Weltsynoden-Gruppe fordert Paradigmenwechsel bei kontroversen Themen
Eine Studiengruppe der Weltsynode hat einen Paradigmenwechsel im Umgang der Kirche mit schwierigen dogmatischen, pastoralen und ethischen Fragen gefordert. Der Wandel liege heute darin, das "biblische Verständnis von Gottes Wahrheit", wie es sich in der Geschichte offenbare, wiederzuentdecken und Prozesse des gemeinsamen Lernens innerhalb der christlichen Gemeinschaft zu fördern, heißt es im am Dienstag veröffentlichten Abschlussbericht der noch von Papst Franziskus eingerichteten Studiengruppe. Dazu müsse der historische, erfahrungsbezogene, praktische und kontextuelle Charakter des Menschseins wertgeschätzt werden, der in Christus seine Erfüllung finde. Die "universelle Wahrheit der Menschheit" sei nicht ein für alle Mal festgelegt, sondern offenbare sich in verschiedenen Kulturen.
Eines der heute aufkommenden Themen – die Gruppe will die Bezeichnung "kontroverse Themen" vermeiden – ist laut Bericht der Umgang mit Homosexualität. Dazu wurden zwei Zeugnisse von homosexuellen Männern angeführt. "Dies ist das erste Mal, dass ein Bericht des Vatikans Erfahrungsberichte von LGBTQ-Katholiken enthält. Somit stellt er einen bedeutenden Fortschritt in den Beziehungen der Kirche zur LGBTQ-Gemeinschaft dar", schrieb der US-Jesuit und LGBTQ-Seelsorger James Martin am Dienstag auf dem Portal "Outreach". Die Arbeitsgruppe erklärte anhand dieser Beispiele eine Methodologie. Von einer finalen Bewertung wolle der Abschlussbericht der Studiengruppe Abstand nehmen, heißt es.
Als "Interpretationsschlüssel" benannte die Arbeitsgruppe das bereits vom Zweiten Vatikanischen Konzil eingeführte "Prinzip der Pastoralität": Es gebe demnach keine Verkündigung des Evangeliums ohne die Übernahme der Verantwortung für den Gesprächspartner, in dem der Heilige Geist bereits wirke. "Da es uns nicht um zu lösende Probleme geht, sondern um den Aufbau des Gemeinwohls, sollte der Korrektur (auf doktrinärer, pastoraler oder ethischer Ebene) von Situationen, die in der konkreten Glaubenserfahrung als problematisch bewertet werden, kein Vorrang eingeräumt werden", heißt es im Bericht. "Vielmehr müssen wir der Anerkennung und Unterscheidung jener Aspekte Vorrang geben, die Glaubenspraktiken zum Ausdruck bringen und in der Tat zeigen, oft durch unthematisches Wissen." Ein Beispiel dafür sei die Volksfrömmigkeit, eine "lebendige Synthese zwischen dem Evangelium und dem Weg einer Gemeinschaft".
Zuhören und Unterscheidungsprozess in die Wege leiten
Die Aufgabe kirchlicher Autorität liege in diesem Zusammenhang darin, zuzuhören und den Unterscheidungsprozess in die Wege zu leiten. Die Autorität sei Teil dieses Prozesses und habe die Aufgabe dafür zu sorgen, dass gerade marginalisierte Menschen ihre Stimme einbringen können. "Die Autorität darf nicht durch Unterlassung sündigen: In einer synodalen Kirche dürfen sich Seelsorger und alle, die irgendeine Form von Autorität ausüben, nicht der Verantwortung entziehen, 'Prozesse in Gang zu setzen' und diese in Treue zum Wort Gottes und im aufmerksamen Hören auf die Stimme des Heiligen Geistes zu leiten", heißt es im Bericht.
Als eine mögliche Methode führte die Arbeitsgruppe das bei der Weltsynode etablierte Gespräch im Geist an. Dieses müsse zwar an die jeweiligen Kontexte angepasst werden, sei aber von unschätzbarem Wert, um eine "kirchliche Kultur der Synodalität" zu entwickeln. (cbr)
