Maria und zu wenig Parkplätze: Ein Besuch in Sievernich

Der Kartoffelstand an der Landstraße setzt auf Ehrlichkeit, denn Verkaufspersonal gibt es dort nicht. Ein paar Laster rauschen vorbei, dazwischen der Überlandbus: Etwas über 40 Minuten sind es bis Düren, vorbei an Disternich und Müddersheim. Es ist ruhig hier in Sievernich, irgendwo in der Voreifel. Nur an jedem 25. eines Monats wimmelt es hier von Pilgern. Das kann man sich an einem normalen Mittwoch gar nicht so recht vorstellen. Aber für Eingeweihte ist Sievernich ein Begriff: Ihrer Ansicht nach erscheint dort – nicht nur – die heiligen Maria.
Der kleine Ort, nur knapp 500 Seelen groß, hat es dieser Tage wieder in die Schlagzeilen geschafft. Das liegt an der selbsternannten Seherin Manuela: Die Dürener Anwaltsgehilfin will zwischen dem 8. Juni 2000 und dem 3. Oktober 2005 regelmäßig die Mutter Gottes als "Maria, die Makellose" gesehen haben. Zudem habe Maria ihr Botschaften übermittelt. Dazu gehören Aufrufe zum Gebet und zum Fasten, aber auch gegen Schwangerschaftsabbrüche und der Verweltlichung von Priestern. Der Aachener Bischof Helmut Dieser hat nun Anfang Juni eine vierköpfige Kommission unter Vorsitz des Rechtswissenschaftlers und Staatskirchenrechtlers Stefan Mückl eingesetzt, um die Berichte aus Sievernich zu untersuchen. Grundlage dafür sind die 2024 vom Vatikan erlassenen "Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmaßlicher übernatürlicher Phänomene", in denen es keine amtliche Bestätigung von Erscheinungen mehr gibt. Die höchste Stufe ist eine Unbedenklichkeitserklärung.
Ohne Pilger ein ruhiger Ort: Das Eifeldörfchen Sievernich
Die Sievernicher sind eigentlich entspannte Leute. Man trifft sie beim Gassigehen mit dem Hund oder plauscht mit ihnen bei der Gartenarbeit über den Zaun hinweg. Doch spricht man sie auf das Erscheinungsgeschehen an, haben nicht wenige eine klare Haltung dazu. "Diese Leute sind hier unerwünscht", erzählt eine Sievernicherin. "Die kennen keine Tageszeiten und parken hier alles zu. Wenn man sie darauf anspricht, sind sie sehr uneinsichtig." Auch beim nächsten Gespräch fällt irgendwann der Satz: "Ich sage es ganz offen: Wir wollten die hier nicht." Auch hier wieder das Hauptargument: Die Parkplatzsituation. Weiterhin sei es ganz schön laut, wenn die Pilger durch das Dorf zögen. "Vor allem die, die direkt an der Kirche wohnen, können ein Lied davon singen", sagt ein Sievernicher. Er wohnt um die Ecke von der Kirche. "Die kommen mit Bussen hierher. Es sind aber nicht mehr so viele wie früher." Aber: Wenn immer am 25. eines Monats die Pilger kommen, sind das gern mal bis zu 500 Leute – also genauso viele wie der Ort Einwohner hat.
Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass das Erscheinungsgeschehen in Sievernich keineswegs Vergangenheit ist. Nach 13 Jahren Pause setzten die Erscheinungen von Manuela vor acht Jahren wieder ein, heißt es auf der Webseite der Stiftung "Ad Jesum per Mariam", die Einrichtungen rund um das Erscheinungsgeschehen betreibt: "Seit dem 25. November 2018 erscheint der Herr in Gestalt des Prager Jesuskindes als König der Barmherzigkeit." Die Seite zitiert in großem Maße aus Veröffentlichungen des Autors Michael Hesemann. Nachdem dieser lange Zeit etwa zur Existenz vermeintlicher UFOs und Aliens publiziert hatte (inklusive scheinbarer Videobeweise), wandte er sich Ende der 1990er Jahre dem Christentum zu. 2021 meinte er, der Grund der Flutkatastrophe im Ahrtal sei die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gewesen. Sievernich war damals von der Flut kaum betroffen gewesen.
Ein bunter Reigen aus Heiligen
Zum Ort schreibt er weiter: "Neben dem Heiligen Erzengel Michael und der Hl. Jeanne D'Arc erscheinen der Hl. P.Pio und der Hl. Charbel regelmäßig in Sievernich. Wie schon seit Beginn an, kommt es immer wieder zu Erscheinungen verschiedener Heiliger. Ebenso schenken Musikengel Lieder, die von dem Kirchenmusiker Robert K. in Noten gesetzt werden."
