Kampf der Geschlechter um Teilnahme an spanischer Karprozession

Schritt für Schritt, Stunde um Stunde ziehen die Träger der Laienbruderschaften durch die Straßen, in lange Gewänder gehüllt. Auf ihren Schultern lasten tonnenschwere Aufbauten mit Heiligenskulpturen, geschmückt mit Blumen und Kerzen. Besonders ergreifend, auch für die Zuschauer entlang der Strecken, ist stets die Figur des leidenden Christus am Kreuz.
Das ist in der rund 73.000-Einwohner-Stadt Sagunt in der Region Valencia im Küstenhinterland des Mittelmeers nicht anders als anderswo bei den Karprozessionen in Spanien, der landestypischen Vorbereitung auf das Osterfest. Seit Ende des 15. Jahrhunderts ist dort die "Bruderschaft des allerreinsten Blutes unseres Herrn Jesus Christus" die treibende Kraft hinter dem Umzug zum Gedenken an die Kreuzigung Jesu. Doch das Spektakel wird nun zum Politikum, was auch negative Folgen für den örtlichen Tourismus haben könnte. Inzwischen hat sich sogar eine Ministerin der spanischen Regierung eingeschaltet.
Denn in den Reihen der Bruderschaft scheint immer noch tiefstes Mittelalter zu herrschen. In einer Abstimmung unter den 1.700 Mitgliedern hat sich unlängst die deutliche Mehrheit gegen eine Zulassung von Frauen im aktiven Gefolge der Prozession ausgesprochen. Das hat landesweit eine Lawine gesellschaftlicher Debatten rund um Diskriminierung und Gleichstellung ausgelöst.
Jahrelanger Kampf um die Teilnahme
Die ablehnende Haltung der Bruderschaft in Sagunt gegenüber Frauen ist nicht neu – das alte Argument ist die Aufrechterhaltung der Tradition. Seit einigen Jahren kämpft das Kollektiv der "Inklusiven Karwoche" ("Semana Santa Inclusiva") um die Aufnahme und Teilnahme von Frauen – bislang vergeblich.
Blanca Ribelles, die Sprecherin des Kollektivs, bedauert, mit dem jetzigen Votum sei erneut eine "große Gelegenheit" verpasst worden. "Es ist traurig, weil ich sehr optimistisch war und dachte, dass es diesmal klappen würde, weil die Gesellschaft voranschreitet, weil wir nicht im 15. Jahrhundert leben, weil Frauen und Männer auf allen Ebenen gleichgestellt sind", so die Aktivistin in spanischen Medien.
Begriffe der Karwoche: Was bedeutet eigentlich...?
An Ostern feiern Christen die Auferstehung Jesu Christi – so viel sollte bekannt sein. Aber was passiert eigentlich an Gründonnerstag? Und wofür steht die Osterkerze? Die Tage rund um das wichtigste Fest der Christenheit sind geprägt von verschiedenen Liturgien, Symbolen und Bräuchen. Katholisch.de gibt einen kurzen Überblick.
Ribelles appellierte auch an den zuständigen Erzbischof von Valencia, Enrique Benavent, ihr Anliegen zu unterstützen. Der Geistliche teilte mit, von kirchlichen Disziplinarmaßnahmen wolle man absehen. Die Gemeinde und die Bruderschaft forderte er jedoch zum Dialog auf. Dabei unterstrich Benavent, jede Änderung ihrer Statuten müsse auf einem Beschluss der Mitgliede beruhen.
Unter dem Druck der Öffentlichkeit und nach längerem Schweigen hat die Stadtverwaltung Sagunts in Form einer Mitteilung, unterschrieben vom sozialistischen Bürgermeister Darío Moreno, Position bezogen: "Tradition und Gleichheit sind nicht nur miteinander vereinbar, sondern garantieren auch die Zukunft. Die Karwoche von Sagunt spricht von Glaube, Erbe und Identität; die komplette Einbringung der Frau würde die Größe dieser drei Elemente erhöhen."
Verbliebene Insel des spanischen Machismo
Der Vorstoß sei weder ein Angriff auf die Tradition noch auf die Bruderschaft, sondern drücke "den höchsten Respekt gegenüber dem religiösen und kulturellen Wert aus, den die Karwoche für unsere Stadt darstellt", so der Rathauschef. Beobachter hätten sich stärkere Worte gewünscht. Zwar hat Moreno zum Dialog aufgerufen, es aber vermieden, konkrete Maßnahmen in die Wege zu leiten.
Sagunt ist bereits jetzt als eine verbliebene Insel des spanischen Machismo in Verruf geraten. Das Image der Stadt und der touristischen Bedeutung der Karwoche, die in Kürze wieder ansteht, hat schwer gelitten. "Die Bruderschaften stehen nicht außerhalb der Verfassung und müssen die verfassungsmäßig anerkannte Gleichheit respektieren. Die Karwoche muss ebenfalls gleichberechtigt sein", erklärte die spanische Gleichstellungsministerin Ana Redondo auf der Plattform X – und schickte eine Kampfansage hinterher: "Wir werden handeln."
Für Sagunt könnten die Konsequenzen bedrohlich sein. Im Raum steht, dass das Tourismusministerium der Karwoche den Titel "Fest von nationalem touristischem Interesse" entzieht, da es den gesetzlichen Rahmen zur Gleichstellung nicht erfüllt. Laut übereinstimmenden Berichten spanischer Medien sind die ersten Schritte dafür schon eingeleitet worden. Das könnte fortan die erfolgreiche Vermarktung der Karwoche empfindlich treffen und Sagunts lokaler Wirtschaft erheblich schaden.