Seit 18 Jahren ehrenamtlich im Einsatz

Vom Abschiednehmen: Ein Besuch im Hospizdienst

Veröffentlicht am 12.04.2026 um 12:00 Uhr – Von Ayleen Over – Lesedauer: 

Obertshausen ‐ Nach einem schweren Schicksalsschlag entscheidet sich Mechthild Schreiner: Sie möchte ehrenamtlich im ambulanten Hospizdienst tätig werden. Doch warum entscheidet man sich für dieses Ehrenamt, und wie geht man um mit den Themen Tod und Abschied?

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Mechthild Schreiner nimmt die rosafarbene Kulturtasche in die Hand und durchsucht darin jedes noch so versteckte Fach. Die Gegenstände in der Tasche reiben laut aneinander, Schreiner rückt ihre türkisfarbene Brille zurecht und hält die Öffnung der Tasche ins Licht der grell leuchtenden Tischlampe. "Ein Zettel? Da ist aber kein Zettel drin". Neben ihr liegt Edith Zierentz-Vanselow, eine Frau mit langen grauen Haaren, die sie konzentriert anblickt. Diese protestiert, der Zettel müsse in der Tasche sein, die Nummer ihres Physiotherapeuten stehe darauf. Nach kurzer Meinungsverschiedenheit dreht sich Zierentz-Vanselow zur Kleiderstange, die direkt an ihrem Bett steht. Sie greift in ein Aufbewahrungsfach, zieht eine weitere Kulturtasche heraus und reicht sie Schreiner, damit sie dort nach dem Zettel sucht. Sie nimmt die Tasche lachend an. "Das ist unsere Hauptbeschäftigung, wir suchen immer". 

Schreiner, Jahrgang 1955, engagiert sich seit 18 Jahren ehrenamtlich im ambulanten Hospizdienst "Lebenswert" der Malteser. Nach Jahren im Pfarrgemeinderat hatte sie nach einer neuen Möglichkeit gesucht, sich zu engagieren. In der Zeitung fiel ihr schließlich eine Anzeige ins Auge und brachte sie zum Nachdenken. Das hatte auch mit einem Schicksalsschlag zu tun. "Mein Bruder hatte Krebs und starb mit nur 60 Jahren. Ich war einfach ein Stück hilflos und hätte gerne so viel mehr gewusst und getan. Und bei der Anzeige dachte ich, jetzt kann ich das ändern", erklärt Schreiner. Sie meldete sich für die Ausbildung an und durchlief sie in einem dreiviertel Jahr. Am Ende entscheiden die Koordinatoren des Kurses, ob man für den Dienst geeignet ist oder nicht. Einige Kursteilnehmenden springen während des Kurses ab. "Es ist schon eine Herausforderung. Man muss sich selbst mit dem eigenen Leben und Sterben auseinandersetzen, um überhaupt im Dienst aktiv sein zu können". Schreiner durchläuft die Ausbildung sowohl für das Erwachsenen- wie auch das Kinderhospiz. Am Ende des Kurses entscheidet sie sich, Erwachsene zu begleiten. Als Teil des ambulanten Hospizdienstes fährt sie dabei zu Sterbenden, die noch im eigenen Haus oder der Wohnung leben.

