Petrusbruderschaft: Piusbrüder trennen Tradition vom Lehramt

Wie schon 1988 hat die Priesterbruderschaft St. Pius X. vergangene Woche unerlaubt Bischöfe geweiht; wie damals bestätigte der Vatikan die Exkommunikation des Weihespenders und der Geweihten. 1988 wollten einige Priester den Bruch mit Rom nicht mittragen. Daraus entstand die Priesterbruderschaft St. Petrus. Diese feiert zwar wie die Piusbruderschaft die Liturgie in der vorkonziliaren Form. Doch sie steht in voller Gemeinschaft mit der Kirche. Einer ihrer Priester ist Pater Sven Conrad, Dozent für Liturgik und Dogmatik am Priesterseminar Wigratzbad und Präsident des akademischen Rates der Gemeinschaft. Er erklärt im katholisch.de-Interview, wie die Petrusbruderschaft auf das erneute Schisma der Piusbrüder blickt – und wie sie Tradition versteht.
Frage: Pater Conrad, die Bischofsweihen der Piusbruderschaft haben stattgefunden – der Vatikan hat die Exkommunikation der Geistlichen der Gemeinschaft festgestellt. Inwiefern hatten Sie Hoffnung, dass die Piusbruderschaft doch noch kurzfristig von ihrem Vorhaben abrückt?
P. Conrad: Der Heilige Stuhl hat diesmal eine ausdrücklich weitreichendere Exkommunikation festgestellt als 1988. Die gesamte Gemeinschaft als solche ist nun als schismatisch zu betrachten. Das drückt auch aus, wie sehr sich der durch Erzbischof Lefebvre begonnene Weg der Trennung von der katholischen Kirche verfestigt hat und nun zu einem gewissen Abschluss gekommen ist. Insofern hatte ich bereits vorher kaum Hoffnung, dass die Gemeinschaft von ihrem Schritt doch noch absehen würde.
Frage: Wie blicken Sie generell auf das Vorgehen der Piusbruderschaft seit der Ankündigung der Weihen? Kardinal Fernández wollte ihr zunächst sehr weit entgegenkommen, doch sie hat das Angebot unmittelbar ausgeschlagen.
P. Conrad: Es ist sehr zu bedauern, dass die Piusbruderschaft die doch deutlich geäußerten Angebote zu weiteren Lehrgesprächen ausgeschlagen hat. Selbst von deren Standpunkt her hätte man die illegitimen Bischofsweihen ja auch etwas verschieben können. In einer der Stellungnahmen, die als Antwort an Kardinal Fernández ergangen ist, gibt die Gemeinschaft allerdings offen zu, dass derzeit keine Übereinkunft in Lehrfragen gefunden werden könne. Hier scheint mir die eigene Position von vornherein unveränderlich absolut gesetzt. Diese Trennung in der Lehre ging der Trennung durch die Weihe voraus.
Der Weg der Trennung der Piusbruderschaft von der Kirche habe sich mit den erneuten unerlaubten Bischofsweihen verfestigt und sei nun zu einem gewissen Abschluss gekommen, sagt Pater Sven Conrad.
Frage: Ihre Gemeinschaft ist einst aus der Piusbruderschaft heraus entstanden – sprich aus Geistlichen, die den Entscheidungen des Zweiten Vatikanums zumindest kritisch gegenüberstanden. Wie würden Sie inzwischen den Blick der Petrusbruderschaft auf das Konzil beschreiben?
P. Conrad: Das letzte Konzil ist Teil des gesamten Magisteriums der Kirche und als solches auch positiv zu würdigen. In unseren Vorlesungen wird die Theologie des Konzils selbstverständlich berücksichtigt. Unterscheiden muss man aber in manchen Punkten, was das Konzil wirklich gelehrt hat, und wie es umgesetzt wurde. Wie Papst Benedikt. XVI. gesagt hat, muss man hier oft zum Buchstaben des Konzils zurückgehen, um die wahre Absicht zu erkennen. Dann könnte und müsste man manche Umsetzung auch korrigieren. Ich verweise hier zum Beispiel auf Aspekte der Liturgiereform, die in vielen Punkten deutlich von der Liturgiekonstitution des Konzils abweicht.
Frage: Können Sie ein Beispiel nennen?
P. Conrad: Die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium 36 lehrt: "Der Gebrauch der lateinischen Sprache soll in den lateinischen Riten erhalten bleiben, soweit nicht Sonderrecht entgegensteht." Gemeint ist vor allen Dingen der Römische Ritus. Allerdings hat die Liturgiereform zu einer völligen Übertragung der Liturgie in die Volkssprache geführt, was selbst bei großzügiger Gewährung der Volkssprache durch das Konzil so niemals gedacht war.
