Standpunkt

Nimmt die Kirche die Bartimäus-Geschichte ernst genug?

Veröffentlicht am 15.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Peter Otten – Lesedauer: 

Köln ‐ Beim Motto des Katholikentages "Hab nur Mut, steh auf!" denkt Peter Otten an Bartimäus. Ein Mann, der am Boden sitzt und übersehen wird, – bis Jesus kommt. Doch passt diese Geschichte auch zur Kirche?

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Nichts gegen den Bundespräsidenten, aber was wäre gewesen, wenn bei der Eröffnung des 104. Deutschen Katholikentages nicht er gesprochen hätte, sondern ein Bartimäus? Vermutlich hätten die Organisatoren im Vorfeld eingewendet: "Ganz so einfach ist das nicht." Der Satz stimmt meistens. Nichts ist ganz so einfach. Zum Beispiel IKEA-Möbel aufzubauen oder Tuba spielen zu lernen. Und die Menschen machen es doch.

Denn "Hab nur Mut, steh auf!" ist schon ein erstaunlicher Satz für eine Kirche. Der 104. Deutsche Katholikentag hat diesen Satz zu seinem Motto erkoren. Er ist keiner für Bedenkenträger. In der Geschichte, aus der er entnommen ist, sagt ihn keiner mit dem Gedanken im Hinterkopf: "Steh auf, sofern der Papst oder wenigstens die Bischöfe zustimmen."

In der Geschichte sitzt Bartimäus am Straßenrand. Er ist blind und offenbar daran gewöhnt, übersehen zu werden. Das kennen Menschen übrigens auch aus kirchlichen Zusammenhängen. Beispiele gibt’s genug. Das Interessante an Jesus ist aber, dass er sich von seinem Rufen stören lässt. Und stehen bleibt. Und mit ihm alle anderen aus seiner Entourage. Womit wir bei der Frage wären: Wo ist der Platz der Kirche in der Bartimäus-Geschichte? Vermutlich sieht sie sich selbst gern im Gefolge des Rabbi, der zielstrebig auf das himmlische Jerusalem zusteuert. Aber bleibt sie auch mit ihm stehen? Ich höre sie schon sagen: "Ganz so einfach ist das nicht."

Vielleicht wäre das schon eine Revolution: dass die amtliche Kirche nicht mehr hauptsächlich versucht, ihre eigene Kirchen-Ordnung zu retten. Sondern ihren Schatz wiederfindet: die Neugier auf Menschen. Die Komplizierten. Die Erschöpften. Die mit den zwei Jobs wegen der teuren Miete. Dass beim Katholikentag Betroffene sexueller Gewalt immer noch ein Podium organisieren mussten, auf dem diskutiert wurde, ob die Kirche Aufarbeitung kann oder ob es dazu den Staat braucht, ist nicht nur angesichts immer neuer Berichte, die allein aufgrund der Recherche von Journalisten ans Licht kommen ein schlechter Witz. Würde die Kirche die Bartimäusgeschichte wirklich ernst nehmen, wären die Betroffenen und alle anderen Marginalisierten längst keine Bittsteller mehr. Sondern wie Bartimäus Propheten einer neuen himmlischen Wirklichkeit.

Von Peter Otten

Der Autor

Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.