Rituale helfen, psychisch gesund zu bleiben

Die Luft an diesem Montag ist kalt, doch die Sonne strahlt frühlingshaft vom wolkenlosen Himmel hinunter. Obertshausen liegt im südlichen Hessen unweit von Offenbach und Frankfurt am Main, hier reihen sich Einfamilien- neben Mehrfamilienhäuser, auf der Straße laufen Jugendlichen mit Schulrucksack auf dem Rücken nach Hause. Schreiner parkt ihr Auto vor dem weiß verputzten Haus, in dem ihre Begleitung Edith Zierentz-Vanselow wohnt. Sie öffnet das kleine Tor zum Vorgarten, holt einen Schlüssel aus ihrer Jackentasche und schließt die Haustür auf – die bald 100-jährige Zierentz-Vanselow ist bettlägerig und wohnt alleine, sie könne ihr die Tür nicht öffnen, sagt Schreiner. Die Wohnung von Zierentz-Vanselow ist groß und hat viele Zimmer, doch ihr Leben spielt sich seit kurzer Zeit nur im Wohnzimmer ab. Dort steht ihr Krankenbett auf einem riesigen, rot gemusterten Orientteppich. Das Bett ist umgeben von zahlreichen, in Fächern einsortierten Kulturtaschen, einem kleinen Tisch und gefalteter Wäsche auf einer langen Kommode. An den Wänden hängen zahlreiche Fotos in Farbe und Schwarzweiß, vor dem Bett steht ein ausgeschalteter Fernseher. Schreiner grüßt Zierentz-Vanselow mit lauter Stimme und zieht die Jalousien der Fenster etwas hoch. "Heute scheint die Sonne, Edith, es ist richtig schönes Wetter!". Zierentz-Vanselow hört und sieht nicht mehr so gut und versteht sie nicht, Mechthild Schreiner wiederholt sich. Sie zieht einen Stuhl neben das Bett und setzt sich so hin, dass Zierentz-Vanselow sie auch besser sehen kann. Schreiner begleitet Zierentz-Vanselow bereits seit zwei Jahren, eine recht ungewöhnlich lange Zeit. Dennoch wird der Körper der zierlichen Dame schwächer, sie erwartet auch durch ihr hohes Alter, nicht mehr lange zu leben. Die beiden Frauen tauschen sich aus, über das Wetter, den Besuch vom Arzt, das Befinden des jeweils anderen. Es ist ein Gespräch auf Augenhöhe.

Wie schafft man es, ständig mit dem schwierigen Thema des Sterbens  konfrontiert zu werden? Schreiner denkt kurz nach. "Ich glaube, man braucht eine positive Lebenseinstellung, um auch mit dem Sterben positiv umgehen zu können". Dennoch gebe es natürlich auch schwierige Momente im Dienst. Schreiner hat eigene Rituale entwickelt, um psychisch gesund zu bleiben. Im Sommer nehme sie immer ihr Fahrrad und gönne sich zwischendurch Pausen, zum Beispiel bei einem Spaziergang, einer Tasse Kaffee oder einem Besuch in der Sauna, um die Stunde Revue passieren zu lassen und abschalten zu können. In besonders belastenden Situationen helfen aber auch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen sowie den Koordinatoren. Hinzu kommt die sogenannte Supervision. Dabei trifft sich die Gruppe dreimal im Jahr mit einer Psychologin, die aktuelle Themen und Probleme wie zum Beispiel Überforderung oder Schuldgefühle mit den Ehrenamtlichen bespricht. Schreiner hilft es auch, sich nicht zu viel Druck zu machen. "Am Anfang hat man den Stress, alles machen zu wollen. Aber es hilft, sich klarzumachen, dass es oftmals reicht, einfach da zu sein und zuzuhören".

Edith Zierentz-Vanselow in ihrer Wohnung
Bild: ©privat, Montage: katholisch.de

Edith Zierentz-Vanselow ist dankbar für die Hilfe, die sie erhält.

Gespräche führen und die Menschen vom Leben erzählen lassen sind das A und O im ambulanten Hospizdienst. Auch, wenn sich die Menschen wiederholen. "Immer wieder zuhören, immer wieder nachfragen. Das ist der wichtige Teil", betont Schreiner. Zwar gehöre auch Papierkram wie das Ausfüllen von Vorsorgepapieren und Patientenverfügungen dazu, aber die psychosoziale Betreuung steht im Fokus des Hospizdienstes. Manchmal müsse man dabei auch kreativ werden, zum Beispiel bei Menschen, die nicht mehr sprechen können. "Einmal habe ich eine stumme Frau begleitet. Da habe ich ihr eine Blume mitgebracht, die im Moment draußen geblüht hat und habe ihr dann erzählt, was in der Natur vor sich geht", erzählt Schreiner. Auch vorlesen oder gemeinsam beten, wenn es gewünscht wird, gehören zum Dienst. "Jede Begleitung ist anders, da muss man einfach erspüren, was nötig ist und sich auch mal ganz andere Sachen einfallen lassen, wie eben bei der stummen Dame", verrät Schreiner. Das Schönste am Ehrenamt ist für sie das Gefühl, dass ihr Vertrauen entgegengebracht werde. "Es ist einfach eine Ehre, an dem alten Leben teilnehmen zu können. Sterbende erzählen Außenstehenden oft Dinge, die sie den Angehörigen nicht erzählen oder Dinge, die sie noch nie ausgesprochen haben. Diese Vertrauen ist das größte Geschenk".

