Bildungsunterschiede in der Kirche

Priester: Kirche darf nicht zum Expertengremium werden

Veröffentlicht am 04.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Beate Kampen – Lesedauer: 

Bonn ‐ Sascha Heinrich kommt aus einer Arbeiterfamilie und wurde ohne Abitur Priester. Diese Erfahrung prägt ihn bis heute und erklärt, warum er sich für eine Teilhabe verschiedener Bildungshintergründe in der Kirche einsetzt.

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Sascha Heinrichs Name steht jetzt ganz oben auf der Redeliste der sechsten Synodalversammlung. Gerade entfacht eine Diskussion über die zukünftige Besetzung der Synodalkonferenz. In dem Gremium sollen Bischöfe und Laien Richtungsentscheidungen für die Kirche in Deutschland treffen. Heinrich will in dieser Debatte auf einen bestimmten Punkt aufmerksam machen.

Beim Blick auf die Redeliste fallen ihm die vielen Menschen mit Professoren- oder Doktortiteln auf – ein Zustand, der in dem Priester aus dem Sauerland etwas auslöst. "Ich habe mich gefragt, will die Synodalkonferenz ein Expertengremium sein oder eine repräsentative Stimme der Gläubigen?", erinnert sich der 39-Jährige. Also holt er tief Luft und beginnt, mit schneller Stimme in das Mikrofon vor ihm zu sprechen. Seine zentrale Frage an die rund 200 Delegierten in der Synodalversammlung: Wie stellen wir sicher, dass auch bildungsferne Schichten in der Kirche vertreten sind? Ein Thema, das eng mit seiner Biografie verbunden ist.

Aufgewachsen ist Sascha Heinrich in einem ländlich geprägten Teil des Erzbistums Paderborn. Sein Vater arbeitet als Zimmermann, seine Mutter bei einer Versicherung. Sie seien eine klassische Arbeiterfamilie, sagt Heinrich. Nach der Grundschule ist er ziemlich stolz, dass er es – anders als sein Bruder – auf die Realschule schafft. Auf seinem Abschlusszeugnis steht dann sogar ein Qualifikationsvermerk. Das wäre die Möglichkeit, später auch das Abitur zu machen.

Nach der Schule erstmal eine Ausbildung

Doch er entscheidet sich dagegen. Von seinen Eltern gibt es eine klare Ansage: "Mach erstmal eine Ausbildung, dann hast du was in der Tasche." Auch die Schule unterstützt ihn nicht, das Abitur anzugehen. Seiner Deutschlehrerin muss er im Austausch für ein bessere Note auf dem Abschlusszeugnis versprechen, dass er nie studieren gehen würde – eine Situation, über deren Absurdität er noch heute schmunzeln muss. Also beginnt der 16-jährige Heinrich eine Ausbildung zum Fachmann für Wasserversorgung bei den Stadtwerken. "Ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht genau, was ich da machen werde", gibt er heute zu. Das Technische und Naturwissenschaftliche an dem Beruf gefällt ihm aber.

Parallel zum Einstieg in das Berufsleben findet er noch ein weiteres Interessengebiet, das immer mehr Raum in seinem Leben einnimmt. Weil jemand in seiner Gemeinde fehlt, wird er mit 15 Jahren Messdiener. Drei Jahre später beginnt er, regelmäßig zum abendlichen Stundengebet zu gehen. "Da habe ich eine Spiritualität kennengelernt, die ich vorher gar nicht kannte", sagt Heinrich. Langsam wächst in ihm der Wunsch, dieser spirituellen Seite weiter nachzugehen.

Auch als er die nächste Stufe auf der Karriereleiter erreicht und seinen Meistertitel macht, bleibt da eine Frage in ihm: Will ich doch noch eine andere berufliche Richtung einschlagen? Der Weltjugendtag in Madrid wird für den damals 23-Jährigen zu einem wichtigen Schlüsselmoment. "Ich komme aus meiner kleinen Stadt und habe da zum ersten Mal diese riesige katholische Weite erlebt", erinnert sich der Sauerländer. Er trifft auf Gleichgesinnte und wird von einem Pater bestärkt, sich mit seiner Spiritualität auseinanderzusetzen. Zurück in Deutschland nimmt er Kontakt zu Klöstern auf, doch diese Lebensform ist ihm schnell zu eng.

„Diesen Gott, den ich schon mein Leben lang kenne, wollte ich tiefer auf den Zahn fühlen.“

—  Zitat: Sascha Heinrich

Heinrich sucht weiter nach seinem Platz in der Kirche. Gespräche mit dem Team der Berufungspastoral im Erzbistum, einem Weihbischof und einem Freund, der gerade ein Theologiestudium beginnt, geben ihm den letzten Anstoß. "Diesen Gott, den ich schon mein Leben lang kenne, wollte ich tiefer auf den Zahn fühlen", schaut Heinrich zurück. Er will es wagen und versuchen, Priester zu werden und damit auch Theologie zu studieren.

