Wie Jesus lehrt, nicht zu schnell zu urteilen

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Es braucht nur einen Moment: Ein unbedachter Satz, ein missverständlicher Post, ein unglücklich formuliertes Interview – und das Urteil steht fest. In den sozialen Medien ebenso wie in politischen Debatten oder manchmal sogar in Familien. Menschen werden eingeordnet: progressiv oder konservativ, links oder rechts, Freund oder Feind. Dazwischen scheint kaum noch Platz zu sein. Wer einmal in einer Schublade gelandet ist, kommt nur schwer wieder heraus.
Erstaunlich ist dabei weniger die Geschwindigkeit als die Gewissheit, mit der geurteilt wird. Als könnte man mit einem einzigen Blick erkennen, wer auf der richtigen und wer auf der falschen Seite steht. Als gäbe es eindeutige Etiketten für komplexe Biografien. Doch die Welt scheint dadurch übersichtlicher zu werden.
Genau gegen diese Versuchung erzählt Jesus das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. Die Knechte wollen sofort handeln: ausreißen, säubern, klare Verhältnisse schaffen. Jesus aber sagt: Nein! Wartet! Das ist schwer auszuhalten.
Jesus sagt nicht, dass es keinen Unterschied zwischen Weizen und Unkraut gibt. Er verharmlost das Böse nicht. Unrecht bleibt Unrecht. Gewalt bleibt Gewalt. Lüge bleibt Lüge. Aber Jesus traut uns Menschen nicht zu, das letzte Urteil über andere zu sprechen. Er weiß, wie eng in jedem Leben Licht und Schatten, Stärke und Schwäche, Weizen und Unkraut miteinander verwoben sind. Wer ehrlich auf sich selbst schaut, wird zugeben müssen: Das Unkraut wächst nicht nur bei den anderen.
Darum ruft Jesus nicht zur Gleichgültigkeit auf, sondern zur Geduld. Geduld ist keine Schwäche. Sie ist eine Form der Liebe. Geduld glaubt daran, dass Menschen sich verändern können. Dass Biografien nicht an ihrem dunkelsten Kapitel enden. Dass Gott noch Möglichkeiten sieht, wo wir längst aufgegeben haben. Gerade heute braucht unsere Gesellschaft Menschen, die diesen Unterschied verstehen. Christen sind nicht dazu berufen, konfliktscheu zu sein. Haltung gehört zum Evangelium. Menschenfeindlichkeit darf nicht unwidersprochen bleiben.
Aber zwischen klarer Haltung und vorschnellem Urteil liegt ein entscheidender Unterschied. Ich kann entschieden widersprechen, ohne den anderen zu entwürdigen. Ich kann eine Meinung für falsch oder sogar gefährlich halten, ohne den Menschen dahinter aufzugeben. Denn ein Mensch ist immer mehr als seine Meinung, mehr als sein größter Fehler.
Vielleicht wäre das heute ein starkes christliches Zeugnis: nicht alles hinzunehmen, aber auch nicht jeden abzuschreiben; klar in der Sache, respektvoll im Ton; standfest in der Überzeugung und zugleich barmherzig im Blick auf den Menschen. Gottes Geduld mit uns ist größer als unsere Geduld miteinander. Denn Gott gibt keinen Menschen vorschnell auf. Und wer von dieser Geduld Gottes lebt, wird lernen, auch anderen ihre Würde zu lassen – selbst dort, wo er ihnen entschieden widerspricht.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 24–43)
In jener Zeit erzählte Jesus der Menge folgendes Gleichnis: Mit dem Himmelreich
ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!
Er legte ihnen ein weiteres Gleichnis vor und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten. Er sagte ihnen ein weiteres Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war. Dies alles sagte Jesus der Menschenmenge in Gleichnissen
und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen, damit sich erfülle, was durch den Propheten gesagt worden ist: Ich öffne meinen Mund in Gleichnissen, ich spreche aus, was seit der Schöpfung der Welt verborgen war.
Dann verließ er die Menge und ging in das Haus. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker! Er antwortete: Der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Kinder des Reiches; das Unkraut sind die Kinder des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Schnitter sind die Engel. Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch bei dem Ende der Welt sein: Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gesetzloses getan haben, und werden sie in den Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!
Der Autor
Christian Olding ist Pastor in der Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern.Ausgelegt!
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