Frage der Teilhabe

KjG-Vorsitzende: Social-Media-Verbot ist eine gefährliche Perspektive

Veröffentlicht am 23.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Ayleen Over – Lesedauer: 
KjG Bundesleiterin Louise Charters
Bild: © privat

Düsseldorf ‐ Seit Februar diskutiert Deutschland über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahren. Im katholisch.de-Interview erklärt KjG-Bundesleiterin Louise Charters, was für Konsequenzen ein Verbot hätte.

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Instagram, TikTok, Snapchat – die große Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist täglich auf diesen Apps unterwegs und vernetzt sich mit Gleichaltrigen und Gruppen. Gleichzeitig ist der Konsum nicht unbedenklich. Kritiker sehen hohe Suchtgefahr und bemängeln, dass die Inhalte häufig nicht altersgerecht sind. Die Frage, wie man Kinder und Jugendliche vor diesen Gefahren schützt, wird derzeit in mehreren Ländern diskutiert. Ende 2025 beschloss Australien als erstes Land, die Nutzung von Social Media für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren zu verbieten. In Deutschland fordern CDU und SPD ein Verbot bis 14 Jahre. Louise Charters, Bundesleiterin der Katholischen jungen Gemeinde (KjG), hält ein solches Verbot für falsch. Im katholisch.de-Interview erklärt sie, warum eine Altersgrenze keinen Sinn macht, wie man junge Menschen besser schützt und welche Rolle katholische Jugendgruppen einnehmen können.  

Frage: Frau Charters, in Deutschland wird derzeit über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahren diskutiert. Was halten Sie von dieser Idee?

Charters: Grundsätzlich widerspricht ein Social-Media-Verbot unserer Vorstellung davon, dass auch Kinder und Jugendliche an der Gesellschaft teilhaben können. Dazu gehört auch die Teilhabe im digitalen Raum, der fest verwoben ist mit unserem Alltag. Das Alter sollte bei dieser Debatte nicht im Vordergrund stehen, schließlich sind nicht nur Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von digitaler Gewalt und süchtigmachenden Algorithmen betroffen, sondern auch Erwachsene. Deswegen macht auch das australische Modell, wo die Altersgrenze bei 16 Jahren liegt, für uns keinen Sinn. Es ist nicht so, dass Jugendliche ab einem bestimmten Alter besser in der Lage sind, sich Hass und Gewalt im Netz auszusetzen. Stattdessen ist es sinnvoller, Räume sicherer zu gestalten und den Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz beizubringen. Also zum Beispiel zu erlernen, wie gehe ich mit Hass und Gewalt im Netz um, was ist wahr und was ist falsch, und so weiter.

Frage: Sehen Sie eher die Regierung oder die Konzerne wie Meta in der Verantwortung, für mehr Sicherheit in digitalen Räumen zu sorgen?

Charters: Vor allem die Konzerne wie Meta sind da aus unserer Perspektive in der Verantwortung, ihre Plattformen sicherer zu gestalten. Jedoch können auch die Regierung und Politik sich mehr einsetzen und bestehende rechtliche Rahmen konsequenter durchsetzen. Zum Beispiel gibt es mit dem Digital Services Act schon einen Ansatz, wie die Nutzung von Social Media sicherer gestaltet werden kann.

Frage: Wenn ein Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche kommen würde: Könnte man diese Gruppe dann überhaupt noch erreichen?

Charters: Zwar kann man sagen, dass wir Kinder und Jugendliche schon vorher erreicht haben, aber ein Verbot würde schon einen Unterschied machen. Wir Jugendverbände treten unterschiedlich mit Kindern und Jugendlichen in den Austausch und haben auf Social Media grundsätzlich drei Funktionen. Zum einen wollen wir mit unseren Posts Bildungsarbeit leisten, wir informieren also zum Beispiel über jugendpolitische Themen, die auf Bundesebene diskutiert und entschieden werden. Andererseits organisieren wir uns über Social Media. Auf der Ortsebene zum Beispiel werden Gruppenleiterrunden, Ferienlager und Aktionen gestaltet und auf Social Media beworben. Und natürlich wollen wir uns auch vernetzen. Das geschieht zwischen den Bundes-, Landes- und Ortsebenen, zwischen uns und den Diözesen oder auch mit anderen Akteuren. Würde man die Gruppe der Jugendlichen davon ausschließen, würden diese Funktionen natürlich auch größtenteils wegfallen und den Austausch definitiv erschweren, da Social Media auch ein Teil der Lebensrealität von Jugendlichen ist. Hinzu kommt auch, dass wir Jugendliche so einbinden wollen, dass sie zunehmend Verantwortung übernehmen können. So haben alle Mitglieder Wahlrechte, dafür muss man nicht 18 Jahre alt sein. Ein Verbot im digitalen Raum würde bei diesem Grundprinzip der Teilhabe und Verantwortung einschneiden. Letztlich würde es heißen, dass man wieder über jugendpolitische Themen und für sie entscheidet, ohne sie mit in den Diskurs einzubinden.

Frage: Halten Sie es überhaupt für realistisch, dass Jugendliche Social Media bei einem Verbot nicht mehr nutzen? 

