Was steht hinter dem Konflikt?

Tück über Piusbruderschaft: Ein quasi eingefrorener Traditionsbegriff

Veröffentlicht am 29.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Wien ‐ Alle Dialogversuche sind gescheitert: Die Piusbrüder steuern auf das Schisma zu. Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück erklärt im katholisch.de-Interview die Wurzeln des Streits um das Zweite Vatikanum.

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Die angekündigten unerlaubten Bischofsweihen der Piusbruderschaft sind eine neue Eskalationsstufe im Konflikt zwischen der Gemeinschaft und Rom. Um den Konflikt zu verstehen, muss man seine Vorgeschichte kennen. Dabei geht es um viel mehr als nur um die Frage nach der richtigen Form der Liturgie – theologisch geht es ums Ganze, erläutert der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück im Interview mit katholisch.de: die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils und seiner Öffnung zur Welt, zu anderen christlichen Gemeinschaften und zu den nichtchristlichen Religionen.

Frage: Professor Tück, bei der Piusbruderschaft fällt zuerst die Feier der vorkonziliaren Liturgie ins Auge. Ist das aber auch der Kern des Streits?

Tück: Der Kern des Streits ist nicht die Liturgie, es sind die Reformen des Zweiten Vatikanums. Hier zeigt die Piusbruderschaft eine hartnäckige Verweigerungshaltung, wie zuletzt auch ihre "Glaubenserklärung" gezeigt hat. Die Liturgiekonstitution hatte Lefebvre anfänglich sogar begrüßt, die Kritik richtete sich an die Umsetzung der Liturgiereform. Hier hat er sehr scharf eine von ihm konstatierte Abschwächung des Opfercharakters der Eucharistie und die Änderung der Zelebrationsrichtung bemängelt. Lefebvre sprach von einer "Einführung der Luthermesse". Das ist natürlich eine polemische Verzeichnung des echten Anliegens der Liturgiereform.

Frage: Marcel Lefebvre selbst, der Gründer der Piusbruderschaft, hatte aber nach dem Konzil zunächst noch die Übereinstimmung mit Papst Paul VI. gesucht.

Tück: Ja, er hat alle Konzilsdokumente unterzeichnet, um in Übereinstimmung mit dem Papst zu bleiben. Interessant ist die Korrespondenz zwischen Paul VI. und Lefebvre. Der Papst hat Lefebvre damals schon vorgeworfen, dass er sich anmaße, Hüter der Tradition zu sein, dabei komme das ja ihm, dem Papst, zu. Paul VI. hatte klar analysiert, dass Lefebvre einen quasi eingefrorenen Traditionsbegriff vertritt, der nur ein Segment der Tradition anerkennt, während das Konzil auf die Quellen von Schrift, Liturgie, Kirchenvätern und scholastischer Theologie zurückgegangen ist, um eine Erneuerung zu bewirken. Das alles hat Lefebvre nicht überzeugt. Das scheint mir heute ein Schlüssel zur Deutung des Konflikts zu sein: Dass Lefebvre und mit ihm die Piusbruderschaft die Tradition engführt auf die Zeit von Gregor XVI. und Pius XII., also von den 1830ern bis zu den 1950ern. Dass es davor oder danach etwas gibt, das zur integralen Tradition der Kirche gehört, wird ausgeblendet. Hans Urs von Balthasar hat einmal sehr scharf gesagt, dass der Integralismus die integrale Tradition verletzt, indem er im Namen von Gestern das Band zum Heute abschneidet und sich damit selbst diskreditiert.

Bild: ©Privat (Archivbild)

Jan-Heiner Tück ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Wien. Am 29. Juni erscheint sein Buch "Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte" im Verlag Herder (224 Seiten, 24 Euro).

Frage: Die angebliche Protestantisierung der Kirche durch das Konzil ist die eine große Kritiklinie. Die andere ist der Vorwurf, dass mit dem Konzil die Ideale der französischen Revolution in die Kirche Einzug gehalten hätten. Warum ist die französische Revolution für Lefebvres Kritik so zentral?

