Kommenden Monat finden in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin Wahlen statt. In Umfragen steht die AfD gut dar und könnte sogar einen Ministerpräsidenten stellen. Auch die Menschen in den umliegenden Bundesländern, in denen die AfD in Umfragen vorne liegt, blicken gespannt auf die Wahl. Pater Simon Hacker, geboren und aufgewachsen in Ostdeutschland, ist einer von ihnen. Der Dominikaner arbeitet als Kaplan in Leipzig, nahm am Synodalen Weg teil und ist auf Social Media aktiv. Im Interview mit katholisch.de fordert er, die AfD in ihrer Sprache zu demaskieren und dennoch offen auf die Wähler zuzugehen.
Frage: Pater Simon, bemerken Sie vor den Wahlen eine Veränderung in der Zivilgesellschaft?
P. Simon: Definitiv. Der Ton ist rauer geworden. Dinge, die früher unsagbar waren, sind jetzt wieder salonfähig. Es wird oft kaschiert mit intelligent klingenden Begriffen wie "Remigration". Ich kenne es noch aus den 1990er Jahren, als ich aufgewachsen bin, da gab es auch Aussagen wie "Ausländer raus". Ich erlebe auch in meinem privaten Umfeld, dass das Mitleid immer mehr zurückgeht. Wenn man früher Boote voll flüchtender Menschen gesehen hat, gab es empathische Reaktionen. Heute wird durchaus von einigen gesagt: "Ja, dann sollen sie ersaufen". Dieser Ton hat zugenommen. Ich habe das Gefühl, dass die konservative Mitte kippt.
Frage: Inwiefern?
P. Simon: Es gibt die Theorie, dass das politische Pendel mal nach links, mal nach rechts schlägt. Das liegt auch an den gesellschaftlichen Veränderungen und Fortschritten. Paradoxerweise habe ich das Gefühl, dass es immer mehr zu einer Abwehrreaktion gegenüber diesen Veränderungen kommt. Ich nenne es das radikalisierte Biedermeiertum. Es soll sich bitte nichts in meinem Leben ändern, es soll alles beim Alten bleiben. Und wenn die ganze Welt brennt, es ist mir völlig egal, solange mein Umfeld so bleibt, wie es ist. Gleichzeitig zeigen Studien, dass ausländerfeindliche und antisemitische Aussagen in der Mitte Fuß fassen. Hinzu kommen Aussagen des Ministerpräsidenten Sachsens, dass die Brandmauer sowieso nur Käse ist. Das halte ich für brenzlige Entwicklungen. In der Weltgeschichte sind Rechtsextremisten und Faschisten nie alleine an die Macht gekommen, sondern immer dann, wenn die politische Mitte gekippt ist und versucht hat, die Inhalte der Rechten zu übernehmen.
Frage: Welche Rolle kann die Kirche in dieser Situation spielen?
P. Simon: Einerseits, Flagge zeigen. Das hat die Deutsche Bischofskonferenz Gott sei Dank schon getan und begründet, warum eine Unvereinbarkeit zwischen der Kirche und dem völkischen Nationalismus besteht. Doch die Kirche muss auch von anderer Seite auf die Leute zugehen und ihnen zuhören, anstatt sie zu ignorieren oder sich über sie lustig zu machen. Wenn ein Mann im Seelsorgegespräch auf mich zukommt und sagt, er könne mit der Regenbogenflagge nicht viel anfangen, kann ich natürlich mit Phrasen um die Ecke kommen. Die bringen ihm aber nicht viel. Auch, wenn es schwerfällt und mich an meine Grenzen bringt, muss ich bei ihm sein und sagen: Ich höre dich. Und wir schauen jetzt gemeinsam, woher kommt die Angst? Und bei allem Verständnis dann klarzumachen, dass die Weltsicht für einen als Christ das Liebesgebot Jesu ist, das ist seelsorgerische Kunst.
Frage: Wie erfolgreich kann die Kirche auf diese Menschen zugehen, wenn man bedenkt, dass sie in Ostdeutschland die Diaspora stellt?
P. Simon: Ja, unsere Reichweite ist begrenzt. Aber ich erinnere da gerne an den Leipziger Herbst 1989 und die Friedensgebete. Da waren nicht nur Christen dabei. Sie kamen unter das Dach der Kirchen und haben dort Verbündete gefunden. Und schon da war die Kirche in einer Diasporasituation. Es ist ein Beweis, dass die Kirche zusammenbringen kann.
Ich glaube, wir werden vor allem von rechts inzwischen als links-grün versifftes Christentum und damit als Feindbild wahrgenommen
— P. Simon Hacker
Frage: Haben Sie schon Anfeindungen gegen sich oder andere Personen, die in der Kirche aktiv sind, erlebt?