Die schillerndste Gestalt um Sievernich ist bis heute die selbsternannte Seherin Manuela. Wenn sie spricht, wird das auf einer weiteren Seite der Sievernich-Stiftung stets dokumentiert. Manuela war zum Zeitpunkt ihrer ersten angeblichen Vision 33 Jahre alt, ist also jetzt Ende 50. Zu sehen ist auf den Aufnahmen eine Frau mit hellblondem bis weißem Haar und auch mal farbenfroher Kleidung, die mit hörbar rheinischem Zungenschlag über ihre Erscheinungen spricht. In einem Vortrag vom 25. Mai sagt sie: "Ich bin unprofessionell und kann euch nur etwas berichten von dem, was ich gehört, gesehen und erfahren habe." Sie fährt fort: "Seitdem die Gottesmutter Maria mich im Jahre 2000 an die Hand genommen hat, diesen Weg des goldenen Zepters, den Weg der Kirche, der Barmherzigkeit in den heiligen Sakramenten zu leben, zu gehen. Es ist unmöglich, dass man Erscheinungen des Himmels hat und nicht umkehrt, nicht seinen Weg zu Gott hin kehrt." Ihr Vortrag ist sichtbar frei gehalten, sie scheint einfach zu sagen, was ihr in den Sinn kommt: "Der Herr hat uns, so hat er es mir gesagt, durch seinen Tod am Kreuz erlöst. Und wir sind gerettet, wenn wir Jesus annehmen, das sagt er." Stilistisch ähnlich sind ihre Erzählungen zu vorgeblichen Visionen. So sagt sie über den heiligen Michael: "Er ist in Weißgold gekleidet wie ein römischer Soldat und hält uns sein Schild entgegen. Auf diesem Schild steht sein Gebet in Latein geschrieben: 'Sancte Michael Archangele', was wir gebetet haben dann, denn er hält uns sein Schild hin und wünscht, dass wir sein Gebet beten."
Das eigentliche Zentrum Sievernichs: Die Kirche St. Johann Baptist
Was Manuela so erzählt, ist stilistisch irgendwo zwischen kitschigen Heiligenbildchen aus dem 19. Jahrhundert und einer esoterischen Kolumne. Sie beschreibt detailliert das angebliche Aussehen von Heiligen. Daneben stehen viele fromme Phrasen. Das zeigt sich auch in der Bildsprache um sie herum: Bunte Figuren umgeben sie bei ihren Vorträgen. So bunt sind auch ihre Erzählungen, fast wie ein Bilderbuch. "Maria, die Makellose", die noch im Zentrum der Erscheinungen von vor 20 Jahren stand, ist zurückgetreten gegenüber dem "Prager Jesuskind", einem Gnadenbild Jesu in Kindergestalt, das auch zu ihr sprechen soll. Auch hier: Der Kitsch ist allgegenwärtig. Dazu ist Manuelas Art zwar fromm und emphatisch, aber auch irgendwie hemdsärmelig, selbstgemacht. Ein bisschen viel Zuckerguss in der Sprache. Das gilt auch inhaltlich: Sie wolle keine Höllenvisionen an die Wand malen, sagt sie. Doch so ganz passt das nicht zu den Erscheinungen, von denen sie berichtet. So soll ihr Maria am 10. März 2003 gesagt haben: "Ich weine um meine Söhne, ich weine um meine Töchter. Betet, betet, betet. Wenn die Menschheit sich nicht bekehrt, wird es zu einem Krieg kommen, der furchtbare Ereignisse mit sich zieht." So ganz ohne den drohenden Finger der Verdammnis kommt auch Sievernich nicht aus. Da reiht es sich etwa neben den portugiesischen Wallfahrtsort Fatima ein, wo ebenfalls die heilige Maria erschienen sein soll. Bei einer der Erscheinungen berichteten die Seherkinder im Jahr 1917 auch von einer Höllenvision.
Keine Hinweise im Ort
In Sievernich selbst würde man so schnell nicht auf die Idee kommen, dass hierher gewallfahrtet wird. Denn im Ort weist nichts darauf hin. Das Zentrum Sievernichs bildet die Kirche St. Johann Baptist aus dem 19. Jahrhundert, daneben steht seit den 1950er Jahren eine Fatimakapelle (Titelfoto). Die Kirche ist verschlossen, obwohl sie laut dem Schild neben dem Eingang eigentlich geöffnet sein sollte. Auch bei der Kapelle sind die Glastüren zu. Durch die vielen Fremden im Ort hätten manche in der Kapelle "Schindluder" getrieben, deshalb sei sie verschlossen, ist zu hören. Draußen gibt es neben der Marienfigur zwar auch Kerzenhalter. Aber bei einer Windböe geht da ein Licht schnell aus. An diesem Tag steht eine einzelne brennende Kerze dort. Eine Viertelstunde später hat der Wind sie ausgepustet. "Das ist schon schade", sagt eine Nachbarin. "Ich habe meine Eltern und meinen Mann verloren und kann noch nicht mal in der Kapelle eine Kerze anmachen." Mit den Erscheinungen hat auch sie nichts zu tun: "Meins ist es nicht", sagt sie. Aber mit den Pilgern hat sie an sich kein Problem. "Die kriegen das nur logistisch nicht hin." Wenn es im Hochsommer heiß ist, stellen sich die Leute auch schonmal unter ihre Traufe auf der Suche nach Schatten. "Dann gucken die direkt in unser Schlafzimmer. Das ist natürlich nicht so toll."