Tück: Hier muss man zunächst den französischen Kontext von Lefebvre beachten: Der französische Laizismus war in seiner Kindheit und Jugend und während seines Studiums die Kontrastfolie für das wahrhaft Katholische. Die strikte Trennung von Kirche und Staat, die bis hin zu Formen eines antiklerikalen und antikirchlichen Denkens übersteigert wurde, war das, was er bekämpfen wollte. Der Katholizismus in Frankreich hat auch anders als bei uns die Aspekte der Verfolgung und Ermordung von Priestern und anderen Gläubigen während der Revolutionszeit noch vor Augen. Diese Traumata im kollektiven Gedächtnis in Teilen des französischen Katholizismus muss man beachten, um seine Kritik einordnen zu können. Lefebvre hatte den Eindruck, dass sich die Agenda der französischen Revolution wie ein trojanisches Pferd in die Konzilsaula eingeschlichen hatte. Unter den Leitbegriffen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sah er die hierarchische Verfassung der Kirche mit dem Papst an der Spitze unterwandert. Das ist der Grundtenor seiner Kritik, und alle drei Schlagworte können durch bestimmte Reformanliegen konkretisiert werden.

Frage: Die Gegenüberstellung wirkt zunächst plausibel: Anerkennung der Religionsfreiheit steht für Freiheit, die Kollegialität der Bischöfe und das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen für Gleichheit, die ökumenische und interreligiöse Öffnung für Brüderlichkeit. Waren die französischen Ideale also tatsächlich handlungsleitend für das Konzil?

Tück: Nein, die Reformen des Konzils sind durch kirchliche Erneuerungsbewegungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts vorbereitet worden. Was Lefebvre als "revolutionären Akt" bemängelt hat, war etwas anderes. Gleich bei der ersten Generalversammlung intervenierten die Kardinäle Josef Frings und Achille Liénart, die Konzilsväter sollten selbst bestimmen, wer in welche Kommission geht. Die Bischöfe wurden so selbst zu Akteuren des Konzils und weigerten sich, die von der Vorbereitungskommission erstellten Schemata einfach abzusegnen. Die in den vier Sitzungsperioden zwischen 1962 und 1965 erarbeiteten Konzilsdokumente unter die Leitworte der französischen Revolution zu stellen, war eine nachträgliche Stilisierung. Lefebvre ist ein Meister der Rhetorik der Differenz: Er hat seine Kritik ausgesprochen gut in sehr plakative Formeln gebracht.

Porträt von Erzbischof Marcel Lefebvre, Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X.
Bild: ©KNA (Archivbild)

Erzbischof Marcel Lefebvre nahm am Zweiten Vatikanischen Konzil teil und unterschrieb zunächst seine Beschlüsse. 1969 gründete er die Piusbruderschaft, die sich immer weiter von der Gemeinschaft mit Rom entfernte. Für Lefebvre gipfelte das in seiner Exkommunikation nach unerlaubten Bischofsweihen, die er 1988 spendete.

Frage: Lefebvre kritisiert, dass die Konzilsväter sich selbst ermächtigt haben, das Konzil zu steuern. Zugleich ist er selbst ein Bischof, der auf seine eigene Einsicht, sein eigenes Verständnis pocht und sich so selbst ermächtigt, den Papst und die Kirche zu korrigieren. Wie ist dieser Selbstwiderspruch zu erklären?

Tück: Es gibt eine ganze Reihe von Selbstwidersprüchen in den Schriften und im Handeln von Lefebvre. Einerseits will er die Autorität des Papstes gegen den Gedanken der Kollegialität der Bischöfe geschützt wissen. Andererseits torpediert er selbst genau diese Autorität, indem er sich als Bischof selbst ermächtigt, gegen den Willen des Papstes Bischöfe zu weihen. Der hl. Papst Pius X., auf den sich die Piusbruderschaft beruft, hat einmal gesagt: "Wer heilig ist, kann mit dem Papst nicht uneins sein." Das spielt für Lefebvre keine Rolle. Er hat in einem Akt des Ungehorsams die Autorität des Papstes beschädigt, einen Keil in die Gemeinschaft der Bischöfe getrieben und den verheerenden Eindruck lanciert, es gebe nun zwei Katholizismen: den vorkonziliaren und den nachkonziliaren, als würde das gestern und heute der Kirche nicht zusammenhängen. In der Priesterbruderschaft St. Pius ist das Narrativ leitend, dass das "neomodernistische" Rom habe sich vom "ewigen Rom" abgekehrt, und das ließe sich nur korrigieren, wenn das heutige Rom nach Écone pilgert und Abbitte für seine modernistischen Verwässerungen des Glaubens leistet.

