Ordensmann soll zwischen Kirchenlagern vermitteln

Heiner Wilmer wird Bischof von Münster: Brückenbauer mit zwei Ämtern

Veröffentlicht am 21.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Michael Althaus (KNA) – Lesedauer: 

Münster ‐ Er setzt auf Dialog, geistliche Erneuerung und beharrliche Reformen: Heiner Wilmer wird Bischof von Münster und führt die Deutsche Bischofskonferenz. Eine Doppelrolle in unruhigen Zeiten.

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Wenn Heiner Wilmer am Sonntag im Sankt-Paulus-Dom als Bischof von Münster eingeführt wird, beginnt für ihn eine ungewöhnliche Doppelaufgabe. Der 65-Jährige steht dann nicht nur an der Spitze des mitgliederstärksten deutschen Bistums, sondern zugleich an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz. Somit besetzt der Ordensmann aus dem Emsland gleich zwei bedeutende Positionen in der katholischen Kirche Deutschlands.

Dabei gehört Wilmer bisher nicht zu jenen Kirchenmännern, die laut auftreten oder große Gesten pflegen. Sein Stil ist ein anderer. Er setzt auf Zuhören, Beteiligung und beharrliche Überzeugungsarbeit. Viele sehen in ihm einen Vermittler zwischen den unterschiedlichen Lagern der katholischen Kirche. Diese Rolle dürfte ihn auch an die Spitze der Bischofskonferenz geführt haben, zu deren Vorsitzenden ihn die deutschen Bischöfe Ende Februar wählten.

Auftrag mit "heiligem Ernst"

Dass er das Amt in Münster übernimmt, versteht Wilmer nach eigenen Worten auch als Auftrag des Papstes. Zwar habe ihn das Domkapitel von Münster gewählt, sagte er kürzlich. Hinter der Berufung stehe aber ausdrücklich auch Leo XIV. Der habe von der Wahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewusst, bevor er die Dreierliste mit den zu wählenden Kandidaten an das Münsteraner Domkapitel geschickt habe. "Das ist schon ein heiliger Ernst, dem ich mich nicht entziehen kann."

Wilmer gilt als reformoffen. Beim Synodalen Weg, dem Reformdialog der katholischen Kirche in Deutschland, unterstützte er sämtliche Beschlüsse in den namentlichen Abstimmungen. Dazu gehörten unter anderem Forderungen nach einer stärkeren Beteiligung von Frauen, nach einer Überprüfung des Pflichtzölibats und nach Segensfeiern für homosexuelle Paare.

Bischof Heiner Wilmer im Gespräch mit Papst Leo XIV.
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

Direkter Draht zum Papst: Seit seiner Wahl empfing Papst Leo XIV. Bischof Heiner Wilmer bereits mehrfach.

Gleichzeitig betont der neue Münsteraner Bischof immer wieder die Bedeutung der Einheit mit der Weltkirche. Reformen müssten im Rahmen des Kirchenrechts erfolgen und mit Rom abgestimmt werden. Auch deshalb trauen ihm viele zu, zwischen reformorientierten und konservativen Bischöfen zu vermitteln.

Seit seiner Wahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz hat Wilmer bereits ein persönliches Gespräch mit dem Papst geführt und die Satzung der geplanten Synodalkonferenz persönlich in Rom vorgestellt.

Vom Bauernhof an die Spitze der Weltkirche

Geboren wurde Wilmer am 9. April 1961 im Emsland. Er wuchs auf einem Bauernhof auf, spricht Plattdeutsch und erzählt bis heute gern von seiner Kindheit in der ländlichen Region. Mit 19 Jahren trat er in den Orden der Herz-Jesu-Priester (Dehonianer) ein. Er studierte Theologie und weitere Geisteswissenschaften in Freiburg, Paris und Rom und promovierte über die Mystik in der Philosophie Maurice Blondels.

Zeitweise arbeitete Wilmer als Lehrer in der New Yorker Bronx. Später leitete er das Gymnasium seines Ordens im emsländischen Handrup. 2007 wurde er Provinzial der deutschen Ordensprovinz, 2015 Generaloberer seines weltweit tätigen Ordens in Rom. Die Jahre in Italien verschafften ihm internationale Erfahrung und enge Kontakte in den Vatikan.

Bischof Heiner Wilmer im Gespräch während eines Pilgertages mit Menschen mit Behinderung
Bild: ©KNA/Michael Althaus

Nah bei den Menschen: So soll die Kirche aus Sicht von Bischof Wilmer sein.

2018 ernannte Papst Franziskus ihn zum Bischof von Hildesheim. Dort führte Wilmer eine Diözese durch schwierige Jahre mit sinkenden Mitgliederzahlen, knappen Finanzen und Missbrauchsskandalen. Zugleich suchte er nach neuen Formen kirchlichen Lebens und setzte auf Begegnungen mit Jugendlichen sowie eine stärkere Beteiligung von Laien.

Besondere Aufmerksamkeit erregte Wilmer kurz nach seinem Amtsantritt mit einer Aussage zum Missbrauchsskandal. "Ich glaube, der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche", sagte er damals. Für diese Formulierung erhielt er viel Kritik, auch aus dem Ausland. An der Grundaussage hält er bis heute fest. Machtmissbrauch sei aber kein ausschließlich kirchliches Problem, erklärte er jüngst, sondern eine Gefahr in allen Institutionen. Umso wichtiger seien Kontrolle, Transparenz und Beteiligung.

Wilmer warnt vor Extremismus

Auch gesellschaftspolitisch meldet sich Wilmer regelmäßig zu Wort. Er warnt vor Nationalismus, Extremismus und der AfD. Er wirbt für sozialen Zusammenhalt und versteht die Kirche als Anwältin der Schwachen und der Schöpfung.

Wenige Tage vor seiner Amtseinführung pilgerte Wilmer auf fünf Touren durch sein neues Bistum. Er sprach mit Schülern, Landwirten, Soldaten und Menschen mit Behinderungen und hörte zu. Für Wilmer ist das eine zentrale Erwartung an die Kirche: nah bei den Menschen zu sein. Dieser Ansatz dürfte ihn auch in seiner neuen Doppelrolle prägen.

Von Michael Althaus (KNA)