott und die Kirche. Der damalige Abt der Benediktinerabtei Gerleve, Raphael Molitor, schrieb 1938, die Tonsur sei keine Weihe im eigentlichen Sinne, sie sei auch kein Sakrament. Dennoch sei sie als heilige Handlung zu sehen. Die Tonsur mache den Empfänger zum Kleriker und lege ihm gleichzeitig neue Pflichten auf.
Tonsur erst nach der Firmung
Die Tonsur galt als äußere Bedingung für weitere Weihen und war damit Kennzeichen wie Aufnahmebedingung für den Klerus. Eine Voraussetzung für die Tonsur war wiederum die Firmung. Mit dem Gewand und dem Verhalten eines Klerikers war die Tonsur ein äußerliches Zeichen für den Lobpreis an Gott. Auch stand sie symbolisch für die Dornenkrone Christi und kann mit Aspekten wie Gehorsam, Buße, Demut, Sakralität und Opfergabe verbunden werden. Die Tonsur sollte ebenfalls an eine Art Heiligenschein erinnern. Das regelmäßige Nachrasieren der Frisur wurde durch den Reinheitsaspekt in einigen Klöstern als notwendig angesehen.
Auch wenn die Tonsur nicht biblisch ist, lässt sich besonders im Alten Testament der symbolische Akt des Haareschneidens wiederfinden: So sagt Gott zum Propheten Ezechiel: "nimm ein scharfes Schwert, als Schermesser nimm es her und führe es über dein Haupt und deinen Bart!" (Ez 5,1). Auch Simsons Haare sind in der Bibel symbolisch aufgeladen: Er verliert seine ganze Kraft, als ihm die Haare geschnitten werden (Ri 16,19). Zwar sind historisch keine vergleichbaren Auswirkungen nach dem Tonsurieren überliefert. Dennoch scheint das Haar für die Geistlichen große Bedeutung gehabt zu haben: die "Hair Language" des klerikalen Standes.
Die Tonsur erinnert symbolisch an die Dornenkrone Christi.
Später war es gängig, dass nur die erste Tonsur mit dem Eintritt in das Priesterseminar Pflicht wurde. Danach war es der Person freigestellt, die Tonsur beizubehalten. Es gab keine öffentliche Stellungnahme, doch rieten Berater in den 1970er-Jahren dem damaligen Papst Paul VI. (1963–1978) dazu, die Pflicht zur Tonsur abzuschaffen. Als Begründung nannten sie demnach, dass sich junge Männer in einer Zeit, in der mehr Wert auf das Äußere gelegt wurde, durch die spezielle Frisur vom Eintritt in das Priesterseminar abhalten ließen.
Außerdem verlor die Tonsur an Bedeutung und wurde immer mehr zu einer reinen Formalie. In einigen Diözesen sollen Seminaristen bereits nur einen kleinen Teil ihrer Haare abgeschnitten bekommen haben, während sich Priester der vollständigen Tonsur unterziehen mussten. Am 15. August 1972 veröffentlichte Papst Paul VI. schließlich das Motu proprio "Ministeria quaedam", in dem als erster Punkt die Tonsur benannt wird: "Die erste Tonsur wird fortan nicht mehr erteilt; der Eintritt in den Klerikerstand wird mit dem Diakonat verbunden." Diese und weitere Neuregelungen sind am 1. Januar 1973 in Kraft getreten – und haben dafür gesorgt, dass die Tonsur nahezu komplett verschwunden ist.
Heutzutage sieht man die Tonsur – außer sie kommt natürlicherweise vor – bei Geistlichen kaum bis gar nicht. Dennoch gibt es traditionalistische Bruderschaften oder einzelne Klöster, die diese Praxis fortsetzen. Dazu gehören zum Beispiel die Pius- und die Petrusbruderschaft. Diese tragen zwar nicht immer Petrus-Tonsuren, doch vollziehen sie noch heute Haarschnitte im liturgischen Rahmen.