Pfarrer Alexander Bergel über das Sonntagsevangelium

Trau Dich!

Veröffentlicht am 09.05.2026 um 09:30 Uhr – Lesedauer: 
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Osnabrück ‐ Die Idylle der kleinen Pfarrei ist weg. Alles lief gut, jeder kannte seinen Platz, erzählt Pfarrer Alexander Bergel. Jetzt fehlen Klarheit und Struktur, alles verändert sich. Im Sonntagsevangelium findet er Antworten.

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Es dauert nicht mehr lange, dann ist er weg. Dann müssen sie selbst sehen, wie sie klarkommen. Keiner mehr, der die Dinge regelt. Keiner mehr, der an alles erinnert. Keiner mehr, der eine Ahnung davon gibt, was das heißt: Gott ist nicht weit weg, sondern mitten in der Welt. Irgendwann musste es so weit kommen. Aber jetzt? So plötzlich? Damit hatten sie nicht gerechnet, die Jünger. Und so sitzen sie da und müssen es erst einmal begreifen lernen, was das heißt, wenn Jesus sagt: "Ich gehe zum Vater."

Es hat lange gedauert, aber irgendwann war sie weg. Die gewohnte Idylle der kleinen, überschaubaren Pfarrei. Im Laufe der Jahrzehnte haben wir uns gut eingerichtet. Alles lief gut, jeder kannte seinen Platz, alle wussten, wie es funktioniert. Eine schöne heile Welt, so sollte es bleiben! Aber so blieb es nicht. Die Dinge verändern sich. Seit Jahren schon. Keine überschaubare Gemeinde mehr, sondern eine immer größer werdende. Keine eingespielten Muster mehr, sondern neue Herausforderungen. Keine Klarheit mehr, was das heißt, katholisch zu sein, sondern fließende Übergänge. Kein: "Wir machen das hier aber so!", sondern die Frage: "Wie könnten wir es denn mal neu versuchen?"

Die Jünger damals erleben: Jesus geht weg. Wir heute spüren: Viel Gewohntes verschwindet, das, was Halt gegeben hat, ist nicht mehr sicher. In all dem steckt eine Aufforderung: Mensch, trau dir etwas zu! Bleib nicht stehen! Geh selbst deinen Weg. Such ihn neu, Tag für Tag! Das, was dir vertraut war – es ist nicht mehr. Aber – das Leben erwartet dich! 

Anders wäre es einfacher gewesen, damals wie heute. Jesus hätte doch noch einige Jahre so weiter machen können, den Frauen und Männern um ihn herum weiter von Gott erzählen, ihnen weiter den Weg bahnen können. Aber nein, das tut er nicht. "Ihr wisst alles, was ihr wissen müsst. Nun geht euren Weg!"

Und heute? Hätte nicht lieber doch alles so bleiben können, wie es war? Nein. Die Welt hat sich verändert. Und die Kirche auch. Manche sehen darin nur Abbruch, Verlust, Untergang. Andere aber das Wirken des Heiligen Geistes. Und der steht für Aufbruch, Offenheit und neue Kraft. Aber bevor etwas Neues kommen kann, muss das Alte vergehen.

Doch was bedeutet das nun? Es bedeutet: Mensch, verlass dich nicht auf andere. Nicht auf die religiösen Profis, nicht auf die Strukturen, nicht auf das, was die Leute sagen. Vertrau darauf, dass Gott zu dir spricht. Dass er dich ruft. Trau dich, über deinen Glauben zu reden. Und über deine Zweifel. Trau dich, deinen Glauben nicht einzufrieren. Sondern immer neu zu suchen, was er für dein Leben bedeutet. Egal wie alt du auch bist: Trau dich, neu anzufangen! Und hab keine Angst! Denn: Du bist nicht allein. Und der Geist Gottes – der ist schon unterwegs!

Lesung aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 14, 15–21)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.

Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.

Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet. An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch.

Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. 

Der Autor

Alexander Bergel ist Pfarrer der Pfarrei Christus König in Osnabrück.

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