Lehrschreiben kommt am Pfingstmontag

Expertin: Erwarte deutliche KI-Kritik in Papst Leos Enzyklika

Veröffentlicht am 23.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Vatikan hat das erste Lehrschreiben von Papst Leo XIV. angekündigt. Darin soll es um Künstliche Intelligenz gehen. Was uns erwartet? KI-Expertin Anna Puzio sprach im Vorfeld mit katholisch.de darüber.

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Die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. erscheint am Pfingstmontag – und schon vor ihrer Veröffentlichung sorgt das Lehrschreiben für Aufmerksamkeit. Unter dem Titel "Magnifica Humanitas – Über den Schutz des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz" will der Vatikan ein Dokument vorlegen, das sich mit den ethischen, sozialen und politischen Folgen von KI beschäftigt. Beobachter erwarten eine deutliche vatikanischen Stellungnahme zur technologischen Entwicklung. 

Welche konkreten Inhalte die Enzyklika genau behandelt, hält der Vatikan bislang unter Verschluss. Doch vieles deutet darauf hin, dass Leo XIV. einen ausgesprochen kritischen Ton gegenüber KI anschlagen wird. Davon ist auch die KI-Expertin und Theologin Anna Puzio überzeugt. Im Vorfeld sagte sie im Gespräch mit katholisch.de, sie erwarte "eine Enzyklika, die stark von KI-Kritik geprägt sein wird". Zwar werde der Papst vermutlich auch positive Aspekte erwähnen, etwa medizinische Anwendungen, sie glaube "aber dennoch, dass es letztlich ein sehr kritischer Blick auf KI sein wird".

Hochkarätig besetzte Vorstellung

Bereits das Datum der Unterzeichnung verweist auf die Tradition katholischer Soziallehre: Leo XIV. unterschrieb die Enzyklika am 15. Mai, dem 135. Jahrestag von "Rerum Novarum", jener Sozialenzyklika von Leo XIII., mit der 1891 die moderne katholische Sozialverkündigung begann. Der Pontifex knüpft damit bewusst an die großen sozialen Debatten der Kirche an – diesmal jedoch im Zeichen künstlicher Intelligenz. Immer wieder nutzten die Päpste Jahrestage für ihre Lehrschreiben. Als Beispiele ließen sich folgende Kirchenoberhäupter nennen: Pius XI. (1922-1939) mit seinem Schreiben aus 1931, "Quadrageismo anno", und Konzilspapst Johannes XXIII. (1958-1963) mit "Mater et magistra" (1961).  

Dass der Vatikan dem Thema enorme Bedeutung zukommen lässt, zeigt auch die hochkarätig besetzte Präsentation der Enzyklika am Pfingstmontag. Neben den Kardinälen Victor Manuel Fernández des Glaubensdikasteriums und Michael Czerny vom Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, wird unter anderem Chris Olah teilnehmen, Mitgründer des KI-Unternehmens Anthropic, das innerhalb der Branche für seinen starken Fokus auf ethische Leitlinien bekannt ist. Auch die britische Sozialethikerin Anna Rowlands sowie der Theologe Leocadie Lushombo werden an der Vorstellung mitwirken. Papst Leo XIV. selbst wird die Veranstaltung mit einer Ansprache und einem Segen abschließen. 

"Soziale Frage unserer Zeit" 

Die KI-Expertin Puzio verweist auf frühere Aussagen des Papstes. Schon kurz nach seiner Wahl hatte Leo XIV. den Umgang mit KI als "soziale Frage unserer Zeit" bezeichnet. Wiederholt warnte er vor Risiken technologischer Entwicklungen und forderte dazu auf, künstliche Intelligenz kritisch zu begleiten. Besonders aufhorchen ließ, als er sich strikt dagegen ausgesprochen hatte, Predigten für den Gottesdienst von KI schreiben zu lassen. Bei einem Treffen mit Priestern seines Bistums Rom hinter verschlossenen Türen hatte er unterstrichen, dass KI nicht in der Lage wäre, den Glauben weiterzugeben. Wörtlich sagte er: "Eine echte Predigt schreiben bedeutet, den Glauben mit anderen zu teilen. Und das ist der wichtigste Teil. Die Leute wollen deinen Glauben wahrnehmen, deine Erfahrung, Christus und seine Botschaft erlebt und geliebt zu haben. Das ist etwas, was wir jeden Tag pflegen müssen."