Charters: In Australien zeigt sich bereits, dass Kinder und Jugendliche die Verbote umgehen. Auch bei uns in Deutschland wäre das zu erwarten. Das ist für uns eine sehr gefährliche Perspektive. Alternativen Räume, die die Kinder und Jugendlichen aufsuchen, werden keine Schutzmechanismen aufweisen. Wenn ihnen da dann etwas passiert, trauen sie sich auch im echten Leben nicht, etwas zu sagen. Das bringt auch Jugendgruppenleitungen, die in solchen Situationen als Vertrauenspersonen herangezogen werden, in eine blöde Situation. Im Falle eines Verbots wird es für diese schwieriger zu unterstützen, da die Kinder und Jugendlichen eigentlich überhaupt nicht auf den Plattformen unterwegs sein dürften. Ihnen sind also im Grunde die Hände gebunden.

Eine Frau hält ein Handy, auf dem die App TikTok geöffnet wird
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

Wenn man sich aus Social Media zurückziehe, überlasse man extremen Ansichten die Plattform, erklärt Charters

Frage: Hätten Jugendverbände Alternativen zu Social Media?

Charters: Zum einen sind Messengerdienste, die in den Verbänden auch schon vielfältig für die Vernetzung genutzt werden, bisher ausgenommen von den aktuellen Überlegungen. Für uns wären Plattformen, die auf freier Software basieren, ebenfalls eine attraktive Alternative, da diese besser anpassbar sind. Es ist eher die Frage, wie schnell und wie gut diese zugänglich sein können und ob sich das gesellschaftliche Leben überhaupt von der einen auf die andere Plattform verlagern lässt.

Frage: Würden Sie sagen, dass Kinder und Jugendliche heutzutage vor allem über Social Media zum Glauben finden?

Charters: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es generell leichter ist, diese Gruppe zu erreichen. Aber in der Art und Weise, wie wir spirituelle und kirchliche Angebote gestalten, macht Social Media unterschiedliche Räume und Formate auf, durch die der Glaube und die Kirche für Jugendliche neu erlebbar werden. Dadurch, dass Social Media zur Lebensrealität der jungen Menschen gehört, ist es natürlich auch so, dass wir darüber einen einfacheren Zugang zu ihnen finden. Natürlich kommt bei uns dennoch die Frage auf, ob man sich aus Social Media zurückzieht, weil man ethisch nicht Teil der Plattform sein möchte, aber andererseits überlässt man dann den Christfluencern und anderen extremen Ansichten die Plattform. Katholische Jugendverbände können online eine Alternative inhaltlicher Natur zeigen und so auch junge Menschen erreichen, die noch unschlüssig sind oder sich nicht so mit dem Glauben befasst haben. Für die Kinder und Jugendlichen, die mit dem Internet aufwachsen, ist es völlig normal, darüber in Kontakt zu kommen und zu wissen: Hier habe ich eine Community.

Frage: Wie können kirchliche Social-Media-Accounts und die Accounts von Jugendverbänden zu einem Safe Space für Kinder und Jugendliche werden?

Charters: Vor allem durch Angebote und den Content, die zeigen: Hier seid ihr sicher, Hass hat hier keinen Platz, und wenn es doch dazu kommt, könnt ihr euch an diese Person wenden. Das Problem ist eher, dass wir natürlich auf Plattformen unterwegs sind, die darauf ausgelegt sind, Menschen, teilweise animiert durch Falschinformation und Hassbotschaften, zu einer intensiveren Social Media Nutzung zu bringen. Das führt dazu, dass wir viel Zeit damit verbringen, zu überlegen: Was ist der eigentliche Kern von dem, was wir transportieren wollen? Und wie erreichen wir möglichst viele Menschen mit unserem Content? Da ist man leider den Plattformen und ihrem Algorithmus unterlegen.

Frage: Wenn Sie mit Kindern und Jugendlichen im analogen Raum arbeiten, geben Sie ihnen dann auch christliche Grundsätze mit, wie sie in digitalen Räumen ethisch miteinander agieren können?

Charters: Grundsätzlich wollen wir Räume haben, in denen wir uns politisch, aber auch zwischenmenschlich und spirituell mit den Themen, die junge Menschen mitbringen, befassen wollen. Diese Räume laufen vor dem Hintergrund christlicher Glaubensgrundsätze. Wir wollen uns also auf Augenhöhe begegnen, uns gegenseitig den Rücken stärken und es fördern, für die eigenen Meinungen und Werte einzutreten. All das ohne Hass und Gewalt, sondern mit dem Blick für das solidarische Miteinander. Dieses ethische Miteinander wird vor allem im analogen Raum, also zum Beispiel in Ferienlagern, erlernt. Dennoch nehmen wir diese Grundsätze auch mit in die digitalen Räume, zum Beispiel unsere WhatsApp-Gruppen. So hoffen wir, dass die Kinder und Jugendlichen diese Grundsätze auch in andere digitale Räume mitnehmen. Dennoch hat die Debatte um das Social-Media-Verbot auch uns Jugendverbänden nochmal gezeigt, wie wichtig es ist, diese Kompetenzen bei jungen Menschen zu stärken und mehr Angebote in diesem Bereich zu schaffen, um ihnen eine sichere Teilhabe im Netz zu ermöglichen.

Von Ayleen Over