Frage: Zuletzt hatte der Glaubenspräfekt, Kardinal Víctor Manuel Fernández, einen Dialogversuch gestartet. Nach dem Gespräch mit dem Generaloberen der Piusbruderschaft war die Rede davon, dass Rom zu einem Dialog über unterschiedliche Grade der Zustimmung zu verschiedenen Dokumenten des Konzils bereit wäre. Die Piusbruderschaft hat dieses Angebot schnell ausgeschlagen. Wie hätte so ein Dialog aussehen können? Geht das überhaupt, das Konzil mit einer abgestuften Verbindlichkeit anzunehmen?

Tück: Ich selbst bin der Auffassung, dass das nicht geht: Wer die Erklärungen und Dekrete des Konzils zur Disposition stellt, stellt zugleich auch die Grundlagen für diese Dokumente, nämlich die dogmatischen Konstitutionen, in Frage. Umgekehrt muss man natürlich zunächst formal feststellen, dass das Konzil selbst eine Abstufung in den verschiedenen Gattungen seiner Dokumente vorgenommen hat, indem es zwischen Konstitutionen, Dekreten und Erklärungen unterscheidet. All die Öffnungen, die in den Dekreten und Erklärungen stehen, und die von der Piusbruderschaft so vehement abgelehnt werden – die Religionsfreiheit, der Ökumenismus, das Verhältnis zum Judentum – sind aber in den dogmatischen Konstitutionen grundgelegt. Der Vorschlag des Glaubenspräfekten ist daher etwas fragwürdig, weil er die Wirkungsgeschichte des Konzils in den letzten 60 Jahren ausblendet. Die ökumenische Öffnung, der jüdisch-christliche Dialog, die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit und damit das Ja zum liberalen Rechtsstaat sind für die Kirche indispensabel. Wer diese Errungenschaften jetzt antastet, wird nicht nur in der säkularen Öffentlichkeit großen Protest riskieren. Da bin ich ganz auf der Seite von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der schon als Präfekt der Glaubenskongregation glasklar war: Ohne restlose Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt es keine Einigung. Die offenen Fragen, die im Raum stehen, können nur geklärt werden, wenn man sich über die ökumenische Öffnung, das Verhältnis zum Judentum und zur Religions- und Gewissensfreiheit verständigt – aber die Piusbruderschaft eine Klärung der doktrinalen Differenzen gleich für "unmöglich" erklärt. Das war für mich sehr erstaunlich, denn Fernández ist der Piusbruderschaft weiter entgegengekommen als seine Vorgänger im Amt, aber sein Angebot wurde trotzdem umgehend abgelehnt.

Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums (links), und Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X. (rechtsaußen)
Bild: ©Pressebild Dikasterium für die Glaubenslehre (Archivbild)

Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums, und Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X., nach ihrem Gespräch im Februar 2026 – das dabei unterbreitete Dialogangebot wurde umgehend durch die Piusbruderschaft ausgeschlagen.

Frage: Haben die Piusbrüder da vielleicht verstanden, dass sie ihren großen Erfolg vor allem aus ihrem Rebellenstatus ziehen, und dass es ohne diesen Rebellenstatus überhaupt keine Grundlage mehr für ihr Fortbestehen gäbe?

Tück: Die Piusbruderschaft wäre jedenfalls nicht mehr die Piusbruderschaft, wenn sie unter das Dach der katholischen Kirche zurückkäme.

Frage: Nach dem Scheitern des Dialogversuchs scheint die Strategie zu sein, die Instrumente zu zeigen: Wenn die Weihen kommen, dann ist das Schisma vollendet – mit allen Konsequenzen, die das Kirchenrecht dafür vorsieht. Dann kommt die Exkommunikation.