Bild: ©Privat

Dr. Anna Puzio arbeitet als Theologin, Philosophin und Ethikerin an der University of Twente (Niederlande) und University of California in Berkeley (USA).

Für Puzio ist das bemerkenswert, weil religiöse Technologien derzeit boomen. "Während wir früher nur ein paar Bibel-Apps hatten, gibt es heute religiöse Bots wie den Martin-Luther-Bot, es gab den Jesus-Avatar im Beichtstuhl", sagt sie. Hinzu kämen KI-Modelle, die speziell auf den Katechismus oder religiöse Fragen trainiert seien. Puzio vermutet deshalb, dass der Vatikan diese Entwicklungen künftig stärker beobachten und regulieren möchte. 

Stoßrichtung erkennbar

Bereits der Titel "Magnifica Humanitas" deute auf eine klare Stoßrichtung hin. "Was man hier vermuten kann – das ist aber nur eine Vermutung –, ist auch, dass es wieder in Richtung Anthropozentrismus gehen wird", sagt Puzio. Der Mensch werde also erneut stark ins Zentrum gerückt – als Gegenpol zur Maschine. Das könne im Kontext von KI sinnvoll erscheinen, sei philosophisch und ökologisch jedoch nicht unumstritten. 

Gleichzeitig rechnet die Expertin damit, dass Leo XIV. die sozialen und ökologischen Folgen künstlicher Intelligenz betonen wird – ganz in der Tradition von Papst Franziskus (2013–2025). Themen wie globale Ungleichheit, Arbeitsbedingungen, Umweltbelastungen und Machtkonzentration bei Big-Tech-Konzernen dürften eine zentrale Rolle spielen. "Ich glaube schon, dass man wenigstens von Technikkritik sprechen kann oder sogar sehr deutlich davon", sagt Puzio. Der Papst werde den Fokus wohl "wieder zurück auf menschliche und soziale Beziehungen, auf Gerechtigkeit, die Option der Kirche für die Armen" lenken. 

Gegengewicht zu Technologie-Euphorie

Auch militärische Anwendungen von KI könnten Teil der Enzyklika sein. Die Theologin verweist zudem auf autonome Waffensysteme, Überwachungstechnologien und die politische Macht großer Datenkonzerne. KI entscheide zunehmend über Fragen von Kontrolle, Sicherheit und sogar Leben und Tod. Gerade deshalb dürften Begriffe wie Wahrheit, Freiheit und Frieden in dem Dokument eine wichtige Rolle spielen – insbesondere in einer Zeit von Deepfakes, Desinformation und gesellschaftlicher Polarisierung – wie auch in Zeiten von Big-Tech, Trumps MAGA-Bewegung oder Milliardären wie Peter Thiel.

Trotz aller erwarteten Kritik sieht die KI-Expertin aber auch eine mögliche Schwäche der vatikanischen Perspektive: "Wenn man nur von Risiken und Gefahren spricht, dann versperrt man den Blick darauf, dass man KI auch gestalten kann", warnt sie. Technologien könnten schließlich auch sinnvoll eingesetzt werden und Menschen helfen. Eine reine Warnhaltung könne deshalb zu kurz greifen. Dennoch erwartet sie, dass die Enzyklika bewusst ein Gegengewicht zur gegenwärtigen Technologie-Euphorie setzen will – auch politisch. Leo XIV. sei bisher "ziemlich strikt" gegenüber den Entwicklungen rund um Big Tech, Trumpismus und digitaler Machtkonzentration aufgetreten.  

Von Mario Trifunovic