Stephanie Rieth über Kirche, Konflikte und Kurswechsel

Die "Generalvikarin von Mainz" und ihr ungewöhnliches Amt

Veröffentlicht am 05.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Benedikt Heider (KNA) – Lesedauer: 

Mainz ‐ Frauen sind in der Leitung der katholischen Kirche eine Seltenheit. Seit vier Jahren mischt eine von ihnen im Bistum Mainz mit – mit ungewöhnlichen Vollmachten und in einem Modell, das nicht nur auf Begeisterung stößt.

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Am Tag zuvor hat sie eine neue Gemeinde gegründet, eben noch bei einer Bischofstagung gesprochen - jetzt sitzt Stephanie Rieth schon wieder im Auto, unterwegs zu einer Preisverleihung in Mainz. Ihre Tage sind eng getaktet, oft endet die Arbeit erst spät am Abend, sagt sie.

Rieth gehört zur Leitung des Bistums Mainz. Gemeinsam mit Bischof Peter Kohlgraf, dem Weihbischof und dem Generalvikar trägt sie Verantwortung für die Diözese. Ihre Rolle: "Bevollmächtigte des Generalvikars". Eine Funktion, die erklärungsbedürftig ist - und die es so erst seit vier Jahren gibt.

Leitungsmodell

Der Generalvikar ist in der katholischen Kirche der Stellvertreter des Bischofs und leitet die Verwaltung in dessen Auftrag. Rieth teilt sich diese Aufgabe mit ihm. "Der Generalvikar und ich haben die gleichen Vollmachten", sagt sie. Aufgaben würden nicht nach Weihe oder Geschlecht verteilt. "Das ist gerade nicht unser Ansatz." Dabei bleibt die Letztverantwortung beim Bischof. "Formal betrachtet ist der Bischof an der Position, die das letzte Wort hat", sagt Rieth.

Entscheidend sei jedoch, wie dieses letzte Wort verstanden werde: "Die Frage ist, ob er nach dem Prinzip des letzten Wortes handelt." In Mainz setze man auf Austausch statt Alleingänge. "Das Prinzip unserer Doppelspitze ist die gemeinsame Verantwortung."

Geteilte Verantwortung mit Letztentscheider

Warum dieses Modell in einer Kirche, in der traditionell allein Männer das Sagen haben, möglich ist, erklärt der Kirchenrechtler Peter Platen der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): "Das Kirchenrecht erlaubt, dass Leitung nicht nur als unmittelbares Handeln einer einzelnen Person gedacht werden muss." Verantwortung könne geteilt und organisiert werden - die letzte Zuständigkeit bleibe jedoch gebunden an den Willen des Letztentscheiders.

Rieths Titel sorgt regelmäßig für Verwirrung. Einmal habe sie sich "etwas umständlich" vorgestellt, erzählt sie. Erst als ein deutscher Diözesanbischof sie als "Generalvikarin von Mainz" bezeichnete, sei ihre Rolle verständlich geworden. "Ganz falsch ist das nicht", sagt sie. Auch ein Generalvikar erhalte schließlich seine Vollmacht erst durch Delegation. "Und genauso ist es bei mir."

Luftaufnahme des Mainzer Doms
Bild: ©adobestock/saiko3p (Archivbild)

Rieths Titel sorgt regelmäßig für Verwirrung

Zurückhaltung und Bedenken

In anderen Diözesen begegnet das Modell vorsichtiger Zurückhaltung, sagt Rieth. Man frage, "ob wir uns das im Moment leisten können". Gleichzeitig werde genau hingeschaut - international und wohl auch im Vatikan. Dabei ist ein vergleichbares Modell, etwa im Bistum Limburg, ebenfalls Praxis. Um Bedenken zu entkräften, habe das Bistum kirchenrechtliche Gutachten erstellen lassen, damit mögliche Grenzüberschreitungen vermieden werden.

Im Alltag bedeute ihre Aufgabe vor allem: führen, organisieren, entscheiden. Rieth verantwortet Prozesse, Personal und Finanzen. Zu ihren Themen gehören die wirtschaftliche Steuerung des Bistums, soziale und karitative Arbeit, Mitarbeitervertretung und Presse. Gemeinsam mit dem Generalvikar vertritt sie das Bistum auch nach außen, etwa vor Gericht.

Warnung vor zu großen Hoffnungen

Ein Schwerpunkt ist für Rieth die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. "Da darf nicht ein Zentimeter von dem abgewichen werden, was wir uns an Standards gegeben haben", sagt sie. Regelmäßig predigt sie - im Rahmen des kirchenrechtlich Möglichen - auch bei Gottesdiensten, etwa wenn neue Gemeinden im Bistum entstehen. Ihre Ausbildung als Theologin und Pastoralreferentin versteht sie weiterhin als Teil ihres Auftrags: "Diese Sendung lebe ich auch in diesem Amt."

Rieth sieht in ihrer Position mehr als eine organisatorische Neuerung. "Das, was wir tun, verändert Kirche." Dennoch dämpft sie Erwartungen an schnelle Reformen. "In vier Jahren kann man keine über Jahrzehnte gewachsene Kultur verändern." Im kommenden Jahr soll das Modell evaluiert werden - dann wird sich zeigen, ob es den Zielen dienlich ist, wie es im Ernennungsdekret heißt. 

Bild: ©katholisch.de / msp (Symbolbild)

Stephanie Rieth ist stolz darauf, durchzuhalten.

Quotenfrau?

Rieth selbst spricht weniger von Struktur als von Kultur. Als nicht geweihte, verheiratete Frau und Mutter von drei Kindern bringe sie eine Perspektive ein, "die die anderen nicht haben" - besonders im Umgang mit Macht und Verantwortung. "Das verändert das System und schafft Vertrauen." Zugleich weist sie Zuschreibungen zurück: "Ich gebe mich nicht her für ein Quotenfrau-Amt." Entscheidend sei ihre Arbeit.

Sie will große kirchenpolitische Streitfragen nicht in den Mittelpunkt stellen. "Ich definiere mich ungern über das Defizit", sagt sie mit Blick auf Themen wie Frauenordination oder Zölibat. Haltungen änderten sich langsam und hätten Grenzen. Und sie habe "zu wichtige Aufgaben", um sich mit Fragen zu beschäftigen, "die sich in absehbarer Zeit nicht ändern lassen".

Konflikte im Alltag

Trotzdem gehörten Konflikte auch zu ihrem Alltag. Ein Pfarrer habe einmal gesagt, es sei weniger wert, wenn nicht der Bischof komme, sondern "nur die Frau". Rieth schildert das ohne Empörung. Solche Reaktionen seien oft durch Erfahrung in der Kirche geprägt und nicht böswillig. Nachgeben komme für sie dennoch nicht infrage - sonst entstehe "ein Schaden" für Amt und Leitungsverständnis. Veränderung brauche Reibung - und die müsse ausgehalten werden, sagt sie. Reform bedeute schließlich nicht nur neue Strukturen, sondern auch Auseinandersetzung.

Was sie trotz dieser Erfahrungen als Frau in der Kirche antreibt, fasst Rieth in einem Wort: Wirksamkeit. Wenn Gespräche etwas bewegen, Entscheidungen greifen, ein Gottesdienst wirkt - dann werde Veränderung konkret. Ihr Bild für die eigene Arbeit ist entsprechend nüchtern: ein Tanker. Schwer zu bewegen - aber nicht unbeweglich. Ob sie ihre Aufgabe stolz macht? "Ich bin stolz darauf, dass ich durchhalte", sagt sie.

Von Benedikt Heider (KNA)