Frage: Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück spricht davon, dass die Piusbruderschaft die Tradition engführe auf die Zeit von Gregor XVI. und Pius XII., also von den 1830ern bis zu den 1950ern. Wie beurteilen Sie diese Einschätzung – und was bedeutet Tradition für Sie?
P. Conrad: Es ist ganz erstaunlich, wie sich hier die Extreme berühren. Auch Hubert Wolf spricht, von einer ganz anderen Seite her kommend, für die Zeit um das Erste Vatikanische Konzil herum bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts von der Erfindung des Katholizismus. Das zeigt, welche Spannungen sich bis heute gerade aus den damaligen Konflikten ergeben. Man kann aber die Tradition nicht auf eine Phase der Kirchengeschichte eingrenzen. Das Zweite Vatikanische Konzil betont zur Lehrüberlieferung zurecht den engen Konnex zwischen Tradition, Heiliger Schrift und Lehramt (vgl. DV 9). Diesen Bezug reißt die Piusbruderschaft auseinander, aber auch manche moderne Konzepte.
Kommen Geistliche der Piusbruderschaft, die den Weg ins Schisma nicht mitgehen wollen, nun zur Petrusbruderschaft? Die nächsten Wochen werden das zeigen, sagt Pater Sven Conrad.
Frage: Oft werden Sie genauso wie die Piusbruderschaft als "traditionalistisch" bezeichnet. Finden Sie sich in dieser Bezeichnung wieder?
P. Conrad: Leider werden wir auch nach 40 Jahren von manchen innerhalb der Kirche immer noch als theologisch und kirchenpolitisch identisch mit der Piusbruderschaft betrachtet. Erst kürzlich wurde ich etwa im Anliegen, in einer bestimmten Kirche mit Gläubigen aus Anlass eines Ausflugs die Messe zu feiern, zurückgewiesen. Dies geschieht trotz vieler Veröffentlichungen unsererseits, die klar zeigen, dass wir das Zweite Vatikanische Konzil im Lichte der gesamten Tradition der Kirche annehmen. Und das führt auch zur direkten Beantwortung Ihrer Frage. Es geht um die gesamte Tradition, zu der eben auch die Kirche von heute und das Lehramt von heute gehören. Traditionalismus hingegen ist eine Ideologie geworden. Am Anfang stand eine wichtige Überzeugung: Das Lehramt von heute richtet sich nicht kontradiktorisch zur gesamten Tradition. Die Ideologie nun trennt die Tradition vom aktuellen Lehramt und verurteilt es. Insofern bin ich mit der erwähnten Klassifizierung alles andere als glücklich. Fairerweise muss man hinzufügen, dass manche moderne Abweichung von der katholischen Lehre die Piusbruderschaft in ihrer Sicht der Dinge bestätigt. Deswegen hat schon Papst Johannes Paul II. aus Anlass der Bischofsweihen von 1988 dazu aufgerufen, die eigene Treue zur Tradition zu reflektieren.
Frage: Rechnen Sie jetzt mit mehr Zulauf von Mitgliedern der Piusbrüder, die den Weg ins Schisma nicht mitgehen wollen? Und auch mit mehr Messbesuch traditionsverbundener Katholiken bei Ihnen?
P. Conrad: Das werden die nächsten Wochen zeigen. Es ist natürlich zu hoffen, dass manche den Weg ins Schisma nicht mitgehen. Aber ich fürchte, die soziale "Bubble" ist schon zu gefestigt.
Frage: Der Vatikan hat sich nach den jetzigen Bischofsweihen der Piusbruderschaft so konsequent wie nie gegenüber der Gemeinschaft geäußert. Sehen Sie jetzt noch einen möglichen Weg der Versöhnung?
P. Conrad: Man sollte unbedingt immer versuchen, Gesprächskanäle wieder zu eröffnen und offen zu halten. Die ganze Sache hat ja auch eine große Tragik. Papst Benedikt XVI. hat mit Blick auf die Piusbruderschaft auch immer die Großkirche in Verantwortung gerufen.
Frage: Was können die Piusbrüder von Ihnen lernen?
P. Conrad: Die Gründer unserer Gemeinschaft und die Petrusbruderschaft als Ganze haben in entscheidenden Situationen, auch dann wenn es schwierig war, schlicht auf Gott und die Kirche vertraut. Das galt auch, als Papst Franziskus die traditionelle Form der Liturgie wieder eingeschränkt hatte. Das Vertrauen wurde letztlich aber belohnt. Papst Franziskus war väterlich und unterschrieb ein Dekret, das uns diese Liturgie erneut bestätigte. Ein solches Vertrauen wünsche ich denen, die meinen, sich nun gegen den Papst stellen zu müssen.