Gänswein: Tätige Reue bei Piusbrüdern nötig – Kritik am Synodalen Weg
Der Papst-Botschafter in Litauen, Erzbischof Georg Gänswein, sieht an vielen Stellen im Baltikum die ukrainische Flagge wehen. "Das ist Ausdruck einer tiefen Solidarität", sagt der gebürtige Schwarzwälder wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag im Interview. Er erklärt zudem, warum die Bischofsweihen der Piusbruderschaft ein schwerer Bruch mit der Einheit der katholischen Kirche sind – und kritisiert erneut den Synodalen Weg in Deutschland.
Frage: Herr Erzbischof, wenn Sie heute – mit etwas Abstand und auch Resonanz auf Ihr Buch – auf das Erbe Benedikts XVI. blicken: Was bleibt von diesem Papst?
Gänswein: Im kommenden April wäre Papst Benedikt 100 Jahre alt geworden. Weltweit wird deshalb an ihn erinnert werden. Was heute hilft, ist der zeitliche Abstand. Mit den Jahren erkennt man klarer, was wirklich Bestand hat. Ein wichtiger Punkt ist sein theologisches Werk. Mit dem letzten Band der Opera Omnia liegt sein gesamtes theologisches Vermächtnis vor - eine Schatzkammer für alle, die sich auf sein Denken einlassen wollen. Und dann bleibt natürlich auch der Mensch Joseph Ratzinger. Er ist oft verkannt worden. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation wurden ihm Etiketten wie "Gottes Rottweiler" oder "Panzerkardinal" angeheftet. Dieses Bild wurde später auf sein Pontifikat übertragen. Benedikt selbst sprach einmal von einer "sprungbereiten Feindseligkeit". Auch das gehört zu seinem Erbe.
Frage: Wenn Sie seine Theologie auf den Punkt bringen müssten: Was bleibt von Joseph Ratzinger als Theologen? Und was von Benedikt als Papst?
Gänswein: Ich würde beides gar nicht trennen. Es war eine einzigartige Konstellation, dass ein Theologe von dieser intellektuellen Brillanz den Stuhl Petri bestieg. Von seinem Werk bleiben sicher Bücher wie die Einführung in das Christentum oder die Jesus-von-Nazareth-Bände. Aber es gibt noch mehr theologische Perlen. Seine Werke über die Liturgie, die Kirche, das Verhältnis von Glaube und Vernunft - immer stand die Gottesfrage im Mittelpunkt - haben Maßstäbe gesetzt. Er wollte keine eigene Schule gründen, sondern Menschen den Glauben erschließen. Wer den jungen Professor, den Kardinal und den Papst liest, entdeckt einen roten Faden. Einen Bruch in seinem Denken, wie es ein bestimmtes Narrativ will, hat es nicht gegeben. Sein theologisches Schwergewicht hat das Petrusamt gestärkt.
Frage: Sie haben zunächst eng mit Benedikt XVI., anschließend mehrere Jahre mit Papst Franziskus gearbeitet. Das waren zwei sehr unterschiedliche Pontifikate.
Gänswein: Ja, auch deshalb, weil es zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten waren. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass ich bei Benedikt Privatsekretär war, bei Franziskus Präfekt des Päpstlichen Hauses. Das waren grundverschiedene Aufgaben, und selbstverständlich war auch die Zusammenarbeit eine andere. Kein Papst ist eine Kopie seines Vorgängers. Jeder bringt seine eigene Biografie, seinen Charakter und seine Art in das Amt hinein. Es gab allerdings auch persönliche Spannungen, das will und darf ich nicht beschönigen. Unterschiedliche Aufgaben, Temperamente und Erwartungen haben diese Jahre geprägt und auch meine Erfahrungen während des Pontifikats von Franziskus beeinflusst.
Lange Jahre war Gänswein Privatsekretär von emeritierte Papst Benedikt XVI.
