Aachener Oberhirte will bei Papst um Vertrauen für Synodalen Weg werben

Bischof Dieser: Katholische Sexuallehre ist "unterkomplex"

Aktualisiert am 08.11.2022  –  Lesedauer: 

Aachen ‐ Er selbst sei lange der Meinung gewesen, dass Homosexualität eine Einschränkung von Sexualität sei, räumt Bischof Helmut Dieser ein. Doch er habe etwas dazu gelernt. Beim Ad-limina-Besuch will er den Papst vom Synodalen Weg überzeugen.

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Der Aachener Bischof Helmut Dieser will bei Papst Franziskus um Vertrauen für den Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland werben. Der Papst habe selbst gesagt, es brauche Mut zu Entscheidungen, sagte Dieser der Deutschen Welle (DW) am Dienstag: "Ich würde ihm gerne verständlich machen, dass ich gerade all das machen will, was er uns vorschlägt." Zwischen dem 14. und dem 18. November weilen die deutschen Bischöfe zu ihrem Ad-limina-Besuch im Vatikan.

Beim Synodalen Weg beraten Bischöfe und Laien über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland. Behandelt werden die Themen Sexualmoral, priesterliche Lebensform, Macht und Gewaltenteilung sowie die Rolle von Frauen. Dieser ist einer der Leiter von Synodalforum 4 über "Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft".

Der jetzige Stand der kirchlichen Lehre zur menschlichen Sexualität sei "unterkomplex" und werde der Wirklichkeit nicht gerecht, sagte Dieser, der auch Beauftragter für Fragen sexuellen Missbrauchs der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist. Die katholische Kirche könne homosexuellen Menschen nicht mehr signalisieren, dass ihr Empfinden unnatürlich sei und sie deshalb enthaltsam leben müssten, erklärte der Theologe: "Homosexualität ist – das zeigt die Wissenschaft – keine Panne, keine Krankheit, kein Ausdruck eines Defizits, übrigens auch keine Folge der Erbsünde."

Selbst lange der Meinung, Homosexualität sei Einschränkung

Er selbst sei lange der Meinung gewesen, dass Homosexualität eine Einschränkung von Sexualität sei, räumte der 60-Jährige ein. Doch er habe gelernt, dass diese Sichtweise theologisch nicht zwingend sei. Falls sich heute zwei lesbische Frauen an ihn wendeten, um ein Kind taufen zu lassen, würde er es tun, sagte Dieser: "Wo ist das Problem, frage ich. Wo ist jetzt das Problem?" Hinter Hetze gegen Homosexualität vermute er Ängste und ein Gefühl der Bedrohung, sagte der Dieser: "Aber hetzen über Menschen – das ist grundsätzlich gegen das Evangelium." Dessen höchster Wert sei stattdessen die Liebe und Annahme eines anderen Menschen um seiner selbst willen. Darin sehe er keinen Werteverfall.

Sorge bereite ihm auch der Zustand der Demokratie, sagte der Aachener Bischof. Deren Grundlagen würden derzeit immer schärfer bestritten. Die Kirche müsse "ein Mahner des demokratischen Grundverständnisses" sein. Der Höhepunkt der gesellschaftlichen Krise sei noch nicht erreicht. Der vielfach geforderte Waffenstillstand für die Ukraine hat nach Diesers Einschätzung derzeit nur wenig Chancen. "Wenn eine Weltmacht wie Russland einen solchen Krieg gegen einen schwächeren Nachbarn beginnt, dann verunmöglicht das zunächst die Diplomatie", sagte er. Das sei schmerzhaft, müsse man aber akzeptieren. Die Ukraine brauche Unterstützung. Sie habe das Recht, sich militärisch zu verteidigen, und sie verteidige nicht nur sich, sondern auch Westeuropa und dessen Wertevorstellungen. (tmg/epd)