Tück: Es war richtig, dass Kardinal Fernández in einem Monitum noch einmal daran erinnert hat, was geschieht, wenn Bischofsweihen ohne apostolisches Mandat gespendet werden. Durch den Akt des Ungehorsams gegen den Papst ziehen sich die Akteure, sowohl die Spender als auch die Empfänger, automatisch die Exkommunikation zu. Das römische Lehramt wird das als "schismatischen Akt" kennzeichnen. Das steht in Kontinuität zu Papst Johannes Paul II., der 1988 genauso umgehend die damaligen Weihen durch Lefebvre als schismatischen Akt benannt hatte. Diese Kontinuität und Klarheit ist wichtig, weil es innerhalb der Kirche auch wohlwollende Stimmen den Piusbrüdern gegenüber gibt. Denken Sie an Weihbischof Athanasius Schneider, der Papst Leo XIV. empfohlen hat, die Weihen ohne jegliche Auflagen zu erlauben. Seine Begründung: Die Piusbrüder seien Hüter der katholischen Wahrheit, die im Sinne einer Korrektur nachkonziliarer Entwicklungen auch für die innere kirchliche Debattenlage produktiv einzubringen sei.

Frage: Trägt das Argument?

Tück: Nein, es geht ja nicht nur um mögliche Fehlentwicklungen, sondern um zentrale Fragen. Eine vorbehaltlose Anerkennung der Piusbruderschaft würde zu einer widersprüchlichen Theologie führen. Man kann nicht gleichzeitig sagen, die Juden haben zum einen jede heilsgeschichtliche Relevanz verloren und sind sogar heute noch des Gottesmordes mitschuldig, und zum anderen mit "Nostra Aetate" und Papst Johannes Paul II. sagen, dass sie wurzelhaft mit uns als Kirche verbunden sind und im ungekündigten Bund stehen. Man kann nicht auf der einen Seite sagen, es braucht einen katholischen Staat à la Franco und Pinochet, um die Wahrheit durch staatliche Mittel durchzusetzen, und auf der anderen Seite, dass die Kirche die liberale Rechtskultur anerkennt und die Bezeugungsmöglichkeiten für den Glauben nutzt, die ihr innerhalb des säkularen Staates gegeben sind. Man kann nicht sagen, dass die Nicht-Katholiken "Schismatiker" und "Häretiker" sind und ihnen zugleich auf Augenhöhe als getrennten Brüdern und Schwestern begegnen. Es ist daher nur konsequent, dass die unerlaubten Weihen, wenn sie stattfinden, klare Verhältnisse nach sich ziehen.

Frage: Dann aber mit der Konsequenz, dass das lange schwelende Schisma auch klar benannt ist und nicht mehr wie bisher vornehm beschwiegen wird.

Tück: Ein Schisma muss nicht unbedingt ein Schisma bleiben. Realistisch betrachtet wird sich die hartnäckige Weigerungshaltung im Blick auf das Konzil bei den Piusbrüdern nicht ändern. Aber es bleibt die Hoffnung, dass jene Mitglieder der Piusbruderschaft, die nicht bereit sind, diesen Weg ins Schisma mitzugehen, wieder in die volle Gemeinschaft mit der Kirche zurückfinden, etwa in die Petrusbruderschaft. Die Petrusbruderschaft ist ja 1988 von denen gegründet wurden, die den Weg Lefebvres ins Schisma nicht mitgehen wollten. Es kann natürlich sein, dass eine solche Abwanderung aufgrund der langjährigen Prägung der meisten Piusbrüder nicht sehr wahrscheinlich ist. Warten wir es ab.

Darstellung einer Sitzung des Ersten Vatikanischen Konzils
Bild: ©Karl Benzinger/Public Domain

Das Erste Vatikanische Konzil wurde von Papst Pius IX. einberufen und am 8. Dezember 1869 eröffnet. Mit der Konstitution "Pastor Aeternus" verkündete das Konzil am 18. Juli 1870 die Dogmen des Jurisdiktionsprimats und der Unfehlbarkeit des Papstes.

Frage: Sie sehen wieder die Gefahr der Entstehung einer Parallelkirche: Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil bildete sich die alt-katholische Kirche. Die Alt-Katholiken haben sich aber aufgrund der Papst-Dogmen abgespalten und können heute für sich gut Kirche ohne Papst sein. Die Piusbruderschaft hat dagegen gerade keine Probleme mit dem Ersten Vatikanum, sie braucht den Papst und bezieht sich auf ihn. Wie kann dann eine Parallelkirche entstehen?