Frage: Am Ende hatten Sie den Eindruck, kaltgestellt worden zu sein. Fühlten Sie sich abgeschoben?
Gänswein: Darüber habe ich offen gesprochen. Es fühlte sich an, als würde man den Hund vom Hof jagen, ohne wirklich zu erfahren, warum. Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht. Vielleicht spielte mein Buch eine Rolle, vielleicht auch nicht, es mag Gründe gegeben haben, die ich nicht kenne. Vielleicht war nach dem Tod Benedikts einfach der Moment gekommen, an dem es keine Rücksichten mehr gab. Ich weiß es nicht. Für mich war das eine bittere und schmerzhafte Erfahrung. Aber Franziskus war der Papst. Ich habe Papst Benedikt, der mich zum Bischof geweiht hat, und seinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam versprochen. Auch wenn einem eine Entscheidung nicht schmeckt, gehört der Gehorsam zum bischöflichen Dienst dazu. Damit muss man leben.
Frage: Wenn Sie Ihre persönliche Erfahrung ausblenden: Was bleibt von Papst Franziskus?
Gänswein: Mein Bild von Franziskus ist nicht von persönlichen Verletzungen bestimmt. Bleiben wird sicher sein Einsatz für die Menschen an den Rändern der Gesellschaft. Er sprach immer von den Peripherien – geografischen, aber nicht nur. Er wollte den Blick der Kirche dorthin lenken, wo Menschen in Armut, Not oder Ausgrenzung leben. Er brachte außerdem seine pastoralen Erfahrungen aus Argentinien und seine jesuitische Prägung in das Pontifikat ein.
Frage: Das Stichwort "Peripherie" wird also bleiben?
Gänswein: Davon bin ich überzeugt. Wenn man dieses Pontifikat auf einen Begriff verdichten wollte, dann wäre es wahrscheinlich tatsächlich die "Peripherie". Dazu gehört auch sein Einsatz für Migranten und Flüchtlinge. Die Reise nach Lampedusa war programmatisch für sein Pontifikat. Der Einsatz für Menschen auf der Flucht wird mit seinem Namen verbunden bleiben.
Frage: Sie haben inzwischen auch Papst Leo XIV. persönlich getroffen. Wie ist Ihr Verhältnis zum neuen Papst?
Gänswein: Ich habe Papst Leo im Jahr 2009 kennengelernt, als er Generalprior der Augustiner war. In seiner Zeit als Bischof in Peru verloren wir uns aus den Augen. Nach seiner Papstwahl haben wir uns bei einem Treffen der Nuntien im Juni 2025 in Rom wieder getroffen. Im vergangenen Dezember empfing er mich zur Privataudienz. Wir sind uns freundschaftlich verbunden. Ich muss allerdings ehrlich sagen: Als das Konklave begann, hatte ich ihn überhaupt nicht auf meinem Zettel.
Das Verhältnis von Georg Gänswein und Papst Franziskus galt als angespannt. Doch der Erzbischof sagt: "Mein Bild von Franziskus ist nicht von persönlichen Verletzungen bestimmt."
Frage: Rechnen Sie damit, dass Papst Leo bald Deutschland besucht?
Gänswein: Darüber weiß ich nichts. Ein neuer Papst erhält zahlreiche Einladungen aus aller Welt. Ob und wann er Deutschland besuchen wird, kann ich nicht sagen.
Frage: Ein anderes Thema: die Piusbruderschaft. Vier Bischöfe sind am Mittwoch geweiht worden. Die weihenden und neugeweihten Bischöfe wurden exkommuniziert. Wird Leo XIV. hier neue Brücken bauen?