Für den ehemaligen Realschüler geht das am Studienhaus St. Lambert in Lantershofen. In diesem Priesterseminar können angehende Priester auch ohne Abitur Theologie studieren. Ohne diese Einrichtung wären Heinrich und viele seiner Kommilitonen wahrscheinlich keine Priester geworden. Damit würden der Kirche nicht nur so einige Berufene verloren gehen, sondern auch wichtige Qualifikationen, die die Priester durch ihre Vorerfahrung in anderen Berufen mit sich bringen.

Zusammen mit 15 Männern büffelt Heinrich jetzt also Latein, Liturgie und Lobgesang – für ihn ein großes Ding. "Ich war schon stolz, jetzt Student zu sein", erinnert er sich. Doch der Studienanfang fällt ihm nicht leicht. Er habe zwar immer gerne gelesen, aber das wissenschaftliche Arbeiten sei für ihn vollkommen neu gewesen. Hinzu kommt, dass er sich von Studierenden anderer Universitäten nicht ernst genommen fühlt. Sprüche wie "Das ist doch kein richtiges Theologiestudium an eurer Volkshochschule" regen ihn bis heute auf. All die Herausforderungen und Kritik nimmt er aber hin. "Ich habe für mich festgestellt, wie gut mir dieses Studium getan hat", sagt Heinrich rückblickend.

Wo spielen Bildungshintergründe eine Rolle?

Schritt für Schritt nähert er sich dem Priesterberuf. Seine Liebe zur Liturgie wird größer und auch Ausnahmesituationen wie Trauergespräche überfordern ihn nicht. "Ich wusste ziemlich schnell: Das ist genau das Richtige für mich", erzählt er. Mittlerweile arbeitet der 39-Jährige seit sieben Jahren in seinem Zweitberuf. Sein alternativer Weg zum Priesteramt spielt nur manchmal eine Rolle. "Ich komme aus einer Handwerksfamilie und stehe auch gerne selbst auf der Leiter, um etwa das Hungertuch anzubringen", erzählt er schmunzelnd. Außerdem seien seine Predigten, wie er selbst sagt, theologisch manchmal unscharf, aber das liege eben daran, dass er sich diese akademische Sprache nie angeeignet habe. Verständliche Predigten seien ihm wichtiger.

Doch unterschiedliche Bildungshintergründe spielen nicht nur beim Verstehen von Predigten eine Rolle. Eine Umfrage des Deutschen Freiwilligensurveys von 2024 stellt fest: Je höher die Schulbildung, desto häufiger sind Personen freiwillig engagiert. Dieser Zusammenhang gilt auch in der Kirche, in der sich etwa doppelt so viele Menschen mit hoher wie mit niedriger Schuldbildung engagieren. Für Heinrich ist das ein Zeichen, wie Schulbildung und sozioökonomischer Status zusammenhängen. "Sozial schwächere Menschen haben häufig nicht die Kapazitäten, sich auch noch ehrenamtlich zu engagieren", so die Erfahrung des Priesters. Dadurch gehe der Kirche ihre Pluralität verloren, wenn bestimmte Gruppen von Gläubigen sich nicht engagieren.

Lektor am Ambo bei einem Gottesdienst an Karfreitag in einer Kirche in Bonn.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

Wer sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren möchte, hat viele Möglichkeiten - z.B. als Lektor, Ministrant, in der Jugendarbeit oder im Besuchsdienst für Senioren und Seniorinnen.

Der 39-Jährige sieht aber dennoch Potenzial, wie die Kirche auf solche Unterschiede in der Gesellschaft eingehen kann. Er betont, dass man sich immer die Frage stellen müsse, was die Zugangsvoraussetzungen für Ehrenämter sind. Wer könne sich beispielsweise für eine Synodalversammlung mehrere Tage Zeit nehmen? Industriearbeiter bekämen für eine kirchliche Veranstaltung beispielsweise nicht gleich Sonderurlaub, so Heinrich.

Auch in der Katechese spielen Bildungsunterschiede eine Rolle. Die religiöse Grundbildung, die Kinder von ihren Eltern mitbekommen, nehme ab. Unterschiede in der Schulbildung in diesem Bereich würden noch deutlicher werden. "Es ist heute noch wichtiger, Grundlagen verständlich zu vermitteln", so Heinrich. Er als Priester, aber auch alle Katechetinnen und Katecheten, müssten auf eine große Methodenvielfalt achten, um alle Kinder und Jugendlichen erreichen zu können. "Das Schlimmste wäre, dass sich Menschen nicht an Diskussionen beteiligen, weil sie zuvor beim Lesen den Grundlagentext nicht verstanden haben", so Heinrich.

Auf der sechsten Synodalversammlung in Stuttgart hat sein Redebeitrag zwar einen leichten Applaus ausgelöst. Doch so etwas wie eine "Nicht-Akademiker-Quote" gibt es in der Synodalkonferenz nicht. Heinrich will sich dennoch weiter dafür starkmachen, dass Kirchengremien nicht zu Expertengremien werden. Die Stimme des "normalen" Gottesvolks dürfe schließlich nicht verstummen – und das gelte für den Priesterberuf, das Ehrenamt und alle Gemeindestrukturen.

Von Beate Kampen