Ein Gottesdienst, der Singles zusammenbringen will

Eine junge Frau öffnet vorsichtig die leicht knarzende Holztür zur St. Andreas Kirche in der Düsseldorfer Altstadt, als wüsste sie nicht wirklich, was sie dahinter erwartet. Ihre Augen werden groß, sie bleibt stehen und blickt sich etwas verloren im reich verzierten Kirchenschiff um. Pater Christoph, ein junger Mann im weißen Gewand und mit runder Brille, macht einen Schritt auf sie zu und lächelt. "Herzlich Willkommen zum Single-Gottesdienst", flüstert er, dennoch hallen seine Worte durch die Kirche, in der nur wenige Lampen und das restliche Licht der Abendsonne die Kirche erhellen. Von außen dringen laute Rufe, Partygesänge und Musik aus Lautsprechern durch die dicken Kirchenmauern. Es ist Donnerstagabend, angenehm warm und eine Masse an feierwütigen Menschen drängt sich auf der Suche nach einer guten Zeit und vielleicht auch neuen Bekanntschaften durch die Bars und Kneipen der Düsseldorfer Altstadt.
Auch die etwa 20 Männer und Frauen, die an diesem Abend die kühle und stille Kirche aufgesucht haben, sind auf der Suche nach neuen Bekanntschaften und einem Abend in Gemeinschaft. Anders als die Menschen vor den Kirchenmauern haben sie sich aber nicht für Bars und Kneipen, sondern für den Single-Gottesdient der Dominikaner entschieden. Vier Mal im Jahr bieten die Dominikaner in Düsseldorf das gemeinsame Gebet und anschließende Zusammenkommen für Alleinstehende zwischen 25 und 50 Jahren an, und das seit Dezember 2022.
"Uns sind vor allem zwei Sachen aufgefallen", erklärt Pater Thomas, der an diesem Abend den Gottesdienst leitet. "Einerseits leben in Großstädten viele Singles. Andererseits gibt es so gut wie keine kirchlichen Angebote für diese Gruppe." Während vor allem Kinder, Jugendliche und Familien eine Vielzahl an für sie zugeschnittenen Veranstaltungen im kirchlichen Raum finden und besuchen können, fühlten sich Singles von vielem beinahe ausgeschlossen, so Pater Thomas. "Viele nehmen in ihrer Jugend auch noch rege am Angebot der Kirche teil. Aber wenn sie dann zu alt dafür werden oder in eine neue Gemeinde umziehen, fallen sie aus der kirchlichen Gemeinschaft raus. Dabei sollen natürlich auch alleinstehende Menschen eine Gemeinschaft in der Kirche finden. Mit dem Single-Gottesdienst wollen wir diese Lücke im Angebot schließen", betont er.
Die Kirche St. Andreas in der Düsseldorfer Altstadt
Im Gottesdienst selbst setzen sich die Männer und Frauen, die meisten von ihnen zwischen 30 und 40 Jahre alt, noch getrennt und mit großem Abstand zueinander in die Bänke. "Katholische Trennung", sagt Pater Christoph und lacht leise. An diesem Abend geht es vor allem um das Thema des Zweifelns und sich Annehmens. Der Apostel Thomas, der die Auferstehung Jesu zunächst anzweifelte, wird beispielhaft herangezogen. "Der Zwiespalt zwischen Glaube und Hoffnung gehören untrennbar zusammen, und genauso bereichern Zweifel den Glauben", erklärt Pater Thomas, seine Worte hallen vom Mikrofon des Ambo in die Kirchenbänke. Viele der Besucherinnen und Besucher blicken nach unten oder schließen die Augen, sie scheinen innezuhalten. Zwischendurch spielen die Dominikaner eine Kredo-Komposition ab, in der klassische Musik mit den Aussagen von Menschen über ihren Glauben verbunden wird. Das Nachdenken über den eigenen Glauben und die Zweifel sollen auch bei den Fürbitten im Mittelpunkt stehen. Jeder der Teilnehmenden kann eine eigene Fürbitte aufschreiben, die schließlich von den Dominikanern im Wechsel vorgelesen wird. Ein Segen für persönliche Anliegen, in der jeder nach vorne kommen kann, stellt den Abschluss des kirchlichen Teils dar.
Erst im Anschluss mischen sich die Besucherinnen und Besucher im hell ausgeleuchteten und recht kleinen Raum des Konvents gegenüber der Kirche und kommen miteinander ins Gespräch. An einem hölzernen Tisch sitzen Eduardo und Carolina und unterhalten sich rege miteinander. Die beiden Mittdreißiger haben zum ersten Mal den Gottesdienst besucht und kannten sich vorher nicht. Eduardo zog vor vier Jahren aus dem südamerikanischen Peru nach Düsseldorf und wurde durch eine Postkarte, die am Barbarossaplatz aushing, auf den Gottesdienst aufmerksam. "Städte sind für mich ein Paradox. Man hat viele Menschen, die eng miteinander zusammenwohnen, und doch sind viele einsam und weit weg voneinander", betont er. Aus diesem Grund habe ihn auch das heutige Thema des Zweifelns sehr angesprochen. Dennoch wünscht er sich mehr Engagement von der Kirche. "Ich wünsche mir generell, dass die Kirche mehr auf aktuelle Themen wie Einsamkeit oder finanzielle Krisen eingeht. Schließlich ist die Kirche für viele auch ein Ort der Sicherheit", betont er.