P. Simon: Ich persönlich habe es nicht erlebt, aber man hört immer mal wieder was. Sowohl von rechts als auch von links. Zum Beispiel gab es einen Wagen auf dem CSD in Leipzig, auf dem sowas stand wie "Hätte Maria abgetrieben, wäre uns viel erspart geblieben". Das verletzt natürlich auch unsere queeren Gemeindemitglieder und auch jene, die sich selbst auch als christlich und links verstehen. Anfeindungen vom anderen Extrem gibt es genauso: Ich habe von Religionslehrern gehört, die auf Listen rechtsextremer Jugendlicher stehen. Ich glaube, wir werden vor allem von rechts inzwischen als links-grün versifftes Christentum und damit als Feindbild wahrgenommen. Dem würde ich entschieden widersprechen. Der rechte Rand will keine Vielstimmigkeit. Und da stört die Stimme der Kirche. Gleichzeitig wird aber auch versucht, kirchlichen Sprech zu übernehmen und kirchliche Themen zu vereinnahmen. Wenn ich zum Beispiel für Lebensschutz einstehe, heißt das nicht nur, des ungeborenen Lebens. Wenn ein Flüchtlingskind im Mittelmeer ertrinkt, habe ich noch keinen Aufschrei eines AfDlers vernommen. Das muss man demaskieren und klar machen: das ist nicht der Lebensschutz, für den die Kirche steht. Die Kirche steht für den Schutz jedes Lebens, egal welchen Alters, welcher Herkunft, welcher Kultur und Religion.
Frage: Häufig wird von Menschen gesagt, dass Deutschland ein christliches Land ist. Ist das auch nur eine Vereinnahmung?
P. Simon: In meinem Abiturjahrgang waren von 120 Schülern sechs katholisch und zehn evangelisch. Christlich hat es sich nicht angefühlt. Natürlich ist unsere Kultur und Gesellschaft bis hin zum Rechtssystem von christlichen Gedanken geprägt. Aber zu sagen, dass ganz Deutschland ein christliches Land ist, da würde ich ein Fragezeichen hinter setzen.
Frage: In den kommenden Wochen sind Wahlen, unter anderem in Sachsen-Anhalt. Momentan sieht es sehr gut aus für die AfD. Was würde eine Landesregierung für die Kirche bedeuten?
P. Simon: Die Forderungen des Wahlprogramms in Sachsen-Anhalt zeigen: für die AfD ist die Kirche nur dann okay, wenn sie für Frömmigkeit im Privaten sorgt. Die Kirche soll auf Linie sein mit der Partei und keine kritischen Fragen stellen dürfen. Die Meinungsvielfalt zu gesellschaftlichen, ökologischen, sozialen und politischen Fragen soll verschwinden. Da wird gezielt Druck ausgeübt, zum Beispiel über die Finanzen, aber auch auf anderen Ebenen. Wenn man weiß, dass man beobachtet und die Predigt mitgeschrieben wird, dann predigt man anders. Caritas und Diakonie könnten an den Rand gedrückt werden. Auch müsste die Kirche überlegen, ob es nicht ein Sicherheitsrisiko wäre, Priester und Nonnen mit Migrationshintergrund in fremdenfeindliche Gegenden zu schicken. Dann hätten wir ein großes gesellschaftliches Problem. Es wird vergessen, dass das Evangelium und damit die Kirche immer etwas Politisches hat. Wir müssen uns einbringen, aber am besten ohne erhobenen Zeigefinger. Der steht uns nicht gut.
Frage: Was gibt Ihnen trotz allem noch Hoffnung?
P. Simon: Momentan gehen die Menschen davon aus, dass der Zenit erreicht ist. Während unsere Eltern und Großeltern noch sagen konnten, dass sie für eine bessere Zukunft arbeiten, erwarten viele, dass es ab jetzt nur noch bergab geht. Ob es stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Was aber entscheidend ist, ist die Perspektive. Wenn die Hoffnung fehlt, dann fehlt auch über kurz oder lang das Engagement, sich für die Zukunft einzusetzen. Das ist unglaublich gefährlich. Doch Perspektiven sind nicht gottgegeben. Man kann sie verändern, zum Beispiel, indem man sich aktiv einbringt. Die Kirche ist da ein Player, über den man etwas bewirken kann. Vor allem junge Erwachsene lassen sich schnell begeistern, sich zu engagieren. Ich glaube, so können wir etwas bewegen. Ich glaube auch, dass sich Menschen auch immer ein Stück weit aktiv und explizit für die Hoffnung entscheiden: Ich will hoffen. Außerdem hilft mir ein Blick in die Vergangenheit. Ich denke zum Beispiel an die Märtyrer des Nationalsozialismus und an das, was sie zu sagen hatten. Sie haben trotz schwierigster Umstände nie aufgegeben oder ihre Hoffnung verloren.