Vorbild Dominikanerorden

Theologe: Synodalität und Demokratie schließen sich nicht aus

Veröffentlicht am 08.07.2026 um 11:05 Uhr – Lesedauer: 

Wien/Berlin ‐ Demokratie kann nach Auffassung des Dominikaners Ulrich Engel eine kirchliche Lebensform sein. Der Theologe wendet sich gegen die verbreitete Gegenüberstellung von Synodalität und Demokratie.

  • Teilen:

Der Theologe und Dominikaner Ulrich Engel sieht keinen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Synodalität und Demokratie im kirchlichen Leben. "Ich habe Zweifel: Ist Demokratie tatsächlich auf die Form begrenzt, während Synodalität auf (Glaubens-)Inhalte zielt?", schreibt Engel in einem Beitrag für das theologische Feuilleton "feinschwarz.net" (Mittwoch). "Können sich synodale Entscheidungsprozesse pneumatologisch rechtfertigen, während die demokratische Entscheidungsfindung bloß der faktischen Macht beliebiger Mehrheiten folgt?"

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Weihnachtsansprache von Papst Franziskus (2013–2025) an die Mitglieder der Römischen Kurie aus dem Jahr 2020. Darin hatte der Papst davor gewarnt, eine synodale Kirche als "beliebige demokratische Versammlung" nach dem Vorbild eines Parlaments zu verstehen. Der Unterschied liege im Wirken des Heiligen Geistes, so Franziskus.

Formales Ethos

Engel betont, dass Demokratie hier rein formal verstanden und auf ein bloßes Verfahren zur Mehrheitsbildung reduziert werde. Allerdings gebe es auch das "formale Ethos der Demokratie". Der Theologe knüpft dabei an Überlegungen des früheren Mainzer Bischofs und Kardinals Karl Lehmann (1936–2017) an. Dieser habe bereits 1971 betont, dass es auch eine zweite, ethische Seite des Demokratiebegriffs gebe. Diese sei von Werten wie Menschenwürde, Freiheit, Solidarität und partnerschaftlichem Miteinander geprägt, die "durch christliches Ideengut angestoßen worden" seien, so Lehmann damals.

Demokratie werde in dieser Perspektive als "Leitungs- und Lebensform qualifiziert", betont Engel. Sie "wird zu einem Stil des Miteinanders, das sich nicht nur gesellschaftlich, sondern auch innerkirchlich zeigen und bewahrheiten muss: beispielsweise in einem wirklich freiheitlichen Umgang miteinander oder im Ernstnehmen des Glaubenssinns aller Gläubigen".

Dass eine demokratische Lebensform und kirchliches Leben miteinander vereinbar sind, zeigt nach Ansicht Engels der Dominikanerorden. Seit mehr als 800 Jahren würden dort Leitungsämter gewählt und wichtige Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen. Die demokratische Verfassung des Ordens diene nicht nur der Organisation, sondern sei Ausdruck seiner Spiritualität und seiner gemeinsamen Sendung. Engels ist Professor für Philosophisch-theologische Grenzfragen an der CTS Hochschule Münster und arbeitet am Campus für Theologie und Spiritualität Berlin. (mal)