Standpunkt

Leos erste Enzyklika, ein Drahtseilakt – auch für die Kirche

Veröffentlicht am 04.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Katharina Goldinger – Lesedauer: 

Bonn ‐ Das erste große Lehrschreiben von Papst Leo XIV. scheint kurz bevorzustehen. Die großen Fragen unserer Zeit, denen sich der Papst widmen will, sind auch Fragen für die Kirche, kommentiert Katharina Goldinger.

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In den letzten Tagen wurde bekannt, dass zum 15. Mai mit der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. zu rechnen ist. Das Datum wäre symbolträchtig, denn am 15. Mai 1891 veröffentlichte der damalige Papst Leo XIII. mit "Rerum Novarum" ("Von den neuen Dingen") die erste große Sozialenzyklika mitten hinein in eine Zeit des Umbruchs, ausgelöst durch die rasante technische Entwicklung im Zeitalter der Industrialisierung.

Es sind hohe Erwartungen an den US-Amerikaner Robert Francis Prevost, der sich schon durch seine Namenswahl auf Leo XIII. bezog, die sich mit dieser Enzyklika verbinden: Die "neuen Dinge" unserer Zeit scheinen die Herausforderungen der Industrialisierung um eine vielfaches zu überbieten: Statt größerer Handelsräume – globale Weltwirtschaft. Statt Urbanisierung – Megacitys. Statt Maschinen, die einfache menschliche Handgriffe ersetzen – KI und humanoide Roboter.

Die sich daraus ergebenden sozialen Frage sind dringlich: Wie kann die Würde des Menschen gewahrt werden, angesichts reiner Nützlichkeitserwägungen? Wie können wir menschliches Leid verhindern (oder zumindest lindern), das sich aus der ungebremsten Ausbeutung der Umwelt ergibt? Wie können wir den globalen Kampf um Ressourcen so steuern, dass gerade die Ärmsten dieser Welt aktiv an den Prozessen der Wertschöpfung beteiligt werden?

Eine Auseinandersetzung mit den sozialen Fragen unserer Zeit wird zwangsläufig die Frage aktualisieren, inwiefern Kirche politisch sein kann und muss. Wenn die sozialethischen Prinzipien von Personalität, Solidarität und Subsidiarität unser Handeln prägen, dann müssen wir uns sehr konkret einmischen: in laufende Debatten um Krieg und Frieden, um Technologienutzung und Klimakrise.

Dabei sollten wir als katholische Kirche stets im Blick behalten, dass wir an unseren eigenen Maßstäben gemessen werden. Auch bei uns ist "Luft nach oben", wenn es um die Verwirklichung beispielsweise von Subsidiarität geht. Das sozialethische Prinzip verpflichtet die Mächtigen, angemessene Hilfestellung zu leisten, ohne sich Kompetenzen anzumaßen, die eine untergeordnete Entscheidungsebene selbst einbringen kann. Streng genommen müsste also beispielsweise die Forderung der US-amerikanischen Anti-Trump-Bewegung "No Kings" im Sinne der Subsidiarität auch für das streng hierarchische System der katholischen Kirche gelten. Für Papst Leo XIV., den US-Amerikaner und Brückenbauer, wird seine erste Enzyklika ein Drahtseilakt: ungeheuer wichtig, aber nach außen wie nach innen mindestens ebenso herausfordernd.

Von Katharina Goldinger

Die Autorin

Katharina Goldinger ist Theologin und Pastoralreferentin im Bistum Speyer und Religionslehrerin an einem Speyerer Gymnasium. Sie ist sehr gerne in digitalen (Kirchen-)Räumen unterwegs und ehrenamtlich im Team der digitalen christlichen Community da_zwischen aktiv.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.