Gänswein: Kurz vor der Weihe hatte Papst Leo in einem sehr persönlichen Schreiben an den Oberen der Piusbruderschaft gebeten, diesen Schritt nicht zu tun. Er wollte ihnen eine Brücke bauen. Dieser Versuch blieb leider fruchtlos. Wer ohne das päpstliche Mandat Bischöfe weiht, zieht sich automatisch die Exkommunikation zu. Die kirchenrechtlichen Folgen sind bekannt. Die Weihen sind zwar gültig, da aber die Betroffenen sich gegen die Einheit der Kirche versündigt und dem Nachfolger Petri, dem Garanten der kirchlichen Einheit, den Gehorsam verweigert haben, stehen sie außerhalb der vollen Gemeinschaft mit der Kirche.
Frage: Benedikt XVI. hatte 2009 noch einmal einen großen Versöhnungsversuch unternommen.
Gänswein: In der Tat. Die vier von Erzbischof Lefebvre 1988 geweihten Bischöfe hatten Reue und Umkehr gezeigt und um Aufhebung der Exkommunikation gebeten. Viele wissen nicht, was eine Exkommunikation bedeutet. Sie ist keine Strafe um der Strafe willen, sondern eine Beugestrafe. Sie soll den Menschen zur Einsicht und Umkehr führen. Wenn jemand erkennt, dass er einen schweren Fehler begangen hat, und glaubwürdig umkehrt, hat er ein Recht darauf, dass die Exkommunikation aufgehoben wird. Dass einer der vier Bischöfe, Bischof Williamson, ein Holocaust-Leugner war, wusste Papst Benedikt nicht. Das Unwetter, das über ihm ausbrach, ist bekannt.
Frage: Dann gilt das heute ebenso: Wer jetzt unerlaubt geweiht wurde, müsste tätige Reue zeigen?
Gänswein: Ja. Reue darf aber nicht nur ein innerer Akt bleiben. Wo der Bruch öffentlich erfolgt ist, muss auch die Umkehr sichtbar werden. Tätige Reue und Umkehr sind nötig. Aber davon ist im vorliegenden Fall keine Rede.
Zu den Piusbrüdern sagt Gänswein: "Tätige Reue und Umkehr sind nötig. Aber davon ist im vorliegenden Fall keine Rede."
Frage: Kommen wir zur Kirche in Deutschland. Sie haben den Synodalen Weg von Anfang an kritisch gesehen. Hat sich Ihr Urteil verändert?
Gänswein: Nein. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, was ich vom Synodalen Weg halte. Ausgangspunkt war die Frage, welche Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal zu ziehen sind. Aus dieser Absicht ist etwas anderes entstanden. Das ursprüngliche und eigentliche Anliegen kam abhanden.
Frage: Inwiefern?
Gänswein: Papst Franziskus hat den deutschen Katholiken damals einen bemerkenswerten Brief geschrieben, der klare Aussagen machte über Ziel und Inhalt einer Erneuerung des kirchlichen Lebens. Die Bischöfe haben diese Schreiben öffentlich gelobt – nur haben sie es leider nicht ernst genommen. Franziskus hat vorgeschlagen, den Schwerpunkt auf die Evangelisierung zu legen. Stattdessen drehte sich die Debatte immer stärker um Strukturen, Gremien und Machtfragen. Es folgten zahlreiche Gespräche mit Rom. Fragt man heute, was am Ende tatsächlich erreicht wurde, fällt die Bilanz bedrückend aus.
Frage: Sie würden also sagen: viel Aufwand, wenig Ertrag?
Gänswein: Es wurden viele Kräfte vergeblich gebunden. Wenn ich heute mit gläubigen Katholiken spreche, höre ich oft: Das interessiert mich nicht. Die Menschen wollen den Glauben leben, sie suchen nach Orientierung und nach Gott. Genau darum müsste es gehen.
Frage: Sie leben inzwischen im Baltikum. Der Krieg in der Ukraine prägt dort den Alltag. Wie erleben Sie das?
