Katholische Tattoos? Die Geschichte hinter Leleks ESC-Look
Dunkle Tätowierungen im Gesicht, auf Händen und Armen – kleine Kreuze, Linien und geometrische Muster: Der markante Look der kroatischen Gruppe Lelek beim Eurovision Song Contest fiel vielen Zuschauerinnen und Zuschauern sofort ins Auge. Mit düsterer Atmosphäre, modernem Pop und religiös wirkender Symbolik gehörte ihr Auftritt zu den auffälligsten des Abends. Ihr Lied "Andromeda" erzählte von Angst, Verrat, Verlust und Überleben – die Tätowierungen sollten diese Themen visuell spiegeln.
Schnell aber machte im Umfeld des ESC eine Geschichte die Runde: Bei den Zeichen soll es sich um traditionelle Tätowierungen katholischer Kroatinnen in Bosnien während der osmanischen Herrschaft handeln. Die Kunstform, bekannt als "sicanje" oder "bocanje", sollte Frauen vor Verschleppung und Zwangskonversion schützen. Tätowiert wurden Kreuze, Sonnenzeichen und ornamentale Muster auf Hände, Arme oder Stirn – als Ausdruck von Glauben, Identität und Zusammenhalt. Die Gruppe hatte im Vorfeld erklärt, "Andromeda" sei ein Lied, das die "unersetzliche Bedeutung der Frau in der Gesellschaft thematisiert." Das Lied soll dabei von der eingangs erwähnten Geschichte inspiriert worden sein. Dabei soll es "nicht nur eine Erinnerung an ihr Opfer und ihren Mut, sondern auch eine universelle Mahnung an die heutige Gesellschaft sein, die den Preis von Freiheit, Würde und Gleichheit oft vergisst". Zudem wolle man mit dem Lied dazu aufrufen, aus "den Wunden der Geschichte zu lernen" und eine "gerechtere und menschlichere Zukunft zu schaffen".
Geschichte nicht ganz eindeutig
Doch ganz so eindeutig ist die Geschichte nicht, eher im Gegenteil. Der bosnisch-kroatische Historiker und Publizist Ivan Lovrenovic widerspricht dieser oft erzählten Deutung im Gespräch mit katholisch.de. Nicht nur Mädchen und Frauen seien tätowiert worden, sondern auch Männer. Als Beispiel nennt er den bekannten Franziskanerpater und Gesellschaftskritiker, Luka Markesic (1937–2014), der bereits als Jugendlicher ein solches Kreuz auf die Haut gestochen bekam. Markesic wurde später zu einer wichtigen Stimme für Frieden und Versöhnung nach dem Bosnienkrieg (1992–1995).
Vor allem aber kritisiert Lovrenovic die politische und ideologische Verkürzung der Tradition sowie die Tatsache, dass daraus eine vermeintliche "Sensation" gemacht wurde. 1993 während des Bosnienkriegs seien katholische Frauen in ihren alten Trachten (mit Tattoo) im kroatischen Fernsehen unter Präsident Franjo Tudjman gezielt als Symbol nationaler Identität inszeniert worden, nachdem ganze Häusergemeinschaften und Familienlinien alteingesessener bosnischer Katholiken aus ihren jahrtausendealten Lebensräumen rund um die bosnischen Orte Lašva, Kraljeva Sutjeska, Jajce und Pougarje vertrieben wurden.
Das Paradox kommentierte Lovrenovic so: "Die suggerierten Fragen und die demütigen Antworten liefen auf eine schlichte Erklärung mit stark aktuellem politischem Unterton hinaus: Das seien Kreuze, und wir tragen sie seit der Ankunft der Türken, damit man weiß, dass wir Kroaten und Katholiken sind." Für Lovrenovic greift das viel zu kurz. Die Motive seien deutlich älter als das Christentum oder das Osmanische Reich. Die Tattoos etwa gehören zu einer "rätselhaften vorslawischen, vorchristlichen und sogar vorantiken Balkantradition", schreibt er.
ESC-Gruppe Lelek aus Kroatien bei ihrem Auftritt
Archäologische Funde und historische Quellen deuteten darauf hin, dass Tätowierungen auf dem Balkan bereits vor zwei- bis dreitausend Jahren verbreitet waren – bei Illyrern, Thrakern und anderen Völkern der Region, so Lovrenovic. In illyrischen Gräbern seien in diesem Zusammenhang Nadeln gefunden worden, mit denen diese Tätowierungen ausgeführt wurden. Die englische Forscherin Edith Durham und der kroatische Archäologe Ciro Truhelka untersuchten das Phänomen in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und stellten den vorgeschichtlichen Ursprung fest.
Nicht bloß religiöses Symbol
Dazu erzählt Lovrenovic: "Gemeinsam ist all diesen Forschungen die Erkenntnis, dass sich das Relikt dieses uralten Brauchs in unserer Zeit nur noch in Zentralbosnien und nur bei einem Teil der katholischen Bevölkerung erhalten hat. Viele Autoren vertreten zudem die Ansicht, dass diese kulturelle Tatsache in Bosnien – einem Land mit einem nahezu vollständigen Bruch im kollektiven Gedächtnis – eines der äußerst seltenen verlässlichen Zeugnisse der Kontinuität mit dem vorslawischen ethnischen und kulturellen Substrat darstellt."
Dass sich dieser Brauch bis in die Gegenwart ausgerechnet bei einem Teil der katholischen Bevölkerung Zentralbosniens erhalten habe, mache ihn umso faszinierender. Für Lovrenovic ist das Tätowieren deshalb ein seltenes Zeugnis kultureller Kontinuität auf dem Balkan – gewissermaßen eine Spur längst vergangener Kulturen. Gerade deshalb lassen sich die Tattoos nicht allein aus einer nationalen und religiösen Perspektive betrachten. Sie sind demnach kein katholisches Erkennungszeichen, da ihre Ursprünge weit vor dem Christentum liegen. Zudem würde laut Lovrenovic ein solches Phänomen eigentlich eine "andere intellektuelle Haltung hervorrufen – etwa einen Hunger nach systematischen Forschungen und neuem Wissen – sowie eine andere emotionale Beziehung, etwa einen gewissen regionalen und patriotischen Stolz". So jedoch reduziere sich laut dem Historiker alles auf "historische Ignoranz und ideologische Vereinfachung: Kreuze, damit man weiß, dass wir keine Türken, sondern Katholiken sind."
Die Tätowierungen der Gruppe Lelek zeigen, wie vielschichtig kulturelle Symbole auf dem Balkan sein können. Was auf den ersten Blick wie ein religiöses oder nationales Zeichen wirkt, verweist bei genauerem Hinsehen auf eine jahrtausendealte Tradition, die älter ist als moderne nationale Identitäten oder religiöse Zuschreibungen. Gerade deshalb lassen sich die Tattoos nicht allein auf eine katholische oder kroatische Bedeutung reduzieren.
