Eine Döner-essende Ordensschwester, die Sehnsüchte bedient
HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Eine 92-jährige Ordensschwester, ihr erster Döner – und Millionen schauen auf Instagram zu. Was auf den ersten Blick banal wirkt, entfaltete in den vergangenen Tagen eine erstaunliche Resonanz: Begeisterung, Herzlichkeit, ja Rührung in der Kommentarspalte des viral gegangenen Videos der Arenberger Dominikanerinnen. Kein Zynismus, keine Empörung, kein Streit. Das allein ist schon bemerkenswert.
Denn soziale Netzwerke sind heute eigentlich als Orte der Zuspitzung und der vergifteten Debatte bekannt. Empörung erzeugt Reichweite, Konflikt bindet Aufmerksamkeit. Umso mehr fällt ein Clip aus dem Rahmen, der genau das Gegenteil auslöst: leise Freude. Die Faszination liegt dabei weniger im Döner als im Moment selbst. Eine alte Frau, die sich neugierig und humorvoll auf etwas Neues einlässt. Tausende Nutzer reagierten auf das Video, als hätten sie genau auf solch einen – im besten Sinne – harmlosen Content gewartet.
Darin spiegelt sich durchaus eine Sehnsucht. Nach Momenten, die nicht überfordern. Nach Geschichten, die nicht kompliziert sind. Nach Menschen, die nicht polarisieren. In einer Zeit, die von Krisen, Unsicherheit und Dauererregung geprägt ist, wirken solche Bilder wie kleine Gegenentwürfe. Sie versprechen keine Lösung – aber eine Pause vom anstrengenden Alltag.
Spannend ist, dass dieser Gegenentwurf von Ordensfrauen kommt. Die katholische Kirche hat in den vergangenen Jahren oft negative Schlagzeilen produziert. Vertrauensverlust, Missbrauchsskandale, interne Konflikte – das Bild ist belastet. Umso überraschender ist es, wenn ein einfacher, ungekünstelter Moment plötzlich Sympathie weckt. Das heißt nicht, dass ein virales Video strukturelle Probleme löst. Aber es zeigt, dass Menschen durchaus bereit sind, der Kirche und ihrem Bodenpersonal mit Offenheit und Sympathie zu begegnen.
Vielleicht liegt genau darin eine Chance. Nicht in der strategischen Produktion von viralem Content durch ausgefuchste PR-Profis, sondern in der Bereitschaft, echte Einblicke zu geben und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Das Leben in Orden, Pfarrgemeinden und sozialen Einrichtungen der Kirche bietet unzählige Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Geschichten, die nicht perfekt sein müssen, sondern glaubwürdig. Das Döner-Video der Arenberger Dominikanerinnen ist kein PR-Coup – und funktioniert gerade deshalb. Es erinnert daran, dass Glaubwürdigkeit nicht inszeniert werden kann. Aber sie kann sichtbar werden – manchmal in den unscheinbarsten Momenten.
Der Autor
Steffen Zimmermann ist Redakteur im Korrespondentenbüro von katholisch.de in Berlin.Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.