Gänswein: Man muss zunächst verstehen, welche Geschichte diese Länder haben. Litauen, Lettland und Estland konnten sich erst 1991 aus der sowjetischen Unterdrückung befreien. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich das Sicherheitsgefühl sehr verändert. Überall in den baltischen Staaten sieht man die ukrainische Flagge wehen. Das ist Ausdruck einer tiefen Solidarität. Die Menschen hier wissen aus eigener Erfahrung, was sowjetische Knechtschaft bedeutet. Deshalb nehmen sie die Bedrohung durch Russland sehr ernst.
Frage: Das prägt den Alltag?
Gänswein: Ja. Die Sorge um den Erhalt des Friedens gehört zum täglichen Leben. Litauen grenzt zwar an Belarus und nicht direkt an Russland, abgesehen von der russischen Enklave Kaliningrad. Aber niemand macht sich Illusionen. Deshalb ist die Frage, ob sich der Krieg nach Westen ausdehnen könnte, bei den Menschen im Baltikum keine abstrakte Frage, sondern eine reale Sorge.
Im September 2024 übergab Erzbischof Georg Gänswein Litauens Präsident Gitanas Nauseda sein Beglaubigungsschreiben als Apostolischer Nuntius für Estland, Lettland und Litauen. Damit trat er sein Amt im Baltikum offiziell an.
Frage: Haben Sie eine Vorstellung, wie lange der Krieg Russlands gegen die Ukraine noch dauern könnte?
Gänswein: Das vermag niemand seriös vorherzusagen. Ein großer Unsicherheitsfaktor ist die amerikanische Politik. Gleichzeitig sieht man, dass die Ukraine Russland durch ihre Drohnenangriffe militärisch und wirtschaftlich zunehmend unter Druck setzt. Ich hoffe von Herzen, dass dieser Krieg bald endet - und zwar mit einem dauerhaften, gerechten Frieden.
Frage: Deutschland stationiert eine Brigade in Litauen. Haben Sie mit den Soldaten zu tun?
Gänswein: Natürlich. Als Nuntius habe ich viele Kontakte, besonders zur Militärseelsorge. Vor kurzem hat die katholische Militärseelsorge in Vilnius ein eigenes Büro und eine Begegnungsstätte eröffnet. Immer mehr Soldaten kommen mit ihren Familien nach Litauen. Für die Litauer ist das ein wichtiges Zeichen. Dass Deutschland heute Verantwortung für die Sicherheit an der Nato-Ostflanke übernimmt, wird sehr geschätzt.
Frage: Wie sieht Ihr Alltag heute als Nuntius aus?
Gänswein: Der Nuntius ist Vertreter des Heiligen Stuhls gegenüber dem Staat. Deshalb gehören Begegnungen und Gespräche mit staatlichen Institutionen, mit Regierungsmitgliedern, Parlamentariern, Universitäten und kulturellen Einrichtungen zum Alltag. Gleichzeitig ist der Nuntius Bindeglied zwischen Rom und der katholischen Kirche, vor allem den Bischöfen. Ich nehme an den Plenarsitzungen der Bischofskonferenz teil und suche auch die direkte Begegnung, wo immer es möglich ist. Mir ist wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
Frage: Litauen gilt als sehr katholisch. Wie lebendig ist der Glaube?
Gänswein: Rund 80 Prozent der Bevölkerung sind katholisch. Erfreulich finde ich, dass in vielen Gemeinden 30 bis 40 Prozent regelmäßig am Gottesdienst teilnehmen. Das ist für europäische Verhältnisse beachtlich. Man sieht gottlob viele junge Gesichter und junge Familien. Natürlich zeigen sich die Herausforderungen der Säkularisierung auch im Baltikum. Die Seelsorger bemühen sich mit großem Einsatz, Menschen für den Glauben zu gewinnen und Hoffnung zu vermitteln.
Frage: Wie oft schaffen Sie es noch in die Heimat?
Gänswein: Leider nicht oft. Meine Arbeit führt mich regelmäßig durch die baltischen Staaten. Das Reisen gehört inzwischen auch zu meinem Alltag.