Tück: Der formale Vergleichspunkt ist in beiden Fällen der Verweis auf die Tradition. Nach dem Ersten Vatikanum haben die Akteure der späteren alt-katholischen Kirche die Papstdogmen im Namen der bisherigen Lehrtraditionen abgelehnt. Das führte dann zur Abspaltung. Die Piusbruderschaft lehnen ebenfalls im Namen "der" Tradition das Zweite Vatikanische Konzil und die nachkonziliaren Entwicklungen ab. Bei den Piusbrüdern zeigt sich dadurch ein gewisser Widerspruch, dass sie in Verbindung mit dem Papst bleiben wollen, gegen den sie zugleich rebellieren. Sie kennen den Satz: "Ubi Petrus, ibi ecclesia." Wo Petrus ist, da ist die Kirche. Daher nennen sie auch den Namen des Papstes im Hochgebet, auch haben sie Leo XIV. ja ausdrücklich um die Erlaubnis für die Bischofsweihen gebeten. Das zeigt, dass sie in Einheit mit Nachfolger Petri bleiben möchten. Aber zugleich setzen sie sich in einem emanzipatorischen Akt über das fehlende apostolische Mandat hinweg, da der Papst vermeintlich im Widerspruch zum ewigen Rom steht. Sie würden dem Papst folgen, wenn er genauso denkt wie sie. Das ist die Hybris des Traditionalismus. Aus meiner Sicht besteht nun die Gefahr, dass die Piusbruderschaft eine bischöflich verfasste Parallelkirche konstituiert, die sich von Rom abkoppelt.

Frage: Gibt es trotz alledem noch Hoffnung? Was wäre ein Szenario, in dem es zur Aussöhnung käme?

Tück: Ein Szenario der Aussöhnung wurde schon einmal durchgespielt: Papst Benedikt XVI. hatte gehofft, dass er mit der wörtlichen Übersetzung des Kelchwortes "pro multis" mit "für viele", durch die Freigabe der Feier der vorkonziliaren Liturgie mit dem Motu Proprio "Summorum Pontificum" und die Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruderschaft eine Rückkehr in die volle Gemeinschaft bewirken könne. Er hatte sich erhofft, durch dieses großzügige Angebot auch eine Klärung der doktrinellen Differenzen anbahnen zu können. Er wollte den Piusbrüdern zeigen, dass sich Tradition nicht einfrieren lässt. Ein auf Unveränderlichkeit pochendes Traditionsverständnis verzeichnet die Tradition. Selbst ein Dogma wie "Außerhalb der Kirche kein Heil" hat lange vor dem Zweiten Vatikanum bereits durch das Lehramt Öffnungsmodifikationen erhalten, die man sehen und anerkennen muss, um die Fortschreibung des Konzils gutheißen zu können. Umgekehrt hat es in der nachkonzilialen Debatte über das Ziel hinausschießende Reform-Avantgardisten gegeben, die unter Berufung auf den Geist des Konzils über den Buchstaben seiner Texte hinausgegangen sind. Diese Positionen, die das Lehramt selbst immer wieder versucht hat einzuhegen, werden von den Traditionalisten oft als Grund für ihre Abkehr vom Konzil angeführt. Um zur Einheit zurückzukehren, braucht es einen längeren diskursiven Prozess – der aber von den Traditionalisten eine Gesprächsbereitschaft verlangt, die abrückt von einer kompromisslosen Reformablehnung. Lefebvres Polemik gegen "Bastardpriester", die "Bastardmessen" feiern, in denen "Bastardsakramente" gespendet werden, macht ein Gespräch schwer möglich. Da braucht es zuerst eine verbale Abrüstung, um überhaupt weiterzukommen. Realistisch betrachtet, wird der 1. Juli zunächst einen weiteren Eklat bringen. Ob es dann noch einmal eine Chance für Klärungen gibt? Wir werden es sehen. Man kann dem Heiligen Geist, den Kardinal Schönborn einmal den "Meister des Unmöglichen" genannt hat, nicht vorgreifen.

Von Felix Neumann