Carolina hat über die Zeitung von der Veranstaltung erfahren und sich sehr über das Angebot gefreut. "Es ist schwer, neue Leute kennenzulernen. Viele nutzen Apps, aber das Digitale liegt mir gar nicht, es fühlt sich jedes Mal wie ein Bewerbungsgespräch an. Das Schöne hier ist nicht nur, dass alles persönlicher ist, sondern man auch direkt einen gemeinsamen Nenner über den Glauben hat", erklärt sie. Dennoch sieht auch sie noch Nachholbedarf, allerdings bei den Gemeindemitgliedern selbst. "Der kirchliche Raum ist im Allgemeinen leider sehr anonym geworden. Die Menschen gehen nach der Messe direkt nach Hause, viele lassen auch den Friedensgruß aus. Gerade, wenn man neu in eine Gemeinde kommt, ist es unglaublich schwer, Fuß zu fassen."
Carolina (links) und Eduardo (rechts) sind beim Single-Gottesdienst ins Gespräch gekommen
Es wird sehr laut im Raum, an der Bar schenkt Pater Christoph neben Wasser und Cola auch das ein oder andere Glas Wein aus. Niemand sitzt alleine, aus der großen Gruppe bilden sich viele kleinere, es wird viel gelacht, einige zeigen sich Bilder auf ihren Handys. Pater Thomas freut sich sichtlich über die Kontaktfreudigkeit der Besucher. Dennoch ist es ihm wichtig zu betonen, dass der Single-Gottesdienst keinesfalls eine Datingbörse sei. "Die Menschen sind aus unterschiedlichen Gründen Single, einige auch freiwillig. Niemand braucht sich dafür zu rechtfertigen". Es gehe bei der Veranstaltung darum, neue Leute und Gleichgesinnte kennenzulernen, und das gehe natürlich auch freundschaftlich und nicht nur romantisch, erklärt der Dominikaner weiter. Auch, um sich weiter von einer Datingbörse abzugrenzen, stehe zuerst der Gottesdienst, die Gemeinschaft und der Fokus auf den Glauben an, bevor man zu Getränken zusammenkomme.
Auch, wenn sich an diesem Abend keine Massen zusammenfinden: das Angebot ist auch über Düsseldorf hinaus gefragt. Ulla ist eine der Teilnehmenden und extra aus dem 40 Kilometer entfernten Essen angereist. "In Essen nahm ich schon an einem Single-Gottesdienst teil und es hat mir sehr gut gefallen. Nur leider wurde das Angebot dort eingestampft. Ich habe dann im Internet nach anderen Standorten gesucht und bin auf Düsseldorf aufmerksam geworden", erklärt sie. Ihr gefalle der kirchliche Rahmen sehr, da sie auch katholisch aufgewachsen sei. "Ich hoffe vor allem, neue Leute kennenzulernen und aus mir rauszukommen. Der Alltag erlaubt es ja doch oft nicht, mal rauszugehen", so Ulla weiter.
Nach etwa zwei Stunden fangen die ersten Besucher an, zu gehen. Einige haben Nummern ausgetauscht, andere umarmen sich zum Abschied. Ulla, Eduardo und Carolina sind sich einig: Sie wollen wiederkommen. Allerdings gibt es dabei einen kleinen Haken, der von allen dreien auch kritisiert wird. Der Gottesdienst findet nur viermal im Jahr statt, der nächste Termin ist Anfang Oktober. Zu wenig, finden die drei, doch die Dominikaner schaffen es zeitlich momentan nicht häufiger. Auch gibt es mitunter Kritik an der Altersbeschränkung von 25 bis 50, einige sehen sich ausgeschlossen. Dennoch glaubt Pater Thomas an die generelle Wirksamkeit des Angebots. "Die Themen der jüngeren Menschen sind oft andere, als die Fragestellung von älteren Menschen. Ihnen möchten wir Raum geben, um Gleichgesinnte zu finden", erklärt er die Begrenzung. Zwar gebe es keine Garantie, dass man den Partner fürs Leben treffe, aber der Selbstwert der Menschen als Single werde erhöht, wenn sie mit anderen ins Gespräch kommen. "Zwar haben sich konkret noch keine Paare aus dem Kreis des Single-Gottesdienstes entwickelt, aber einige, die anfangs dabei waren leben nun in einer Partnerschaft, was auch den stetigen Wechsel der Besucher erklärt", betont Pater Thomas und lächelt erfreut.