Autor der Segenshandreichung: War klar, dass wir anecken könnten
Seit die gemeinsame Konferenz aus Deutscher Bischofskonferenz (DBK) und Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) die Handreichung "Segen gibt der Liebe Kraft" veröffentlicht haben, gibt es Kritik an dem Text. Zuletzt kritisierten auch Papst Leo XIV. und Glaubenspräfekt Kardinal Víctor Manuel Fernández die Segnungspraxis in Deutschland. "Ich kann die Kritik an vielen Stellen nicht ganz nachvollziehen", sagt Stefan Diefenbach. Der ehemalige Ordenspriester hat an dem Dokument mitgearbeitet und spricht im katholisch.de-Interview über die vatikanische Kritik und seine Wünsche für die Zukunft.
Frage: Herr Diefenbach, seit die Handreichung "Segen gibt der Liebe Kraft" vor rund einem Jahr veröffentlicht wurde, gibt es aus dem Vatikan konstant Kritik daran. Wie sehen Sie das: Entspricht der Text dem, was der Vatikan vorschreibt?
Diefenbach: Der Text greift das auf, was beim Synodalen Weg der Kirche in Deutschland beschlossen wurde unter der Maßgabe dessen, was in der vatikanischen Erklärung "Fiducia supplicans" festgelegt wird. Es ist der Versuch, es für die pastorale Praxis in Deutschland zu "übersetzen" und fruchtbar zu machen. Diese sieht hier, wo queere Paare und Geschiedene standesamtlich heiraten können, gewiss anders aus als in Ländern, in denen gelebte Homosexualität unter Strafe steht. Es ist letztlich die Quadratur des Kreises und uns war klar, dass wir damit an allen Ecken anstoßen könnten. An der Handreichung haben viele Menschen sehr ernsthaft, gläubig und gut katholisch, also auch mit Blick auf die Weltkirche, zusammengearbeitet und ihre Expertise und Erfahrung aus Theologie und Seelsorge einfließen lassen. Daher habe ich mich schon gewundert, mit welcher Vehemenz die Kritik daran geäußert wurde und ich frage mich manchmal, ob der Text richtig übersetzt wurde und ob die Menschen, die ihn kritisieren, ihn wirklich ernsthaft, unvoreingenommen und wohlwollend gelesen haben.
Frage: Was meinen Sie damit?
Diefenbach: Ich kann die Kritik an vielen Stellen nicht ganz nachvollziehen. Wir wollten in Verantwortung gegenüber den Menschen, die um einen Segen bitten, schon das "Spielfeld" möglichst breit gestalten. Dennoch: Im Text der Handreichung wird deutlich darauf hingewiesen, dass der Segen mit großer Freiheit und Spontaneität gespendet wird, dass keine approbierten liturgischen Feiern und Gebete vorgesehen sind und es keine Verwechslung mit einer gottesdienstlichen Feier des Ehesakraments geben soll. Das wird von den Kritikern aber weder gewürdigt noch erwähnt.
Äußerte zuletzt mehrfach Kritik an der Handreichung zu Segensfeiern in Deutschland: Glaubenspräfekt Víctor Manuel Fernández.
Frage: Gleichzeitig wird eine vorherige Absprache zwischen dem Seelsorgenden und dem Paar vorgeschlagen, auch um gemeinsam Musik und Gebete oder passende Bibelstellen auszuwählen. Das geht schon deutlich über die 10 bis 15 Sekunden hinaus, die Glaubenspräfekt Kardinal Víctor Manuel Fernández vorsieht.
Diefenbach: Das stimmt. Aber es gab zusammen mit der Zeitangabe auch schon inhaltliche Vorgaben des Vatikans. Warum solche "Qualitätskriterien" in der Handreichung jetzt kritisiert werden, verstehe ich nicht. Natürlich geht das, was wir in der Handreichung beschreiben, über diesen En-passant-Segen hinaus. Aber die Frage ist, ob so ein Segen wirklich der Entscheidung gerecht wird, die Paare treffen, wenn sie ihr Leben miteinander gestalten, gegenseitig Verantwortung übernehmen und das ganze unter den Schutz Gottes stellen wollen. Die Paare wollen ja nicht irgendwas hingeworfen bekommen, und Vorbereitung gehört zu einem guten Segen dazu. Dazu muss man mit dem Paar sprechen. Und wo Gott ins Spiel kommt, das Leben bereichert und ermutigt, da wird es dann auch feierlich. "Segen" und "nicht-feierlich" ist ein Widerspruch in sich! Für mich ist das selbstverständlich Liturgie, auch wenn keine approbierten Texte und Formulare verwendet werden.
Frage: Kardinal Fernández hat mehrfach betont, dass es keine näheren Absprachen mit der Kirche in Deutschland gab – und erst recht keine Zustimmung des Vatikans zu dem Text. Hat er damit recht?
