Keine Angst vor Trump: Katholikentag zeigt neue Bedeutung der Kirche

"Überrascht nicht, interessiert nicht": Mit diesen Worten wies vor gut einem Jahr der damalige Unionsfraktionsvize Steffen Bilger die Kritik der Kirchen am "Zustrombegrenzungsgesetz" zurück. Die Kirche solle sich nicht in die Politik einmischen – diese Meinung schien sich über Parteigrenzen hinweg durchgesetzt zu haben. Beim Katholikentag in Würzburg ist davon fast nichts mehr zu spüren.
Die Zeiten, in denen Politiker die Nähe von Bischöfen vermieden, weil sie ein Negativ-Image befürchteten, sind offenbar vorbei. Das liegt nicht nur an Papst Leo XIV.
Missbrauchsskandal, Mitgliederschwund, Reformstau: Die katholische Kirche hat viele Negativschlagzeilen provoziert und Vertrauen verloren. Doch in der Politik scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen: Es wäre ein großer Fehler, sie abzuschreiben. Denn die Kirche wird angesichts der großen gesellschaftlichen Krisen gebraucht. Darauf haben in Würzburg viele Politikerinnen und Politiker hingewiesen.
Verbündete im Kampf gegen Rechtsextremismus
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier machte den Anfang. In der Eröffnungsfeier lobte er das Katholikentagsmotto "Hab Mut, steh auf!". Es verdeutliche das Engagement der Christen gegen die zunehmende Weltuntergangsstimmung. Die Hoffnung der Christen, dass die Welt nicht verloren sei, werde dringend gebraucht. Staat und Kirche in Deutschland sind nach Ansicht Steinmeiers aufeinander angewiesen. "Das eine geht nicht ohne das andere."
Spitzenpolitiker wie Steinmeier und die Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU, Bayern) und Hendrik Wüst (CDU, NRW) sehen die Kirchen auch im Kampf gegen den Rechtsextremismus als Verbündete. Die Sorge treibt sie um, die AfD könnte nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September die Regierung übernehmen. Söder lobte Religion und Kirche als Bollwerke gegen antidemokratische Kräfte und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Bundeskanzler Friedrich Merz bekannte sich beim Katholikentag zu seinem katholischen Glauben und der christlichen Soziallehre.
Auf internationaler Ebene sehen viele in Papst Leo XIV. ein solches Bollwerk. Die klare Ansage, mit der er die Angriffe des US-Präsidenten Donald Trump zurückwies, hat seine Rolle als Weltgewissen gestärkt. Im Unterschied zu vielen anderen Institutionen, Unternehmen und Staaten hat die katholische Weltkirche keine Angst vor Trumps Zorn, sondern kann sich ihm durchaus wirkungsvoll entgegenstellen.
Auch die Kirche in Deutschland wertet das auf. Doch gerade weil sie als Partner für die Politik wieder wichtig ist, muss sie auch mit einer umgekehrten Einmischung leben: Mit Blick auf die rückläufige Zahl der Kirchenmitglieder befürchten manche Politiker, dass ihnen die Kirche als Partner abhandenkommen könnte, und fordern daher mutige innerkirchliche Reformen.
Kirche bietet Raum für Miteinander
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bekannte sich in Würzburg zu seinem katholischen Glauben und zur christlichen Soziallehre. Bei seiner Diskussion mit jungen Menschen ging es unter anderem um die Frage, ob Social Media verboten werden sollte, um die negativen Folgen für Jugendliche einzudämmen.
Dies ist ein weiterer Grund für die Wiederannäherung von Politik und Kirche. Immer mehr Menschen vereinsamen und verrohen in der digitalen Welt künstlicher Intelligenz, einige radikalisieren sich dort. Der Zusammenhalt der Gesellschaft leidet, wenn Menschen in der analogen Welt kaum mehr zusammenkommen. Die Kirche bietet noch viele Räume für ein solches Miteinander, in denen sich echte Menschen begegnen und sozial engagieren.
Genau das bietet auch der Katholikentag in Hülle und Fülle: Zehntausende Teilnehmer treffen sich bis Sonntag bei rund 900 Veranstaltungen. Sie ringen gemeinsam um eine bessere Kirche und Welt.