Bevor sie jemanden besucht, spricht Schreiner immer ein Gebet. "Ich stelle mich da unter den Schutz Gottes und bitte um seinen Geist. Der kommt dann auch, es wird dann alles einfacher". Das merke sie besonders in sehr schwierigen Situationen. Zum Beispiel, wenn eine junge Mutter, die eigentlich mitten im Leben steht, verstirbt. "Das ist ein Aushalten, aber ich kann das im Glauben aushalten". Bei manchen Besuchen gibt es viele Rosenkränze und Kreuze im Haus, andere bezeichnen sich als Atheisten. Aber: "Auch die, die sagen, sie glauben an nichts, glauben am Ende oder haben Hoffnung", sagt sie.

Aufklärung gegen die Angst vor dem Tod

Der Prozess des Sterbens an sich ist eigentlich auch etwas Menschliches und Natürliches, betont Schreiner. Doch das Umfeld des Sterbens hat sich verändert. Während frühere Generationen zuhause starben, ist es heute oftmals im Krankenhaus. Schreiner betrachtet diese Entwicklung kritisch. "Unsere Medizin ist so hochentwickelt, dass man manchmal den Eindruck hat, dass man nicht mehr sterben darf. In den letzten Lebensmonaten werden oft noch Unsummen ausgegeben, um die Leben zu verlängern, ohne dass der Mensch mehr Lebensqualität erhält". Ihr kritischer Blick komme wahrscheinlich auch aus ihrer Vergangenheit, erklärt sie. Ihre Mutter war Krankenschwester, sowohl ihre Großeltern als auch weitere Familienmitglieder starben in ihrem Elternhaus. "Für mich war Sterben schon da ein normaler Ablauf und nichts, was mir Angst gemacht hat". Diese Perspektive und das Fehlen der Angst haben sich durch den Dienst verstärkt.

Sich auf den Tod vorbereiten ist etwas, was die wenigsten gerne machen und eher von sich wegschieben. Edith Zierentz-Vanselow dagegen hat alles geregelt und erzählt Schreiner stolz von der schönen Farbe ihres Sarges und welche Kleidung sie sich ausgesucht hat. Auch erklärt sie, wie sie den Weg zu ihrer Grabstelle findet, und, für sie besonders wichtig, dass die Grabpflege auch schon geregelt ist. Auch, wenn Zierentz-Vanselow sich auf ihren 100. Geburtstag im Frühjahr freut, wird sie für einen Moment nachdenklich. "Alle Leute, die ich kenne, sind tot. Nur ich nicht. Warum? Ich wollte nicht so alt werden". Ihre Stimme bricht leicht, Schreiner reicht ihr die Hand. Zierentz-Vanselow nimmt sie dankbar an und lächelt. 

Nach einer knappen Stunde wird es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Der Abschied, er ist ebenso ein fester Bestandteil des Ehrenamts. Irgendwann ist es ein Abschied für immer, auch bei Edith Zierentz-Vanselow wird dies irgendwann der Fall sein. Sobald eine Begleitung stirbt, versucht Schreiner, zur Beerdigung zu gehen und dort Abschied zu nehmen. Viele Menschen begegneten dem Tod mit Unsicherheit und Ängsten. Es sei schwierig, darüber zu sprechen, doch Mechthild Schreiner glaubt, dass Aufklärung sowohl dem Sterbenden als auch den Angehörigen den letzten Abschnitt leichter mache. Und sie wünscht sich: "Wir sollten uns mit dem Tod nicht erst auseinandersetzen, wenn wir vor ihm stehen".

Von Ayleen Over