Diefenbach: Auch das ist vermutlich eine Interpretationsfrage. Ich selbst bin bei den Gesprächen im Vatikan nicht dabei gewesen, aber ich vertraue darauf, dass der Liturgiebeauftragte der Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, uns in der Arbeitsgruppe korrekt unterrichtet hat. Es gab Gespräche und Abstimmungen und ja auch den Brief von Kardinal Fernández, der jetzt öffentlich geworden ist. Aufgrund seiner Kritik wurde die Handreichung tatsächlich noch einmal komplett überarbeitet.
Frage: Was wurde denn geändert?
Diefenbach: Unter anderem haben wir das Wort "Segensfeier" an vielen Stellen rausgestrichen, weil das für den Vatikan ein Triggerwort zu sein scheint und wir nicht wollten, dass an diesem einen Wort der ganze Text scheitert. Im ersten Entwurf gab es auch den Vorschlag eines aus liturgiewissenschaftlicher Sicht sinnvollen Ablaufs. Auch der wurde rausgenommen und zu weiteren Inspirationen in das Buch "Segen gibt der Liebe Kraft" ausgelagert.
Frage: Im Grunde genommen entspricht die Handreichung weder dem, was der Synodale Weg gefordert hat, noch dem, was "Fiducia supplicans" vorschreibt. Welchen Sinn hat der Text da überhaupt noch?
Diefenbach: Der Text versucht ja gerade, beides zusammenzubringen, mit Blick auf unsere gesellschaftliche Situation heute. Wir schreiben, dass es den Beschluss des Synodalen Weges gibt, der eigentlich weit über das hinausreicht, was wir formuliert haben. Und auf der anderen Seite gibt es den Vatikan mit seinen Vorgaben, auf die die Handreichung an ganz vielen Stellen Bezug nimmt. Wir haben versucht das zusammenzubringen und das ist uns vielleicht mal mehr und mal weniger gut gelungen. Aber die Diskussion zeigt aus meiner Sicht auch, dass wir da etwas angestoßen haben. Mir ist wichtig: Am Ende geht es nicht darum, ob es "Liturgie" heißt oder nicht, sondern um die Haltung, mit der wir Menschen begegnen, die um den Segen bitten: Respekt und Wertschätzung!
„Manchmal muss die Pastoral auch voranschreiten und Neuland erkunden, die Lehre folgt nach.“
Frage: Was bedeutet das?
Diefenbach: Wie viel Schaden richtet es an, wenn man einfach die "kalte Schulter" zeigt? Oder wenn man sagt: Ihr müsst euch mit 15 Sekunden zufriedengeben – oder lasst es halt? Die Forderung, dass alles immer mit der Lehre und der Tradition übereinstimmen muss, ist ein bisschen kalt. Man sollte auch die pastoralen Erfahrungen einbeziehen. Manchmal muss die Pastoral auch voranschreiten und Neuland erkunden, die Lehre folgt nach. Wir wären heute nicht hier, wenn nicht Menschen – von denen einige als heilige Frauen und Männer verehrt werden – einen beherzten Schritt über die Grenzen gegangen wären. Nur so können sich Dinge entwickeln.
Frage: Schon vor der Veröffentlichung Ihrer Handreichung wird es in Deutschland Segensfeiern für Paare gegeben haben, die nicht heiraten können oder wollen. Hätte man da nicht auf das Papier verzichten und so weniger Aufmerksamkeit darauflegen können?
Diefenbach: Wir wollten diese Segnungen ja gerade aus der Grauzone herausholen. Und es gibt viele Seelsorgende, die uns sagen, dass sie eine Art von Orientierung brauchen. Es soll ganz klar sein, dass Kirche das respektiert und wertschätzt, wenn sich zwei Menschen füreinander entscheiden und verbindlich miteinander einen Weg gehen wollen. Dann sollen sie das ja nicht in einer Sakristei oder einem nicht aufgeräumten Nebenraum feiern müssen, sondern in einer Art und Weise, die man als Segnender und Segnende auch verantworten kann.
Frage: Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema und haben sicher viel Engagement und Herzblut in diese Handreichung gesteckt. Wie sehr schmerzt es, wenn Sie mitbekommen, dass dieser so zum Stein des Anstoßes wurde und auch ein Jahr nach der Veröffentlichung noch darüber diskutiert wird?
Diefenbach: Wenn diese Diskussionen etwas Gutes bewirken, dann ist das in Ordnung für mich. Ich hoffe auch, dass es keine Streichung geben wird oder dass Bischöfe, die das beim Synodalen Weg beschlossen haben, jetzt wieder einknicken. Ich hoffe, dass die Bischöfe auch in den Gesprächen mit dem Vatikan, die jetzt kommen werden, zu ihrem Beschluss stehen und ihre Überzeugungen durchhalten. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin jedenfalls hat ja schon einmal Dialogbereitschaft signalisiert. Ich hoffe, dass es zu einem wirklichen Dialog kommt und die besseren Argumente überzeugen.
