Nächste Runde im Disput mit Trump-Regierung

Vatikan antwortet auf US-Botschafter: Papst ist immer Hirte

Veröffentlicht am 14.07.2026 um 15:50 Uhr – Von Christoph Brüwer – Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Mehrfach hat der Papst die militärischen Aktionen der USA kritisiert. Der US-Botschafter im Vatikan sah darin nur eine Äußerung des vatikanischen Staatsoberhauptes – und bekam nun eine diplomatische Zurechtweisung.

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"Der Papst spricht immer als Seelsorger." Einen Leitartikel mit diesem Titel hat der Chefredakteur von "Vatican News", Andrea Tornielli, am Montag auf allen Kanälen des Vatikan-Mediums veröffentlicht. Darin schreibt er über die Rolle des Papstes als Nachfolger des Apostels Petrus und das Lehramt. Ein Leitartikel, der – zumal mitten in der päpstlichen Sommerpause – verwundern mag. Doch der Text hat eine Vorgeschichte – auch wenn diese nicht explizit genannt wird.

Seit seiner Wahl zum Papst im vergangenen Jahr tritt der gebürtige US-Amerikaner Leo XIV. auch öffentlich deutlich in Opposition zur Trump-Regierung. Vor allem dem US-Präsidenten gefällt das nicht. Mehrfach griff er das Kirchenoberhaupt dafür an – mit entsprechenden Reaktionen aus dem Vatikan. Einer der Kernpunkte der Trump-Vorwürfe ist der Angriff der USA und Israels auf den Iran, den der Papst mehrfach verurteilte. Dieser Krieg sei ungerecht. "Ich denke, es wurde bereits sehr deutlich gesagt: Es gibt dort keinen gerechten Krieg", sagte der Papst etwa auf dem Flug nach Spanien im Juni.

Eine Einschätzung, die offenbar nicht von allen so geteilt wird. "Der Vatikan hat nicht gesagt und wird auch nicht endgültig erklären, ob es sich hierbei um einen gerechten oder ungerechten Krieg handelt", sagte der US-Botschafter im Vatikan, Brian Burch, in einem Interview der "New York Times" (Donnerstag). Wenn der Papst sich gegen Krieg ausspreche, dann mache er das nicht als Oberhaupt der katholischen Kirche und Stellvertreter Christi auf Erden, sondern lediglich als souveräner politischer Führer des Vatikanstaats. "Wenn der Papst als souveräner Führer des Heiligen Stuhls handelt, ist er den Staats- und Regierungschefs der Welt gleichgestellt", so Burch. Da der Papst nur Zugang zu einer "begrenzten Anzahl von Fakten" habe, könne er kein Urteil darüber fällen, ob der Krieg gegen den Iran ungerecht sei.

Bild: ©KNA/Paolo Galosi/Romano Siciliani (Archivbild)

Widerspricht dem US-amerikanischen Botschafter vehement – aber ohne ihn namentlich zu erwähnen: Andrea Tornielli.

Dem widerspricht Tornielli nun vehement: "Auch wenn er über Frieden und Krieg, über die Aufnahme von Migranten oder darüber spricht, wie man im Zeitalter der künstlichen Intelligenz menschlich bleibt, ist und bleibt der Nachfolger Petri stets ein geistlicher Führer", so der "Vatican News"-Chefredakteur. Auch wenn der Papst nach den Lateranverträgen von 1929 der Herrscher des kleinsten Staates der Welt sei, bedeute das nicht, dass er als Politiker handele oder sich als solcher äußere.

"Jede Überhöhung oder Überbewertung der Rolle des Papstes als Staatsoberhaupt, jede Hervorhebung der Bedeutung dieser Rolle ist daher irreführend, da sie seiner einzigen wahren Mission als universeller Hirte abträglich ist", betont Tornielli. "Der Papst ist ein Hirte, der zu den Katholiken, zu den Christen, zu den Gläubigen und zu allen Menschen guten Willens spricht – mit der alleinigen Absicht, das Evangelium zu verkünden, seine Botschaft der Liebe, der Geschwisterlichkeit und des 'unbewaffneten und entwaffnenden' Friedens", schreibt er mit Rückgriff auf ein Zitat von Kardinal Giovanni Battista Montini, der später Papst Paul VI. werden sollte. Der Nachfolger Petri spreche nicht als Staatsoberhaupt. "Er verkündet schlicht und einfach das Evangelium."            

Auch wenn der Text als "Leitartikel" deklariert ist, ist er weit mehr als eine Meinungsäußerung Torniellis. "Leitartikel von solcher Tragweite werden stets auf höchster Ebene im Vatikan genehmigt", schreibt etwa der Vatikan-Journalist Gerard O'Connell im "America Magazine" (Montag). Dies sei auch bei dem aktuellen Text der Fall – auch wenn darin "aus diplomatischen Gründen weder der Name noch die Funktion des Botschafters genannt werden". Dass die Worte Torniellis sich zweifellos an Burch richten, wird auch daran deutlich, dass die deutschsprachige Redaktion von "Vatican News" den Artikel mit einem Foto von Papst Leo XIV. und Burch bebildert. Anders als eine diplomatische Zurechtweisung des US-Diplomaten lässt sich der Artikel nur schwer interpretieren.

Der designierte US-Vatikan-Botschafter Brian Burch bei seiner Anhörung im Senat
Bild: ©picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Jacquelyn Martin (Montage katholisch.de) (Archivbild)

Sorgte nicht zum ersten Mal für einen diplomatischen Eklat: US-Botschafter und Katholik Brian Burch.

Ob das beim konservativen Katholiken Burch auch so ankommt? Es ist nicht das erste Mal, dass er auf seinem Posten als Botschafter aneckt. Die deutliche Positionierung des Papstes gegen den US-amerikanischen Militärschlag in Venezuela im Januar deutete Burch im Sinne der Trump-Regierung um und riss Zitate des Papstes aus dem Kontext. Burch selbst ist seit 2025 im Amt und wurde von Donald Trump als US-Botschafter vorgeschlagen. Vor seiner Nominierung leitete er unter anderem die Trump-nahe Organisation "Catholic Vote" und war ein deutlicher Kritiker von Leos Vorgänger Franziskus (2013–2025). So warf er dem Kirchenoberhaupt nach der Absetzung des texanischen Bischofs Joseph Strickland Rachsüchtigkeit vor und wandte sich gegen die Segenserklärung "Fiducia supplicans".

Zuletzt sagte Burch der italienischen Tageszeitung "Avvenire", dass es neben Divergenzen mehr Gemeinsamkeiten zwischen Donald Trump und Papst Leo XIV. gebe, als viele glaubten. Trump sei gewählt worden, um komplexe Fragen anzugehen. Das gelte ebenso für den Papst. Außerdem teilten beide manche Ziele. Dazu gehöre, dass der Iran keine Atomwaffen haben dürfe. 

Überhaupt sei Papst Leo XIV. "zutiefst amerikanisch" und liebe und respektiere sein Vaterland. Dass er am amerikanischen Unabhängigkeitstag die Flüchtlingsinsel Lampedusa besucht habe, sei nicht gegen die USA gerichtet gewesen, so der Botschafter. Woher er das weiß? Der Papst soll es ihm persönlich gesagt haben. Am amerikanischen Nationalfeiertag war Leo XIV. zum Abendessen in der Residenz des US-Botschafters zu Gast. Zum ersten Mal seit über 100 Jahren habe ein Papst einen Botschafter zum Abendessen besucht, betonte Burch im Interview. Das war offenbar doch mehr als der Besuch eines einfachen Staatsoberhauptes.

Von Christoph Brüwer