Das eigentliche Zentrum der Erscheinungs-Anhänger ist ein weißer Klinkerbau hundert Meter von der Kirche entfernt: Das "Haus Jerusalem". Es wirkt allerdings eher wie ein Bunker: Die Fassade hat viele sehr kleine Fenster, bei den wenigen großen sind die Rollladen heruntergelassen. Alles ist mit Hinweisschildern plakatiert, dass Ton-, Film- und Fotoaufnahmen untersagt seien und die Stiftung dem auch nachgeht.
Ziel der Pilger: Das "Haus Jerusalem"
Auch das Haus geht auf Manuela zurück. Sie sagt, die heilige Maria hätte ihr 2002 gesagt, sie wünsche den Bau eines L-förmigen Hauses als Gebets- und Begegnungsstätte. 2021 wurde das "Haus Jerusalem" fertiggestellt. Daneben betreibt die Stiftung in der Umgebung noch ein Haus für schwangere Frauen als eine Art praktischer Anwendung der Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen. Zu den Öffnungszeiten sind im Haus auch Devotionalien zu haben, darunter Pins, Rosenkränze und eine CD mit "Liedern der Engel aus der Herrlichkeit".
"Das hier ist die Zukunft!"
Neben dem Haus steht ein kleiner Brunnen, daneben eine Marmorfigur von "Maria, der Makellosen" sowie auf einer ebenso weißen Säule eine Figur des Prager Jesuskinds. Davor stehen drei Bänke. Auf einer davon, Maria und Jesus direkt gegenüber, sitzt eine Frau aus Korschenbroich, die dort mit einer Flasche Wasser und einem Brötchen gerade Pause macht. Sie kommt so oft hierher, wie es ihr möglich ist. "Von hier wird die Erneuerung der Kirche ausgehen", sagt sie begeistert. "Das hier ist die Zukunft!" Das liege nicht zuletzt daran, dass der Erzengel Michael hier erscheine und dass Ikonen gemalt würden. Ohne große Nachfragen erzählt sie wortreich von ihrer Sicht auf die Welt. "Bald kommt der Bräutigam", sagt sie. "Aber viele Menschen werden sterben – und die Armen werden für die Reichen sterben." Die Pilgerin ist sehr krank, erzählt sie. Hierher zu kommen, stärkt sie. Sie auch Fan vom bosnisch-herzegowinischen Örtchen Međugorje: Dort will eine Seherin ebenfalls Marienerscheinungen auf einem Berg gehabt haben, auf dem eine schneeweiße Marienfigur steht. Die Parallelen zu Sievernich sind offensichtlich.
Was die Aktivisten um das Gebetszentrum und auch Manuela immer wieder betonen: Nichts von dem, was hier gesagt wird, ist kirchlich anerkannt. Das Verhältnis zur Kirche ist distanziert. Obwohl im Haus Jerusalem an zentraler Stelle ein Hochaltar im Stile des 19. Jahrhunderts steht, dürfen dort keine heiligen Messen gefeiert werden. Die Pfarrgemeinden halten sich aus dem Erscheinungsgeschehen heraus und bieten keine gesonderte Seelsorge an. Pilger, die nach Sievernich kommen, gehen in den umliegenden Orten in die Messe. Es kann also sein, dass auf einmal in einer Werktagsmesse 20, manchmal aber auch bis 200 zusätzliche Gläubige kommen. Das Bistum Aachen sagt auf Anfrage, es gebe keinen Leitfaden für die Pfarreien für den Umgang mit dem Geschehen in Sievernich. Man habe mit der Stiftung nichts zu tun, das sei eine rein private Initiative. Erst nach einem Bericht der Kommission und einer darauffolgenden Entscheidung des Vatikans will das Bistum weitere Schritte prüfen.
Ein Haus mit Erscheinungsgläubigen inmitten eines kleinen Eifeldorfes mit leerstehedenden Ladenlokalen, einem Schloss mit Reiterhof und einem Neubaugebiet voller blank gewienerter Einfamilienhäuser. Emphatische Visionsanhänger treffen auf die praktisch veranlagten Ortsansässigen. Es sind zwei Welten, die hier aufeinandertreffen. Das "Haus Jerusalem" wirkt daher wie ein Fremdkörper in Sievernich. Das liegt auch daran, dass die Erscheinungspilger stets von außen kommen. Mit dem Rest des Ortes hat das alles hier wenig zu tun. Das sorgt für Befremdung bis hin zu Ablehnung. Vielleicht ein Trost für alle Beteiligten: Selbst, wenn der Vatikan gnädig auf die Erscheinungen schaut – glauben muss daran niemand.